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Undō – Die Bewegungslehre

Aspekte und Inhalte der Bewegung

In der japanischen Alltagssprache dominiert der Begriff undō, der sowohl „Bewegung“ als auch „Sport“ bedeuten kann. Auch budō ist eine Kunst, die sich durch Bewegung (undō) definiert. Doch die Bewegungslehre im budō unterscheidet sich wesentlich vom Bewegungskonzept der Sportdisziplinen.

Die Bewegung im Budō

Über den Begriff undō hinaus bezeichnet man die im budō verwendete Bewegung als sabaki. Der Begriff sabaki meint eine besondere Form der Bewegung, die sich in Anpassung an Zeit und Raum (ma), in Harmonie (ai) zum Ganzen (shintai) vollzieht. Ihr Sinn und Zweck ist nicht das sportliche „Höher und Schneller“, sondern die Zusammenführung der menschlichen Einheit zwischen Geist, Körper und Technik (shingitai) zu einem ganzheitlichen Handeln mit höchster Leistungs-, Anpassungs- und Wirkungsweise.
Die Bewegungslehre dieses Konzeptes greift nicht in der reinen Technikroutine, sondern unterliegt einer genau orientierten Lehre durch einen kompetenten sensei. Im sabaki geht es zunächst darum, eine psycho-physische Mitte (hara) aufzubauen, aus der heraus jede Aktivität gesteuert werden kann. Dadurch wird hara zum Zentrum für Bewußtsein und Energie jeder Bewegungslehre im Budō.
In der traditionellen Bewegungsauffassung, in der die Mitte (hara) als Zentrum und Ausgangspunkt jeder Bewegung steht, unterhält die Technik (waza) eine starke Verbindung zur inneren Haltung (shisei), zu den psycho-physischen Spannungsverhälnissen (kinchō) und zur Atmung (kokyū). In diesem Dreierverhältnis entsteht sowohl die Ganzkörperbewegung (shitai undō) als auch der Geistkörper (shintai).


Grundlagen der Bewegung

In den Kampfkünsten wird die Form verwendet, um den Sinn zu lehren. Die Form (Technik) kann nachgeahmt werden, den Sinn erfährt ein Übender nur durch sich selbst.
In jeder gut organisierten Kampfkunstübung findet die Lehre von Form und Sinn in einem definierten Rahmen statt. Zum Verständnis dieser Lehre unterscheidet sich die Bewegungslehre im Budō zunächst in Extremitätenbewegungen und Rumpfbewegungen Durch die harmonische Kombination dieser Bewegungsarten entsteht die Ganzkörperbewegung (shitai undō):

    Die Extremitätenbewegung (Geschicklichkeit) dient der Arbeitsverrichtung, wird von der Logik gesteuert und korrespondiert mit dem visuellen Sinn. Die Erklärung, für die im Laufe der Zeit im Leistungsdenken veränderten Bewegungsauffassung des modernen Menschen liegt in seiner Evolution: Infolge der Entwicklung des logischen Denkens begann der Mensch, die Geschicklichkeitsbewegung (machen, gestalten, verändern) gegenüber der Gewandtheitsbewegung (lassen, dulden, bewahren) zu überakzentuieren. Durch das logische Denken, verbunden mit der Geschicklichkeit seiner Extremitäten, erleichterte er sein Leben und begann eine seinen Zielen und Vorstellungen entsprechende Welt zu bauen, durch die er in Widerspruch zur Anpassung fordernden Natur geriet. Das sich durch Bewusstsein verwirklichende Leben begann in einem immer größeren Maß von der logischen Beurteilung einer Situation abzuhängen. Überhaupt bedingen diese im Geschicklichkeitstun verflochtenen Prozesse des Erkennens, der Analyse und nutzbringenden Arbeit das Werden jenes Lebens, das sich vom duldenden, der Natur unterworfenen unterscheidet. Das logische Denken ist eng mit der arbeitsverrichtenden Extremitätenbewegung verbunden und erkennt als einziges Ziel die Leistung. Im logischen Denken ist daher jede Übung eine Übung zu einem Zweck. Das logische Denken kann keine Wegübung verstehen.
    Die Rumpfbewegung (Gewandtheit) ist die tragende Kraft der Gleichgewichtserhaltung und korrespondiert mit dem Hörsinn. Die Gewandtheit bezeichnet die Bewegung des Rumpfes, des tragenden Teils jeder extremen Beweglichkeit. Sie ist das Sinnbild für das angepasste Sich-Befinden in der Welt, unterliegt hauptsächlich der Intuition und entwickelt einen ausgeprägten Sinn für inneres und äußeres Gleichgewicht, für die Orientierung in der Umgebung und den Umgang mit sich selbst. Als fundamentale Form der Bewegung hat sie eine intensive Verbindung zu den tiefsten Schichten der Seele, das heißt zum Vertrauen in den natürlichen Ursprung.
Dies steht im Gegensatz zu dem Anspruch an ein bewusstes Leben, sich gegenüber der Natur zu behaupten. Es ist die tragende und zugleich grundlegende Seite des Lebens, die für den Menschen ebenso wichtige, ohne die er nicht existieren kann. Es ist der Auftrag, in allem Streben die Achtung vor dem Sein zu erhalten, in jedem Anspruch das Gleichgewicht zu wahren und in jedem Gestalten dem Sinn des natürlichen Lebens zu gehorchen. In dem Maß, in dem der Mensch die Welt durch dieses Bewusstsein erkennt, lebt er im Gleichgewicht seiner beiden Bestimmungspole (mosshōseki). Er kann sich anpassen, und er kann wirken. Diese Fähigkeit wird im budō durch die Übung der korrekten Technik vermittelt.

