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Trainingslager Italien 2016

Der Alltag nach dem Trainingslager

„Ich lerne dir nicht wie du kämpfen kannst. Ich lerne dir Selbstbeherrschung. Das ist das eigentliche was wir hier machen.“
Soke Masaaki Hatsumi, Ninjutsu

TL_Italien_20Eine Woche trainierte und lebte ich mit Freunden aus dem Budo Studien Kreis auf einer Anhöhe im Piemont-Gebiet. Eine Woche Training im Freien, in der Wärme der Sonne, Abkühlung im hauseigenen Pool, gutem Essen, Musik, Gespräche und vielem mehr.
Irgendwann war Freitagabend. Die Stimmung war nach 7 Tagen Übung entspannt, locker. Ein Teil der Budo-Gemeinschaft war in der Küche und bereitete das Abendessen vor, während andere schon ihre Sachen zusammen packten um den langen Heimweg am nächsten Morgen früh unter die Räder zu nehmen.
Es war nach 18 Uhr, als ich durch das einzige Zimmer, in diesem wunderbaren, italienischen Gutshof ging, das einen WLAN-Zugang hatte. Schon fast reflexartig nahm ich mein Handy in die Hand um kurz die Nachrichten zu überfliegen.

Keine gute Idee, wie sich kurz darauf herausstellte. Die aktuellen Nachrichten katapultieren mich vom friedlichen Trainingslager in die unsichere Realität in der sich Europa zurzeit befindet: Der Anschlag in München vom Freitagabend war der Beginn einer viertägigen Anschlagsserie in Deutschland und in Frankreich.

Vielleicht fragen sich jetzt einige Leser, warum ich die Anschläge in meinem Trainingslagerbericht erwähne. Lesen wir nicht schon täglich genug darüber und nähren damit unsere Sensationsgier und unsere Ängste?

Ein Trainingslager gibt dem Teilnehmer die Erfahrung, wie eine Gemeinschaft funktionieren kann.
Damit meine ich nicht, dass die Teilnehmer sich einfach an die „Trainingslager-Regeln“ halten müssen, damit das Trainingslager reibungslos verläuft. Jeder Teilnehmer ist aufgefordert, seine Haltung und Aufmerksamkeit gegenüber sich selbst, den Lehrern und den Anderen zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern, damit die Gemeinschaft zusammen leben und wachsen kann.DSC_0084

Aha – und was hat das mit den Anschlägen zu tun? – So direkt: nicht viel, indirekt schon!

Ein Trainingslager sollte vom Teilnehmer nicht konsumiert, sondern erlebt werden. Denn nur dann ist er oder sie in der Lage das erfahrene in seinen Alltag zu integrieren. Der achte Leitsatz von Gichin Funakoshi sagt: „Denke nicht, dass Karate nur im Dojo stattfindet“. Damit meinte er u.a., dass ein Karateka dazu aufgefordert ist, die im Dojo, oder in diesem Fall im Trainingslager, erlernten geistigen und körperlichen Fähigkeiten in seinen Alltag zu integrieren.

Und was ist jetzt mit den Anschlägen? Soll ich die Terroristen verhauen gehen?

IMG_5785Ich frage mich was ich tun kann, um die Angst, die mit diesen Anschlägen in den Köpfen der Menschen verbreitet wird, nicht weiter zu nähren? Was vermittle ich als Karatelehrer meinen Schülern, wenn ich in den Zeitungsberichten lesen kann, mit welchen Mitteln die Angreifer zuschlagen. Warum nehme ich mir die Zeit in ein Trainingslager zu gehen?

„Wahrhaft siegt wer nicht kämpft“ sagte Sun Tsu, der chinesische General. Damit meinte der General bestimmt nicht, dass wir uns den gegebenen Umständen unterwerfen sollen! Ich persönlich verstehe den Satz so, dass ich tägliche versuchten sollte, meine Haltung und Aufmerksamkeit zu verbessern. Denn wie sagt so schön der siebte Leitsatz von Gichin Funakoshi: „Unglück geschieht durch Unachtsamkeit!“ Diese Unachtsamkeit entsteht sehr schnell – gegenüber uns selbst und unseren Mitmenschen. Und genau das versuchen wir in einem Trainingslager zu verbessern: wenn wir uns voreinander verbeugen, wenn wir miteinander üben, wenn wir Essen und Trinken verteilen, wenn mir miteinander Gespräche führen oder Musik machen und in vielen anderen „Kleinigkeiten“…

Das Trainingslager gibt mir die Möglichkeit, meine Aufmerksamkeit gegenüber meinen Mitmenschen und meinen Handlungen zu schärfen. Und um zurück auf die Anschläge zu kommen: diese Übung der Aufmerksamkeit kann mit der Zeit eine andere Wahrnehmung unsere momentanen Umgebung zur Folge haben, die uns erlaubt zu handeln, bevor überhaupt ein Unglück entstehen kann.

Wir sollten uns also darum bemühen, auch nach dem Trainingslager, unsere Aufmerksamkeit gegenüber unseren Mitmenschen, Lehrern und der Gemeinschaft in der wir leben zu schärfen. Wir sollten nicht versuchen perfekt zu erscheinen, denn dann würden wir uns selbst belügen und wären kein Interesse mehr für unsere Mitmenschen oder Schüler. Wir sollten versuchen, unserem Alltag wieder einen positiven Sinn zu geben, in dem wir z.B. wieder gute Nachrichten verbreiten, von unserem Trainingslager erzählen oder regelmässig in unserer Karateschule üben gehen.

Es ist natürlich auch erlaubt, einfach wieder aus dem Trainingslager zurück zu kommen und in seinen Alltagstrott zu verfallen. Das ist vielleicht gemütlich – ändern tut sich aber dabei nichts.
Wir sind alle aufgefordert (positiv) zu handeln, damit wir noch lange zusammen ins Trainingslager fahren und gemeinsam wachsen können.

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Ich danke meinen Lehrern für den Unterricht, die Gespräche und dass sie sich Zeit nehmen, in ein Trainingslager zu fahren.

Raphaël Vergères
Karateschule Pratteln / Schweiz

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