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Von Kihon zu Jiyu Kumite

10.11.2017 – 12.11.2017

Regen, Wind und Kälte in Bensheim. Der Herbst zeigt sich von seiner besten Seite. Und während er sich müht sein Werk zu vollbringen, sind an den Zweigen der Bäume schon die Vorboten des neuen Zyklus zu erkennen. Zwar bringt der Winter noch die ersehnte Verschnaufpause, aber die Kräfte beginnen sich schon im Inneren zu Konzentrieren. Ein nie endender Kreislauf, der uns im letzten „technischen“ Karateseminar 2017 im Budokan seine klamme Schulter zeigte.
Einen ebensolchen Kreislauf präsentierte uns Sensei Matthias Degen dagegen im warmen Dojo.

Von Kihon zu Jiyu waza lautete das Seminarthema an diesem Wochenende. Kihon waza als holistisches Konzept, enthält verschlüsselt alle kämpferischen Prinzipien. Im Seminar sollen diese Prinzipien in kampfbezogene Handlungen überführt werden, ausgeführt in Jiyu waza, der freien Technik. An einem Schaubild ordnete M. Degen sein Seminarthema in das BSK Karatesystem ein. Im Zentrum stand dabei die KATA, aus der wir schöpfen, und in die alles zurückfließt. Wir zerlegen die kata, was mit dem kanji BUN bezeichnet wird. Dabei können alle möglichen Elemente herausgelöst werden, z.B. einzelne Techniken oder Sequenzen, Bewegungsprinzipien, Taktische Methoden, etc.
Anschließend erfolgt die Anpassung und Variation, was als HENKA bezeichnet wird. Dies kann auf eine kämpferische Situation bezogen sein. Dabei werden die festgelegten wenn-dann Situationen aus den Ippon kumite schrittweise so verändert, dass uke oder tori sich variabel und angepasst an die jeweilige Reaktion Verhalten müssen.
KAI schließlich bezeichnet die Auflösung der vorangegangenen Übungsschritte. Der Karateka verinnerlicht den Inhalt und benötigt die Form nicht mehr.

Matthias Degen wählte als Ausgang eine Sequenz aus der kata JION: kakiwake uke – mae geri – sanbon zuki. Eine geradlinige, nach vorn gerichtete Kombination. Zunächst ließ er uns die Basics für diese Techniken üben: Ausrichtung und Aufbau des Standes, Verlagerung des Schwerpunktes, Einsatz der Hüfte, etc. Über verschiedenste Übungen alleine, mit Partner und mit Geräten wurden die Prinzipien verdeutlicht und verbessert.

Es folgten die Techniken. Verschiedene Möglichkeiten Fauststöße auszuführen, nach Distanz, Kraftaufbau oder Situation angepasst. Kakiwake uke als universale Verteidigungsbewegung, mit einem oder zwei Kontakten, in verschiedenen Winkeln innen oder außen zum Partner, als Ausgang für kurze direkte Fauststöße. Als Ausblick zeigte Matthias auch noch Angriffe, z.B. Würgegriffe, aus kakiwake uke. Ebenso wurde der Mae geri behandelt, als starker Angriff, als Finte, als Fußfeger, usw. Dabei machte M. Degen deutlich, dass die Kreisläufe (BUN – HENKA – KAI bzw. KIHON – JIYU) an jeder beliebigen Stelle unterbrochen werden können, um Fehler oder Verständnisschwierigkeiten an einer anderen Stelle aufzuarbeiten. Für mich persönlich wurde dadurch ein weiterer Kreislauf offensichtlich. Mein Verständnis für ein Körper- oder Anwendungsprinzip spiegelt sich wieder in dem was und wie ich es unterrichte. Fehler, die ich bei meinen Schülern erkenne, habe ich selbst noch nicht gut umgesetzt. Vielleicht betone ich gerade deswegen besonders intensiv das Problem, weil ich es selbst korrigieren möchte, oder ich verdränge es. Prinzipien die ich nicht verstanden habe, entdecke ich auch bei meinen Schülern nicht als Fehler. Entsprechend umfassend motivierend war das Erlebnis dieses Seminares für mich. Ich habe als Schüler gelernt und als Lehrer.

Ich wurde in manchem bestärkt, und an anderer Stelle wiederum auf grundlegendes Aufmerksam gemacht. Gleichzeitig gab uns Matthias eine Fülle an Beispielen, wie wir an den Problemen arbeiten können. Der Dank an ihn fällt nicht nur deswegen riesig aus, sondern auch weil er direkt aus dem Krankenbett zum Seminar kam, gerade soweit genesen, dass die Kraft für uns gereicht hat. Ich hoffe eine ordentliche Erholungspause war ihm danach vergönnt!

Ein schönes Erlebnis war wie immer auch das Kumite Training, aus dem mir diesmal folgender Satz von Sensei Christian Lind hängen blieb: „wenn die Distanz nicht stimmt, der Winkel nicht passt und der Wille nicht da ist, dann greift besser nicht an!“ Leider kann man seinen Tonfall dabei nicht zu Papier bringen, aber die Aussage ist auch so verständlich. Ebenfalls schön für mich, das ich überraschend nicht alleine anreisen musste und mit Thomas einen motivierten Schüler an meiner Seite hatte. Und mit Kai traf ich einen Weggefährten aus meinen Anfangsjahren im BSK, der trotz vieler Veränderungen nach wie vor motiviert dabei ist. Einfach ein tolles Wochenende…

Erik Warken
Weil am Rhein

 

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