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Hara – Die Erdmitte

Das psycho-physische Zentrum des Menschen

Hara (auch fukubu oder onaka) übersetzt man wörtlich mit „Bauch“ und meint damit die gesamte Gegend vom Magen (i) bis zum Unterleib (tanden). Im Zentrum des tanden befindet sich etwa 2 cm unter dem Nabel der Schwerpunkt des harakikai (Meer der Energie).
Im alten kanji für hara 肚 bedeutet das rechte Radikal „Erde“, das linke „geöffneter Körper“. Das Zeichen drückt somit sowohl die Zentriertheit als auch das Bodenverhaftete des hara aus und wurde von Dürckheim kongenial als „Erdmitte“ übersetzt.
Die kalligraphische Deutung des neuen kanji von hara 腹 bezeichnet ein „Anschwellen des Körpers“ oder ein Behältnis, mit dem alle lebenswichtigen Energien aufgenommen, kontrolliert und entweder im Körperkreislauf (zur Steigerung der Vitalität) oder nach außen (zum Vollbringen einer Handlung) gelenkt werden können. Als solches ist hara im japanischen Denken der Sitz der Seele. Als Zentrum des intuitiven Wahrnehmens und Handelns ist der Bauch jedoch auch in der westlichen Kultur nicht unbekannt. Wir haben in bestimmten Situationen „Bauchschmerzen“ oder „Schmetterlinge im Bauch“, auch entscheiden wir zuweilen „aus dem Bauch heraus“.

Hara in der ostasiatischen Lebensanschauung

Fragt man in den westlichen Kulturen nach dem Sitz des Lebens, werden die Menschen auf den Bereich des Kopfes oder des Herzens deuten. Stellt man diese Frage in den ostasiatischen Kulturen, deuten die Menschen auf den Bauch. Hara hat im ostasiatischen Raum jedoch eine vollkommen andere Bedeutung als der westliche Bauchbegriff. In Japan bezeichnet hara den individuellen Ausdruck eines Menschen und zeugt von seiner seelischen Grundbeschaffenheit, worauf viele Wortverbindungen und Redewendungen hinweisen. Diese deuten stets darauf hin, ob ein Mensch in seiner „Mitte“ ist oder nicht.
In allen Kulturen kennt man entsprechende Unterschiede im körperlichen Ausdruck der Menschen. So ist der moderne Körperfetischist (z.B. ein Bodybuilder) nicht bloß ein körperbetonter Mensch. Sein Ich manifestiert sich oberhalb seiner körperlichen Mitte im überbetonten Brust-Schulter-Nacken-Bereich, in dem sich sein Selbstgefühl konzentriert. Unterbewusst oder bewusst lehnt er ein naturgemäßes Leben ab, sein dezentriertes Ich will gelten. Der Typ eines Priesters oder erfahrenen Handwerkers hingegen erlaubt seiner inneren Haltung, sich zu setzen, und versammelt sich auch körperlich viel weiter unten – er passt sich seiner von der Natur auferlegten Bestimmung an und vereinigt im Gleichgewicht in sich beide Bestimmungspole menschlichen Lebens – streben und achten.
Das im Ausdruck sichtbare Gleichgewicht eines Menschen (der vollendete hara) wird in den asiatischen Kulturen keineswegs als natürliche Veranlagung, sondern als das Ergebnis einer lebenslangen Übung in einer Wegkunst verstanden. Mit den Worten von Wilhelm Busch wird dasselbe Prinzip auch im westlichen Kulturverständnis verdeutlicht: „Aufstrebend musst du dich bemühen, denn ohne Mühe sinkest du; der liebe Gott muss immer ziehen, dem Teufel fällts von selber zu“.
Wird das Ergebnis einer solchen Wegübung in der Haltung sichtbar, spricht man in Japan vom „Mann mit fertigem Bauch (hara no dekite hito), während der „Mann mit unfertigem Bauch“ (hara no dekite inai hito) eine unreife Lebenshaltung bezeugt. Überall dort, wo ein Mensch mit einer schlechten Haltung auftritt und es ihm an Selbsterkenntnis, Selbstdisziplin, und Selbstlenkung fehlt, spricht man auch von „einem Menschen, dessen Bauch nicht fertig ist und der andere deshalb nicht führen kann“ (hara no dekite inai hito wa hito no ue ni tatsu koto ga dekinai).
Hara no dekite hito (der Mann mit dem fertigen Bauch) bezeichnet den Menschen mit Haltung, jenen, der in der Lage ist, sich in der Welt und im Leben auf die rechte Weise zu bewähren. Der fertige hara erlaubt Wahrnehmungen, die über die fünf Sinne hinausgehen, mittels derer er übergeordnete Zusammenhänge erkennen kann. Diese Fähigkeit befreit sein Denken vom Vorurteil und erlaubt eine Sichtweise, die den fixierenden Verstand überschreitet.
Weiter spricht man in Japan auch von dem „Mann mit / ohne Bauch“ (hara no aru / nai hito), von dem „Mann mit großem / kleinen Bauch“ (hara no okii / chiisai hito) oder von dem „Mann mit breitem / engen Bauch“ (hara no hiroi / semai hito). Doch in allen Fällen ist damit nicht der Bauch selbst gemeint, sondern immer ein Wesenszug desjenigen, von dem man spricht. Hara wird nicht bloß als Bauch, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit eines Menschen verstanden, in der seine seelische Grundbeschaffenheit deutlich wird.

