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Kata Bunkai Teil 2 – Isolation

von Matthias Degen

Der folgende Artikel ist der zweite Artikel zum Thema Kata Bunkai und beschäftigt sich mit der Isolation von Elementen der Kata. Für einen Überblick über meine Interpretation des Kata Bunkai lesen Sie bitte folgende Einführung: Kata Bunkai Teil 1 – Wie kann man mit der Kata lernen?

Unter Isolation verstehe ich das Herauslösen von Elementen aus dem Gesamtzusammenhang, um sie getrennt vom Rest zu üben oder zu studieren. Aus diesen Elementen kann ich auch wieder Teile isolieren, usw. Warum möchte ich mich mit diesen Elementen getrennt auseinandersetzen?

Möglichkeiten der Isolation

Reduzierte Komplexität und kleine Gewinne
Kata an sich reduziert schon Komplexität und ist eine Möglichkeit, Chaos zu minimieren. Die Isolation von einzelnen Elementen der Kata ist nun ein weiterer Schritt in diese Richtung. Geringere Komplexität macht es leichter, kleine Gewinne zu erhalten. Genug kleine Gewinne führen zu mehr Selbstsicherheit im Tun. Dies ist ein wichtiges Hilfsmittel für Anfänger und Fortgeschrittene.

Hohe Wiederholungen und eine solide Basis
Die Konzentration auf ein oder wenige Elemente ermöglicht ein intensiveres Studieren und Üben. Je weniger Elemente eine Übung besitzt, um so mehr können wir die Übung wiederholen. Eine höhere Wiederholungszahl von achtsamen, angemessenen Übungen führt zu einer soliden Basis, auf der wir aufbauen können. 

Vermeidung von ständigem Nachschub an Stimuli
Durch Isolation vermeiden wir Ablenkungen. Wir brauchen nicht ständig etwas Neues. Wir können unsere volle Aufmerksamkeit auf eine Sache richten. Wir arbeiten erst einmal mit dem, was wir haben. Wir müssen nicht alles immer im Blick haben. Wir machen uns nicht voll, sondern leer.

Tiefe vor Breite
Wir versuchen eine kleine Menge an Informationen tief zu verstehen. Wir schmieden und polieren. Kleinen Mengen wandern vom bewussten Denken zur Intuition und können sich dort mit anderen Elementen verbinden (Chunks), für ein höheres Verständnis und Können.

Mache langsam, bevor Du schnell machst
Verinnerliche einige Dinge so, dass Du sie in extremen Details erkennen kannst. Wenn sich das Bewusstsein nur auf eine kleinen Teil konzentrieren muss, dann hat es mit weniger zu tun und kann sich auf mehr Details konzentrieren. Dies fühlt sich manchmal an, als wäre die Zeit verlangsamt. Das Gegenteil bedeutet: Wenn wir immer mehr Informationen auf einmal erhalten von vielen unterschiedlichen Quellen, dann erhöht sich die Entropie, alles ist schnell, unübersichtlich und chaotisch.

Das Kleine und das Große
Zumeist ist ein tiefes Verständnis der kleinen Dinge, der einzelnen Dinge, der Details wichtig, um das Gesamte zu verstehen. Prinzipien, die eine Technik ausmachen, machen manchmal das gesamte Universum aus.

Die Liebe zu den Techniken
Ich bringe den Techniken und Formen Respekt entgegen. Deshalb übe ich sie intensiv, unabhängig vom Nutzen. Ich denke nicht ständig an "form follows function", an Anwendbarkeit oder Effizienz. Ich muss mich nicht ständig fragen: "Was ist für mich drin?

Den Geschmack der Techniken
Ich versuche den Geschmack oder die Nuancen einer Technik herauszuarbeiten. Nur wenn wir tief eintauchen in die grundlegenden Formen, entsteht wahre Fertigkeit (Yugen - die unergründliche Tiefe).

Vereinfachen bis zur Essenz
Wir dringen bis zur Essenz vor. Wir isolieren und vereinfachen bis nur noch ein Gerippe da ist und wir den Knackpunkt (Kotsu) fühlen. Wir machen schrittweise kleinere Kreise: Wir verkleinern weiter und weiter, ohne die Wirkung zu verlieren.

Grenzen der Isolation

Isolation hat Grenzen. Man sollte sich immer die Frage stellen, was die Kata uns sagen möchte, und ob das isolierte Üben für uns einen Sinn macht.

Fehlende Erkenntnisse
Habe ich nun alles auseinander genommen, aber keinen Erkenntnisgewinn? Habe ich an den falschen Stellen herumgeschraubt? Oder habe ich etwas gemacht, das wirklich einen Einfluss hat und mir eine Erkenntnis gebracht hat?

