Start Alle Bigaku Teil 3: Sabi – Patina und einsame Stille

Bigaku Teil 3: Sabi – Patina und einsame Stille

von Matthias Degen

Sabi (寂) beschreibt eine leicht düstere Qualität. Sie deutet auf Einsamkeit, Alter und den Lauf der Zeit. Wörtlich lässt sich Sabi mit „einsam, öde, in Verfall geraten, Patina, Stille“ übersetzen. In der Gedichtsammlung Man’yōshū (Sammlung der zehntausend Blätter) aus der Heian-Zeit hatte Sabi noch die Bedeutung von verlassen sein (z.B. die Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde). Die Bedeutung hat sich mit der Zeit geändert, so dass man mit Sabi eher gut gealtert meint. Sabi ist die objektiv sichtbare Patina, die alten Dingen ihre Schönheit verleiht. Sabi ist für mich die Kata-Vorführung eines alten Kampfkunst-Meisters (als Beispiel sei hier die Kata Passai von Katsuya Miyahira genannt: https://youtu.be/p53YnsPrS1c?t=307). Er ist nicht mehr auf der Höhe seiner körperlichen Fähigkeiten und manchmal sieht es so aus, als stehe er etwas wackelig auf den Beinen. Doch die Vorführung strahlt Würde, Ruhe und Erfahrung aus und man kann das lebenslange Beschäftigen mit der Kampfkunst erkennen. Sabi beschreibt sicherlich nicht die Kata-Vorführung eines hochgezüchteten Spitzenathleten.

Als der Kinkakuji (Goldener-Pavillon-Tempel) in Kyoto im Jahre 1950 von einem Fanatiker niedergebrannt wurde, wurde er 1955 als genaue Replik wieder aufgebaut. Nicht nur, dass nun alle Macken und Zeichen des Verfalls des alten Tempels verschwunden waren. Nein, der neu errichtete Tempel wurde noch prachtvoller, als jemals zuvor. So wurden goldene Verzierungen angebracht, die vermutlich ursprünglich so nie realisiert wurden. Scharen von Touristen kommen nach Kyoto, um zu sehen, wie der Tempel sie anstrahlt. Sicherlich beeindruckend, aber seinen Status als Nationalschatz Japans hat der Tempel dennoch verloren. Die Sabi-Qualitäten des alten hat der neue nicht. Dazu müsste er Patina ansetzen und über die Jahre reifen, wie ein guter Whiskey. Auch die Leistungen eines Spitzenathleten sind eindrucksvoll. Doch die Reife eines alten Meisters der Kampfkünste hat er nicht.

Sabi weist auch darauf hin, welche friedliche und entspannte Befriedigung es sein kann, für sich allein zu sein. Wie Sabi umarmen wir Kampfkunstübende die einsame Stille. Zumeist üben wir in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Doch nur, wenn wir auch mit der Einsamkeit befreundet sind, können wir unseren Kampfkunstweg wirklich beschreiten. Wir brauchen weder teure Übungsgeräte, noch schicke Dojos oder viele Trainingspartner. Es reicht, dass wir täglich für uns üben.

Einsamkeit -
Inmitten der Blüten stehend,
ein Zypressenbaum.

Matsuo Bashō

Nichts bleibt. Ein Kampfkunstübender kämpft nicht gegen diese Vergänglichkeit an. Er übt nicht zehn Jahre intensiv, um auf Wettkämpfen zu bestehen und zu glänzen, um dann aufzuhören, weil er seinen körperlichen Zenit überschritten hat. Er geht seinen Weg weiter, zwar seinem Zustand und Alter angemessen, aber unbeirrt. Dies sollte man nicht mit einer abgeschwächten, bestenfalls mittelmäßigen Variante der Kampfkunst verwechseln. Auch das ist Sabi: die mutige Akzeptanz des Lebens mit allen Höhen und Tiefen. In den Kampfkünsten wird dies durch den Gürtel symbolisiert. Der ursprünglich schwarze, saubere Gürtel eines jungen Schwarzgurtes wird mit der Zeit abgenutzt, spröde und grau. In ihm zeigt sich all die Erfahrungen und der Schweiß der langen Übung.

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