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Tanden – das Energiezentrum

Der japanische Begriff tanden leitet sich aus dem chinesischen Wort dantian ab und bezeichnet den Unterbauch des hara als das Schwerkraftzentrum des Menschen. Während in der chinesischen Ursprungslehre mehrere tanden existieren, steht in den japanischen Weglehren das untere tanden im Mittelpunkt der Betrachtung.
Im unteren tanden wird ein Mittelpunkt klassifiziert, den man als „Meer der Energie“ (kikai) bezeichnet. Dieser ist gleichzeitig der sechste Akupunkturpunkt auf dem Renmai-Meridian. Das gesamte Feld des tanden umfasst noch weitere drei Vitalpunkte, unter deren Hinzunahme dieses Körpergebiet mit einer Beuteltasche verglichen wird, wodurch der Übende lernt, vitale Energie (ki) zu sammeln und durch sie zu wirken. Bleibt dieses Reservoir leer, ist auch die Handlung wirkungslos.

Worte der Meister

•    Okada Torajiro

Okada Torajiro, ebenfalls ein Meister des zen, schreibt in „Worte des Meisters“: „Tanden ist der Schrein des Göttlichen. Wenn seine Burg herrlich gebaut ist und das Göttliche in uns wächst, dann ist ein wahrer Mensch vollendet. Wenn man die Menschen in Ränge einteilt, so ist der niedrigste der, der seinen Kopf werthält.

Tanden1.    Der Kopf (oberes tanden) ist von geringem Rang – er sieht nur zu, häuft Wissen an und wird größer und größer, bis er schließlich ins Wanken gerät wie eine umgekehrte Pyramide. Im Nachahmen anderer ist er groß, aber weder Originalität noch ein eigenes Werk sind seine Sache.
2.    Die Brust (mittleres tanden) ist von mittlerem Rang. Das Bekenntnis zu ihr erzieht Menschen mit Selbstkontrolle, Enthaltsamkeit und asketischen Tugenden. Solche Menschen haben einen vordergründigen Mut, aber keine wirkliche Stärke. Viele der so genannten „großen Männer“ sind von dieser Klasse. Aber das genügt nicht.
3.    Erst diejenigen, die den Unterbauch (unteres tanden) als den wichtigsten Teil ansehen und also die Burg gebaut haben, darin die Gottheit wachsen kann, sind die von oberstem Rang. Solche Menschen haben sowohl den Geist als auch den Körper in der rechten Weise entwickelt. Energie (ki) durchströmt sie und erzeugt eine seelische Verfassung von großer Gelassenheit. Sie tun, was ihnen beliebt, ohne das Gesetz zu verletzen.

Der Erste denkt, dass Wissenschaft die Natur beherrschen kann. Der Zweite hat einen Scheinmut und weiß hart zu kämpfen. Der Dritte ist der, der um die wahre Wirklichkeit weiß. Alle Laster der Menschen kommen vom Verlieren des Gleichgewichts aus dem hara. Um dieses zu halten, muss man sich ein aufrechtes Herz (shin) und einen gesunden Leib (tai) bewahren. Beides zusammen (shintai) aber kann nur auf dem Weg () geschehen.“

•    Sato Tsuji

Der Zen-Meister Sato Tsuji schreibt: „Die Meisterschaft des tanden besteht darin, alle im Körper vorhandenen Kräfte zu befreien, sie zu leiten und dann im tanden wieder zu vereinigen; diese Kunst wurde schon immer gelehrt, im budō (Weg des Kriegers), im geidō (Weg der Künste) und im zadō (Weg des Sitzens).“


 Chinesische Ursprünge

Die japanische Philosophie über tanden (Unterleib) und kikai (Meer der Energie) stammt ursprünglich aus China, wo man dafür die Parallelbegriffe dantian und qihai verwendet. Dantian bedeutet im Chinesischen wörtlich „Zinnoberfeld“ und bezeichnet mehrere wichtige Körpergebiete zur Speicherung der Lebensenergie (qi). Zinnober war früher ein wertvoller Stoff und galt darüber hinaus in seiner alchimistischen Deutung als Stoff der Unsterblichkeit.