Hara in den Kampfkünsten

Die Lehre über hara liegt allen Wegkünsten () als physo-psychische Übung zugrunde und wird bereits in der japanischen Erziehung als grundlegendes Prinzip gehandhabt. Von klein an werden in Japan Kinder zu hara gemahnt, in diesem Kontext werden viele Japaner erzogen, und in den Kampfkünsten werden Schüler dazu angehalten, ihre Kraft aus der Lendengegend über die Hüftbewegung zu entwickeln und nicht über die Schultern. Der körperliche Ausdruck ist ein Abbild der inneren Haltung und zeugt von der persönlichen Weise, dem Leben zu begegnen und es mit Sinn zu erfüllen.
Doch auch schon der Anfänger in den Budō-Künsten sollte sich darum bemühen, zumindest die über die Sinnesreize empfangenen Wahrnehmungen auf die richtige Weise zu tragfähigen Erkenntnissen zu kombinieren. Er kämpft unter der oft kritischen Anleitung eines Lehrers stetig gegen seine Selbstgefälligkeit, lernt Situationen richtig einzuschätzen und versteht letztlich, wann er von anderen gebraucht wird, wann er stört, wie er sich in Situationen heraus- und hineinbegeben muss, wie er eine Situation durch Bekenntnis mitverantworten kann, und wie er überhaupt von einem passiven Mitläufer zu einem aktiven Mitgestalter wachsen kann.
Fortschritt im budō definiert sich im Grunde genommen im Erreichen einer höhere Verwirklichungsstufe des hara, weshalb hara das Zentrum jeder körperlichen und geistigen Übung sein muss. Hara wo neru, d.h. „den Bauch üben“, oder hara gei ist so selbstverständlich in den Wegkünsten enthalten, dass der Japaner es überhaupt nicht mehr gesondert erwähnt. Gleich welche Übung man wählt, ob es die Kampfkunst, Zen, Blumenstecken oder Teetrinken ist, nie wird die Technik ohne hara geübt. Das Ziel ist immer der ganze Mensch (shintai) mit der rechten Haltung (shisei). Daher kommt das Sprichwort „ob Teetrinken, Blumenstecken oder Sitzen, es ist immer das gleiche“ oder „was richtig geschieht, muss immer mit hara geschehen.“
Hara bezeichnet die Organisation des Menschen auf seiner vertikalen Achse in Bezug auf seine Körperhaltung (shisei), Spannung (kinchō) und Atmung (kokyū). Die Verwirklichung von hara ist in allen ostasiatischen Wegkünsten ein Zeugnis von menschlicher Reife. Jede Wegübung () – also auch budō – zielt dementsprechend vor allem auf „Karate als Gesundheitsübung“, „Karate als Persönlichkeitsbildung“ und auf weitere innere Werte. Nur im Rahmen der Wegausbildung kommen sie zur Geltung, nicht aber im bloßen Formtraining.
Das Zentrum im Bauch (hara), in dem sich die vitale Energie (ki) konzentriert, nennt man tanden.