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Qigong mit Tusche und Pinsel – Sumi-e

von Gabi Fischer-Lind

In Perfektion sieht alles sehr einfach aus!
Ein kurzes Eintauchen des Pinsels in die Tusche, geduldiges Kneten und dann der erste Strich. Er ist entscheidend und prägt das ganze Bild. Mit wenigen Strichen formt sich eine Katze, eine Pflanze, eine Blumenvase oder eine Landschaft. Helles Grau fließt sanft über das Bild, satt-schwarze Linien formen, begrenzen oder ergänzen es. In wenigen Minuten ist das Werk „fertig“. Dann heißt es, das Blatt weglegen und von Neuem beginnen. Wieder und wieder.

Beim Üben wähne ich mich in einer Qigong-Übung: die Ausrichtung des Geistes, die innere Klarheit und die Verbindung in den Körper (bis in den Pinsel). Der Moment zählt. Diese eine Übung kann nicht nachgebessert oder geschönt werden. Sie ist einfach wie sie ist. Loslassen und von Neuem beginnen.

Erst die Form, dann die Kunst.
Technik ist die Grundlage jeder Kunst, ob es ein Instrument ist, Malerei oder Qigong. Stimmen die Grundlagen, kann der Rest gelingen. Also erst einmal üben, üben, üben. Ist der Pinsel zu trocken oder zu feucht? Habe ich meinen Pinsel mit der gewünschten Graustufe, dem nötigen Farbverlauf „geladen“? Und wieder üben, üben, üben.
Das Papier saugt stark die Tinte. Sobald man einen Moment innehält, blüht sie weit über meinen Strich hinaus. Da sollte die Bewegung sitzen, Arm und Schulter locker sein, im Stehen auch die Hüften.
Lockern und üben, üben, üben.
Bambusstamm und Blätter harmonisch vereinen, die richtige Größe treffen, den letzten über die Harmonie entscheidenden Punkt auf das Papier bringen… Du ahnst es schon: erfordert wieder üben, üben, üben.

Und siehe da, das Üben selbst ist es, was die Freude bringt – nicht die angestrebte Perfektion, sondern das Spielen mit den eigenen Möglichkeiten.
Der Weg ist das Ziel, heißt es ja bekanntlich.

Einatmen – Ausatmen
Kennst du das auch? Wenn es besonders kniffelig wird, hält man den Atem an. Doch was man für höchste Konzentration hielt, ist nachher auf dem Papier bemüht und verkrampft. Es fehlt die Tiefe. Also noch einmal und den Atem fließen lassen. Brustkorb, Schultern und Zwerchfell lockern, Lächeln und entspannen, bis der Atem mit dem Pinsel fließt.

Weniger ist mehr.
Im Gegensatz zu den um Detailtreue und vollständige Abbildung bemühten Malerei-Stilen, gilt es im Sumi-e die Kunst des Weglassens zu vervollkommnen. Was ist wichtig für mein Motiv? Wie viel braucht es, um erkannt zu werden? Dafür muss ich erst einmal sehr gut hinschauen; fokussiert, ohne Ablenkung. Leere und Klarheit sind immer die wichtigste Zutat für ein Sumi-e-Bild. Die weißen, leeren Flächen dominieren das Blatt.
Dann kommt die gekonnte Platzierung eines Motivs, das aus wenigen markanten Strichen und Flächen besteht. Zum Schluss wirkt es so geklärt und aufgeräumt, wie der Maler ist (oder auch nicht).

„Weniger ist mehr“ – sage ich oft zu meinen Qigong-Schülern. Natürlich gilt es in den Übungen „das Richtige“ zu tun. Noch wichtiger ist allerdings, vieles wegzulassen! Allem voran das Zuviel an Kraft und Wollen, das Bemühen mit gekräuselter Stirn und festgefahrenen Vorstellungen, das „ich mache es wie immer“. Nur dann werden wir überrascht, kommt eine neue Erfahrung wie ein Geschenk.

Du malst, wie du bist – du übst, wie du bist.
Wie könnte es anders sein: Alles, was wir tun, spiegelt das Innere. Ohne Fokus und innere Ruhe werden die Pinselstriche flüchtig und die Schattierungen haben nicht ausreichend Zeit, sich zu entfalten. Mit
angestrengter Konzentration und Angst, einen Fehler zu machen, wird alles steif und zittrig. Jedes Zögern erzeugt einen Klecks.
Auch die gute Laune, der entspannte Tag, das Glücksgefühl, die Herzensruhe sind auf dem Bild wiederzufinden.
Natürlich erinnert mich das an meine Qigong-Übung und an die vielen Schüler, die ich in den letzten 27 Jahren unterrichten konnte: Wir haben alle mehr oder weniger gleiche Voraussetzungen, eine einfache Bewegung auszuführen. Was sie prägt, sie ganz persönlich macht, ist unser Geist, die Emotionen, die Rückschlüsse aus unseren Erfahrungen, aus Erziehung, Gesellschaft… Es sind nicht die Erfahrungen an sich, sondern unsere ganz persönliche Essenz, die wir aus dem Leben ziehen (oder durch unsere Möglichkeiten ziehen können). Sie zeigen sich im Qigong, genauso wie auf einem Bild.

Unsere Aufgabe im Qigong verstehe ich als sanfte Form des Lernens, als Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen: Als Ergebnis sinken die Schultern, entspannt sich der Rücken, verbessert sich der Schlaf, lächeln wir öfter… Die eigentliche Veränderung findet im Inneren statt.
So verstehe ich das auch im Sumi-e: zu üben, einen sehr langen, schwungvollen und breiten, schwarzen Strich aufs Papier zu bringen, in der Übung Arm und Schulter, Atem und Geist miteinander zu vereinen, stärkt auch meine Fähigkeit, mutig, aufmerksam und entschlossen zu handeln. Zum Schluss zeigt sich, ob Blick, Technik und Spontanität zusammenfinden.

Am Ende ist da nur Freude.
Da sitze ich erst einmal vor meinem weißen Blatt Papier. Meist liegt eine Vorlage daneben. Ich betrachte sie und denke, ich kenne die wenigen Striche – lege sie beiseite. Den Pinsel in der Hand, kommt dann doch ein kleines Zögern. Wo beginnen? Wie mein inneres Bild auf das weiße Blatt bringen? Wo war noch einmal der erste Strich?
Wenn ich dann im Malen bin, entscheidet sich schnell, ob es gelingt, oder nicht, oder mich überrascht. Das Ergebnis verliert zwischenzeitlich die Bedeutung. Habe ich das Wesentliche dieses Motivs erkannt? Hat es Charakter und Ausstrahlung?
… egal, denn wie das Ergebnis auch aussieht, ist die Antwort immer die gleiche: „Und noch einmal.“ sage ich mir, vergesse die Zeit und lächle.

Ich bedanke mich von Herzen bei meiner Sumi-e-Lehrerin Sybille Schnabel!

“Bevor ein Bambus gemalt werden kann, ist es nötig, dass dieser in der Seele wächst. Erst dann, mit dem Pinsel in der Hand und gesammeltem Blick wird eine Vision geboren. Diese Vision wird sofort mit Pinselstrichen niedergelegt, da sie wie ein Hase im Laub verschwindet, sobald sich ein Jäger annähert.“
(Sung Tung Po)

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