dantian1.    Shang dantian: Das obere dantian befindet sich über der Nasenwurzel zwischen den Augenbrauen und ist mit dem Akupunkturpunkt yintang verbunden. Andere bezeichnen den Punkt baihui als wesentlich. Eine Stimulation dieses Vitalpunktes erfordert jedoch den ungebrochenen Energiekreislauf auf dem Meridian dumai, über den er mit dem qi der unteren Regionen versorgt wird. Wird dieses dantian vom Ego isoliert, entsteht der „Kopfmensch“ – jener, der alles besser weiß, alles kritisiert und nichts gelten lässt.
2.    Zhong dantian: Das mittlere dantian wird meist zwischen den Brustwarzen auf dem Brustbein lokalisiert und ist mit dem Akupunkturpunkt tanzhong verbunden. Manchmal wird es auch in der Mitte des Solarplexus lokalisiert. In ihm wird das qi gespeichert, das aus Luft und Nahrung gewonnen wird. Dieses dantian wird stark von den Gefühlen, dem Charakter und der Qualität der Ernährung beeinflusst.
3.    Xia dantian: Das untere dantian wird als das Wichtigste angesehen. Sein Zentrum ist der Punkt qihai (Meer der Energie), etwa drei Fingerbreit unter dem Bauchnabel, der als direkter Zugang zu diesem Energiezentrum gilt. Über ihn kann qi akkumuliert und koordiniert werden, wenn der Übende die Prinzipien der Haltung, Spannung und Atmung beachtet. Durch die Hinzunahme des Punktes guanyuan (renmai 4) wird dieses dantian mit einer Beuteltasche verglichen, in der vitale Energie gesammelt werden kann. Weitere Vitalpunkte von Bedeutung sind shimen (renmai 6) und zhongji (renmai 3).

Philosophische Betrachtung

Wegen seiner besonderen Intelligenz ist der Mensch das einzige Wesen, das sich willentlich und wissentlich von seinem naturbestimmten Lebensweg entfernen kann. Doch wenn er es tut, verliert er seine Fähigkeit „aus dem Bauch heraus“ zu handeln, also seinem von der Natur gegebenen ursprünglichen Instinkt oder seiner Intuition zu folgen. Durch die hinzu gewonnene Kraft seines Intellektes ist er in der Lage, sein Leben durch die Erfindung vieler schöner und praktischer Dinge zu erleichtern, doch von seiner natürlichen Bestimmung entfernt er sich dadurch immer mehr. Er verliert seine Instinkte und seine Intuition, durch die er erkennen könnte, was in seinen Handlungen wichtig und richtig ist, und ersetzt sie mit rationalem Denken.
Diese Lebenshaltung, die ihn in seiner individuellen Selbstverwirklichung erhöht, aber zugleich von seinem natürlichen Ursprung entfernt, löst Seelennöte in ihm aus und war seit jeher der Antrieb für alle Religionen und Philosophien, die die Ganzwerdung des Menschen in Harmonie mit allen ihn bestimmenden Mächten beabsichtigen. In seiner seelischen Not begibt er sich auf die Suche nach dem „Jenseits“, d.h. nach der „jenseits all seiner rationalen Erkenntnisse“ empfundenen universellen Wahrheit, die er nie intellektuell begreifen, aber auch nicht verleugnen kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Trotz seines Intellektes sucht jeder Mensch instinktiv den Weg zur Harmonie mit seiner Bestimmung, doch dies misslingt stets dort, wo er von seinem Ego beherrscht wird. Überheblichkeit, Selbstdarstellung, Habgier usw. verhindern seine Integration in das Gleichgewicht des Lebens und zugleich das Reifen seiner Persönlichkeit. In einer solchen Haltung misstraut der Mensch seinem Urgrund und zieht sich physisch und psychisch in die Regionen seines Ego zurück. In diesem Fall entspricht sein Bild dem Menschen mit hochgezogenem Schwerpunkt, mit Spannungen im Brust-, Hals- und Nackenbereich und mit oberflächlicher Atmung. In einer solchen Haltung entstehen Lebensängste und Seelennöte.
Der in Not geratene Mensch sucht immer nach Wegen, sein verlorenes Gleichgewicht wieder herzustellen, denn seine Lebensqualität hängt ausschließlich davon ab. Zu diesem Zweck kann er viele Wege gehen. Einer dieser Wege ist der Weg des budō, der diesbezüglich die Ganzwerdung des Menschen durch die kontemplative Betrachtung seiner selbst in der technischen Bewegung (waza) lehrt.


