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Naka – Das Prinzip der Mitte

Raumauffassung, Richtungsverständnis und Wirkungskraft

Naka, das „Prinzip der Mitte“ bestimmt weitgehend das gesamte ostasiatische Leben und weiterführend alle Bereiche der asiatischen Kampfkünste. Bereits im alten China, das man nach wie vor als „Land der Mitte“ bezeichnet, empfand sich der Mensch selbst als Mittelpunkt und organisierte sein Leben ausgehend aus seiner persönlichen Mitte (zhong), die er in seinem dantian (jap.: tanden) lokalisierte.
So verstand man seit Anbeginn das chinesische Reich als Zentrum der Welt und orientierte sich von ihm ausgehend in die vier hauptsächlichen Himmelsrichtungen. Der Mensch als Individuum begriff sich darin immer selbst als das Zentrum seiner Wirkungskreise, musste aber durch zusätzliche energetische Übungen (qigong) seine persönliche Mitte (dantian) finden, entwickeln und kontrollieren lernen, um in der Welt wirkungsvoll handeln zu können.
Auf dieser Philosophie baut das chinesische qigong (Kultur der vitalen Energie) auf. Im budō wird diese Übung durch das korrekte Verständnis des hara gewährleistet. Schreitet ein Mensch in dieser Übung fort, kann er sich zunehmend in „alle Richtungen“ der Welt bewähren und stets wirkungsvoll handeln: „Der Mensch kann vor, zurück, nach links oder nach rechts aggieren“ – der Erfolg seiner Handlungen bleibt nicht aus, solange er „alles mit hara tut“.


Die Praxis der Mitte

In den Kampfkünsten entwickelten sich viele Prinzipien, die erst durch die Betrachtung dieser alten ostasiatischen Lebensauffassung zu verstehen sind. Das im karate verwendete Karategramm ist in seiner einfachen Form ein Bewegungssymbol für vier Richtungen (shihō) und in seiner erweiterten Form für acht Richtungen (happō). Beide stehen symbolisch für die Möglichkeiten der Orientierungen und Richtungsänderungen im Raum.

Shihō – vier Pole

Karategramm EinfachDas Symbol des Prinzips shihō ist ein einfaches Kreuz. Auf dem Schnittpunkt der Linien (kiten) steht der Mensch, mit beiden Beinen verwurzelt im Boden, aber mit aufstrebender Gestalt. Dadurch bezeugt er das durch eine Übung erreichte Verständnis seiner zweipoligen Lebensbestimmung: das Unterworfensein gegenüber der Natur und das Streben nach unabhängiger Individualität. Über sein psycho-physisches Zentrum (hara) verdeutlicht er durch Haltung (shisei), Spannung (kinchō) und Atmung (kokyū) sein Verständnis in der Gleichgewichterhaltung seiner Lebensführung. In den Kampfkünsten steht dafür sein Ausdruck in der natürlichen Bereitschaftshaltung (yōi shizentai). Darin ist er bereit (yōi), sein Leben anzunehmen und auf die rechte Weise zu bewältigen.
Deshalb ist yōi shizentai nicht bloß eine traditionelle Floskel, sondern die alles entscheidende Verbindung zwischen Form und Weg (). Ein erfahrener Lehrer kann aus dem yōi eines Übenden dessen Fortschritt auf dem Weg herauslesen.
Verbindet man die vier Pole mit Linien, entsteht ein Kreuz, das die vier elementaren Bewegungsmöglichkeiten beschreibt: A – nach vorn (Norden); E – zurück (Süden); C – nach rechts (Osten); G – nach links (Westen). In Japan bezeichnet man sie als shihō (vier Richtungen) oder yonshinden (vier Ecken). Den Begriff finden wir heute in den Kampfkünsten als shihō wari (Bruchtest in vier Richtungen), shihō waza (Techniken in vier Richtungen), shihō kumite (Kämpfen in vier Richtungen), usw.

Happō – acht Pole

Karategramm ErwitertFügt man dem Kreuz zwei Diagonalen hinzu, ergeben sich vier weitere Bewegungsrichtungen, die sich aus den erstbeschriebenen grundlegenden Richtungen ableiten: B – schräg vor nach rechts (Nordosten); H – schräg vor nach links (Nordwesten); D – schräg zurück nach rechts (Südosten); F – schräg zurück nach links (Südwesten). Die sich so ergebenden Möglichkeiten werden im Japanischen als happō (acht Richtungen) oder hasshinden (acht Ecken) bezeichnet. Der Begriff happō symbolisiert gleichermaßen ALLE möglichen Bewegungsrichtungen und steht in der kata für ALLE möglichen Angreifer. Aussagen wie, „…die kata lehrt den Kampf gegen acht Gegner“, bedeuten also „…gegen beliebig viele Gegner“.
Eine weitere numerische Differenzierung für die in der Praxis des kihon, der kata und vor allem im kumite durchaus existierenden weiteren Zwischenrichtungen wird nicht standardisiert – ihre Verwendung liegt im systemunabhängigen intuitiven Anpassen des Übenden an die real existierenden Gegebenheiten.
Happō verbindet also die vier Hauptlinien (A – Norden, vor; E – Süden, zurück; G – Westen, links; C – Osten, rechts) mit zusätzlich vier Nebenlinien (H – Nordwesten, schräg vor links; B – Nordosten, schräg vor rechts, F – Südwesten, schräg zurück links, D – Südosten, schräg rechts zurück). Die Buchstaben L (links) und R (rechts) bezeichnen die Position der Füße in der natürlichen Bereitschaftsstellung (yōi shizentai). LH bedeutet dementsprechend, mit links auf der Achse H schräg vorzugehen, RE besagt, mit rechts auf der Achse E gerade zurückzugehen.
Die natürliche Bereitschaftshaltung (yōi shizentai), die auf dem Punkt kiten des Karategramm eingenommen wird, beinhaltet sowohl den im Boden verwurzelten Stand (Akzeptanz der Unterwerfung unter die natürlichen Gesetze des „Werdens und Vergehens“) als auch die individuelle Bemühung zur unabhängigen Individualität (Streben nach Selbstverwirklichung). Beides lässt sich aus der im yōi gezeigten Bereitschaft eines Übenden herauszulesen.


Entwicklung des Enbusen

Enbusen-Taikyoku-1Ein enbusen (Linie der kriegerischen Übung) oder dōsen ist ein auf die jeweilige kata reduziertes Karategramm und bezeichnet die Bodenlinien, die den Verlauf ihrer Bewegungen und Richtungsänderungen symbolisieren. Im Vergleich zu einem vollständigen Karategramm sind im enbusen all jene Linien eliminiert, die im Ablauf der kata nicht vorkommen. Dadurch entsteht ein auf die jeweilige kata zugeschnittenes und vereinfachtes Bodendiagramm.
Jedes enbusen hat, wie das Karategramm, einen markierten Punkt (kiten), auf dem die kata beginnt und endet. Meister Funakoshi erläutert dies am Beispiel eines bedeutungsvollen Gesetzes der Natur: „Was immer geht, kommt auch zurück. Im immerwährenden Prozess des Werdens und Vergehens geht nichts verloren, das Eine entsteht aus dem Anderen im vollkommenen Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen, im ewigen Rhythmus der Natur, in dem alles gebunden ist. Der Anfang ist das Ende, und das Ende ist der Anfang.“

Enbusen-Taikyoku-2-3