Start Alle Bigaku Teil 4: Mono no Aware – Sensibilität gegenüber der Vergänglichkeit

Bigaku Teil 4: Mono no Aware – Sensibilität gegenüber der Vergänglichkeit

von Matthias Degen

Die Japaner lieben die Kirschblüte. Eine kurze Zeit zeigen sich die Bäume in schönster Pracht, doch dann ist alles wieder vorbei. In Japan gilt Schönheit als fragil und vergänglich. Mono no Aware (物の哀れ) bedeutet wörtlich "Mitleid mit den Dingen haben" und beschreibt was mit uns passiert, wenn wir die Kirschblüte sehen und uns ihre Vergänglichkeit bewusst wird. Dinge, bei denen wir wahrnehmen, dass sie flüchtig sind, haben eine Kraft, uns zu berühren. Hier trifft Schönheit auf Traurigkeit. Bei alltäglichen Dingen, die uns ständig begegnen, vergessen wir das oft. Wir betrachten sie nicht oder nehmen sie als gegeben hin. Sie haben ihre Kraft verloren. Doch auch diese Dinge sind vergänglich.

Nichts bleibt, wie es ist. Die Samurai waren sich dessen sehr bewusst. Sie mussten jederzeit damit rechnen, auf dem Schlachtfeld zu sterben. Doch wenn wir ehrlich sind, unabhängig davon, ob wir in die Schlacht ziehen oder ein friedliches Leben leben. Der Tod kann uns allen ständig ereilen.

Mono no Aware ist ein Gefühl für diesen Kreislauf von Werden und von Vergehen. Ältere Menschen sehen, wie Gleichaltrige von Jahr zu Jahr immer weniger werden. Auch wir Kampfkunstübende erleben dies. Nur noch wenige betreiben Kampfkunst, die gemeinsam mit mir angefangen haben. Mono no Aware ist diese liebevolle Melancholie, die wir haben, wenn wir daran denken und den Fluss der Natur um uns herum sehen. Sie hält uns nicht davon ab, unser Leben und unseren Kampfkunstweg mit Genuss weiter zu beschreiten. Wir leben mit unseren Erinnerungen, ohne von ihnen bestimmt zu werden.

Wie nehme ich Mono no Aware mit in die Kampfkunst-Übung? Ich bemühe mich, der einzelnen Übung mehr Achtung zu schenken, auch wenn ich fast jeden Tag trainiere. Der Ausspruch "Ichi Go Ichi E (一期一会)" passt für mich dazu. Er bedeutet "ein Treffen, eine Chance". Da alles vergeht, kann man nicht ewig üben oder ständig etwas wiederholen. Dies sehe ich als Aufforderung, mich nie darauf zu verlassen, dass ich eine zweite Chance bekomme. In einer Selbstverteidigungssituation auf Leben und Tod habe ich sie auch nicht. Also versuche ich, diese Unabwendbarkeit der fehlenden zweiten Chance im Training umzusetzen, z.B. durch eine ernsthafte und achtsame Übung des Ippon Kumite. 

Im Klang der Gion Shōja Glocken tönt die Vergänglichkeit aller Dinge, die Farbe der Sala Blüte offenbart, dass die Erfolgreichen fallen müssen. Die Stolzen sind nicht von Dauer, sie gleichen dem Traum in einer Frühlingsnacht. Die Mächtigen fallen zuletzt, sie sind wie Staub vor dem Wind.

Heike Monogatari 平家物語 - Erzählungen von den Heike

Für einen Kampfkünstler kann Mono no Aware auch eine Mahnung sein, nicht zu stolz auf sein Können, seine Tradition oder sein Erreichtes zu sein. Alles, was man aufbaut, wird wieder vergehen. Sei es die eigene Kraft, die eigene Kampfkunstschule oder der eigene Name. Manchmal in der Kürze eines Wimpernschlages. Man muss sich gewahr werden, dass einige nach unseren Maßstäben hässliche oder unnütze Dinge uns überdauern werden, sogar alle großen Ideen überdauern werden. Dies macht mich demütig. Denn im Angesicht der Unendlichkeit ist unser Tun einfach nur unbedeutend. In jedem einzelnen Moment jedoch, kann es das Wichtigste oder Schönste sein, was es gibt. Deshalb vergesst nie, kleine Momente wert zu schätzen und das Leben voll zu genießen, auch wenn Ihr etwas aufbauen möchtet, ein Ziel vor Euch habt oder eine Leistung vollbringen müsst.

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