Isolierte Elemente werden ohne Bezug geübt (fehlendes Chunking)
Etwas zu lernen ohne den Kontext zu kennen, kann schwierig sein. Deshalb ist es wichtig, auch immer wieder das gesamte Bild anzuschauen. Dies kann helfen, einzelne Elemente besser zu behalten oder überhaupt den Sinn dahinter zu verstehen. Es hilft auch, einzelne Elemente miteinander in Zusammenhang zu bringen (Chunks). Betrachten wir die Elemente nur getrennt ist dies wie ein Ausschnitt aus einem Puzzle ohne Verbindungsteile. Doch mit Hilfe des Kontextes entstehen Puzzleverbindungen, die es leichter machen, das Element mit anderen Elementen in Verbindung zu bringen und den Gesamtzusammenhang zu verstehen.

Isolation als Vermeidungsstrategie
Benutze nicht die Isolation, um den schweren Brocken aus dem Weg zu gehen. Frage Dich: Habe ich isoliert, um die schwierigen Aspekte und eigentlichen Problemen zu vermeiden?

Die Gefahr der Gewissheit
Dank Isolation können wir leichter kleine Gewinne erhalten, die uns Selbstsicherheit geben. Doch Selbstsicherheit kann ohne Korrektiv zur Überheblichkeit führen. Das Korrektiv kann die Tradition (mit Hilfe der Kata), die Gruppe oder eine neue Herausforderung, wie z.B. ein Jiyu Kumite, sein. Haben die alten Meister den Stein der Weisen gehabt? Hat die Gruppe immer Recht? Sicherlich nicht. Doch wir fehlen genauso. Vielleicht gibt es Dinge, die die anderen besser verstanden haben, als wir. Wahrer Fortschritt basiert immer auf der eigenen Schöpfung und dem Aufbauen auf Altem (Wir stehen auf den Schultern von Giganten), ist immer ein Abwägen zwischen Individualität und Gemeinschaft.

Unerwünschte Effekte auf die Gesamtform
Es kann passieren, dass ich durch die isolierte Übung ein Ungleichgewicht im Gesamten erwirke, so dass ich mich nun anderen Elementen der Form widmen muss, um die Form wieder ins Lot zu bringen.

Das Trugbild der absoluten Perfektion
Das Trugbild der absoluten Perfektion bremst. Es gibt keinen klaren stufenweisen Weg in den Kampfkünsten bis zur Perfektion, der Weg besteht nicht nur aus Treppensteigen, sondern zwischendurch muss man immer wieder nach oben oder nach unten springen. Die Kunst ist es, die richtigen Sprünge zur rechten Zeit zu machen.

Loslösen von der Kata
Isolation allein führt zwar zu Erkenntnissen und Fortschritt, kann jedoch auch von der Kata fortführen. Wenn man dies möchte, ist das in Ordnung. Sieht man sich jedoch in einer gewissen Kampfkunsttradition, dann ist das Ziel sowohl ein sich Loslösen von der Form, als auch tiefes Verinnerlichen und Verbinden mit der Form. Durch Isolation kann es passieren, das man seinen Fokus zu stark auf einen Aspekt der Kata, bzw. eines Elementes der Kata richtet und das Gesamtbild vergisst. Deshalb gehört zum Kata Bunkai auch immer wieder die Integration des Erlernten in die Kata, um zu sehen, ob die Isolation überhaupt einen Sinn macht. Man schwankt immer zwischen Dekonstruktion und Konstruktion, zwischen eigener Kreativität und Bewahrung der Form, zwischen Tradition und eigener Erkenntnis. Wie finden wir etwas heraus? Nur durch Tüfteln und Üben. Das Eigene nicht zu verleugnen, Kreativität nicht zu unterdrücken und doch offen für andere und die Tradition zu sein. Kein Meister und kein Künstler steht für sich, er steht immer in der Tradition von etwas, ob er möchte oder nicht. Nichts entsteht alleine aus dem Nichts.

Isolation führt zu Verschrobenheit
Die Rückkehr zur Kata vergleiche ich mit der Rückkehr des Einsiedlers aus seiner einsamen Hütte zurück in die Gesellschaft. Der Einsiedler hat Erkenntnisgewinne erhalten, die er anders vielleicht nicht bekommen hat. Die wahre Meisterschaft besteht aber in ihrer Umsetzung in der Gesellschaft. Dabei sieht man bei Einsiedlern, die zu lange alleine waren, dass sie eine Verschrobenheit entwickelt haben, die in der Gesellschaft Schwierigkeiten erzeugt. Deshalb benötigt man ab und an die Rückmeldung der Kata (oder der Gruppe), um zu schauen, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist oder ob man auf dem Holzweg ist.

Mein nächster Artikel zeigt praktische Möglichkeiten der Isolation anhand von Beispielen aus der Karate Kata Jion und der Zweipersonen-Form Seoi Tan (Seoi Gakari) aus dem Takagi Yoshin Ryu.

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