Shitai undō – Die Ganzkörperbewegung

Der Begriff shitai undō bezeichnet die Ganzkörperbewegung, innerhalb derer der Körper (tai) durch die Technik (gi) perfektioniert werden kann. Die aus dem hara heraus gesteuerten Extremitäten (shi) koordinieren sich mit der Bewegung des Rumpfes (tai) und ermöglichen ein angepasstes Technikverhalten in Zeit und Raum (maai).

Hara-web    Dabei geht es immer um die Verwirklichung eines harmonischen Verhältnisses zwischen der Extremitätenbewegung (shishi undō) und der Rumpfbewegung (tai sabaki). Durch die Verbindung der beiden unter der Kontrollinstanz des hara entsteht das Konstrukt einer harmonischen Ganzkörperbewegung, mit der höchstmögliche Leistungen erzielt werden können.
•    Die Fähigkeit, sich entspannt und zweckmäßig zu bewegen, Energie (ki) nur dort zu verbrauchen, wo sie nötig ist und jede überflüssige Bewegung sowie geistige und körperliche Verspannungen zu vermeiden, unterscheidet den Meister vom Schüler. Dieses Prinzip im Training zu unterrichten erfordert eine hohe Kompetenz des Lehrers.

 

 

Shintai – Der Geistkörper

Der Begriff shintai bezeichnet den sogenannten „Geist-Körper“ und meint die Verbindung der oben genannten Ganzkörperbewegung (shitai undō) mit allen dem Menschen zur Verfügung stehenden inneren Kompetenzen (shin).
Dadurch verändert sich die körperliche Übung in ein anhaltendes psycho-physisches Experiment der Selbstbetrachtung und Selbsterfahrung. Die Übung von körperlichen Fertigkeiten (renshū) wird zur Ganzheitsübung (keiko) des Menschen, durch die er sich auf einem Weg () selbst verwirklicht.

Hara-web•    Hier geht es um die Verbindung zwischen Innen und Außen, was über die Körperbewegung hinaus den ganzen Menschen betrifft.
•    Eine solche Übung verbindet den kriegerischen Aspekt (bu) mit dem Weg () und ist die Grundlage des Begriffes „Budō“.
•    Der Begriff „Kampfkunst“ deutet also darauf hin, dass die kriegerische Fähigkeit des Kämpfens in eine Kunst verwandelt wird, die nicht dem Töten des Gegners, sondern der Vervollkommnung des Selbst dient.
    Der Begriff shintai (Geist-Körper) bezeichnet in diesem Fall den in einer Übung „gereiften Menschen“, der sein Inneres in äußerer Bewegung (Technik) ausdrücken kann.

 

 

Die Verwirklichung von shintai in der Praxis des budō entsteht in der kontemplativen Auseinandersetzung mit Technik (waza), Philosophie (tetsugaku) und Kunst (gei). Darin ist die Technik nur Mittel zum Zweck – das Ziel der Übung ist die Einheit von Körper, Geist und Handlung (shingitai).
Das verbindende Element zwischen Körper und Geist wird in der Philosophie der Körpermitte (hara) gesehen. Hara ist der Sitz der Energie (ki), das Zentrum der Bewegung (undō) und der innerste Kern unseres Selbst. Die gesamte Philosophie des budō kreist um die Lehre von hara und ist eine im Training der Techniken umzusetzende Lehre.
Durch die möglich zu erreichende Perfektion all dieser Elemente verwirklicht der Übende später die Fähigkeit, seine Bewegung als Kunst auszudrücken. Wie der Maler sein Bild oder der Dichter sein Werk mit jeweils eigenen Mitteln ausdrückt, verwirklicht auch der budōka sein Inneres in äußeren Bewegungen. In allen Künsten überträgt der Künstler sein Innenleben in äußere Formen, wodurch sein persönliches Kunstwerk entsteht. In den Kampfkünsten ist das sichtbare Kunstwerk die Ganzkörperbewegung (shitai undō), in der später der Künstler es vermag, sich als ganzer Mensch (shintai) auszudrücken. Drei psycho-physische Prinzipien sind dabei für die Übung des budō von Bedeutung:

•    Shisei – Die Haltung
Aufrecht, den Kopf zum Himmel gereckt, gleichzeitig aber erdverbunden mit beiden Füßen fest am Boden, ist die rechte Haltung eines sich im Gleichgewicht befindenden Menschen. In jeder Weise korrespondiert die äußere Haltung mit der inneren und wird so zum Maßstab jeder Übung im budō.
•    Kinchō/Kanwa – Spannung und Entspannung
Solange wir leben entsteht jede Aktivität im Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung. Je weiter wir diese beiden Pole in unserem Selbst voneinander entfernen können, desto wirkungsvoller und anpassungsfähiger werden unsere Handlungen.
•    Kokyū – Die Atmung
So wie wir einatmen nehmen wir das Leben in uns auf und lassen es zu, so wie wir ausatmen, äußern wir uns als Individuum in der Welt. Deshalb hat sowohl der Atemrhythmus, wie auch das Verhältnis zwischen Ein- und Ausatmen, viel mit unserem Standpunkt in der Welt zu tun.


 Shisei – Haltung        Kinchō/Kanwa – Spannung/Entspannung        Kokyū – Atmung