Tanden im Budō

Ein Meister der Kampfkünste strebt immer danach, die Konzentration seiner vitalen Kraft (ki) im tanden groß zu halten. Alle Techniken (waza) werden von dort aus koordiniert, und die Kampfkraft (kime) geht von hier aus. Über bestimmte Schlüsselpunkte an Händen und Füßen kann das qi in der Technik übertragen werden und diese in ihrer Wirkung vielfach verstärken. Durch Konzentration und Gedankenführung wird es an jede beliebige Stelle des Körpers bewegt und verstärkt dort die Handlung. Um dies zu ermöglichen, geht die Aufmerksamkeit (zanshin) immer der Technik (waza) voraus. So wird das tanden auch mit Autosuggestion und Vorstellungskraft gestärkt und mit zunehmender Übung deutlich als Mittelpunkt des Menschen empfunden. Dadurch, dass der Schwerpunkt aus dem Kopf nach unten verlagert wird, stellt sich automatisch eine Veränderung in der geistigen und körperlichen Haltung, Spannung und Atmung des Menschen ein.
Tanden ist ein Sinnbild der Stabilität und verwurzelten Kraft im eigenen Selbst. Seine Stärke drückt sich darin aus, dass der Mensch „mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht“. Die Bereitschaftshaltung yōi ist ein Abbild dafür. In Asien gilt ein fülliger oder gar dicker Bauch als Zeichen eines starken tanden und damit als äußerliches Merkmal von starker Erdverbundenheit. Es wird gleichzeitig auch als Voraussetzung für seelische und körperliche Gesundheit und Stabilität verstanden. Buddha, Konfuzius, Laozi und viele andere asiatische Weise werden meist mit dickem Bauch dargestellt, um so ihre besondere innere Stabilität und Ruhe, Vitalität, Ausgeglichenheit und Harmonie zu zeigen. Der gerundete Unterbauch ist ein Zeichen für geistig und körperlich hoch entwickelte Menschen, die zu großen Taten fähig sind. Ihre Lebensenergie wurzelt in einer Wegübung, über die sie ihr tanden lenken und beherrschen lernen.
Die Vorstellung, die persönliche „Mitte“ (naka) durch eine Übung des tanden zu finden, bezeichnet den Kernpunkt aller ostasiatischen Weglehren (). Ausdrücklich wird in diesem Konzept jedoch immer wieder erwähnt, dass die alleinige intellektuelle Auseinandersetzung mit der „Philosophie der Mitte“ stets zu Fehlinterpretationen führt. Als einzige Möglichkeit zum Fortschritt gilt die Kombination aus philosophischem Studium und Erfahrung in der Praxis – unter der Anleitung eines Lehrers.
Wie gesehen, gibt es dazu viele Methoden. Die Methode des budō ist es, durch die Kontemplation in der Bewegung den Geist-Körper (shintai) zu schaffen. Wird die technische Bewegung (waza) jedoch nicht als Mittel zu diesem Zweck, sondern als Selbstzweck verwendet und nur als Leistungsprinzip aufgebaut, sprechen die Meister von der „leeren Technik“. Unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Wirkung und ihrer Virtuosität bleibt eine solche Technik leer und hat keinerlei Wirkung auf die Ganz-Werdung des Menschen.