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Shin Gi Tai – Die Dreieinheit

 Geist, Technik und Körper

Es ist der Mensch, der sich übt, und alles, was er übt, hat ein Zentrum, aus dem heraus er sich gestaltet und bewährt: hara.
Budō ist eine Kunst, in deren Übung und Ausdruck der Mensch nicht äußere, sondern innere Vervollkommnung sucht. Er vollendet seine Technik wie der Künstler sein Werk, er drückt sich durch sie aus, er kehrt sein Inneres nach außen und zeigt in der Technik seine Seele. In einer solchen Übung kann er reifen, darin findet er zunehmend zu seiner „Mitte“ und vervollkommnet sich selbst durch das Ideal des Weges.
Kunst ist ein Ausdruck der Kultur und seit Altersher ein bewährtes Mittel zur Erhöhung und Vervollkommnung des menschlichen Geistes. Kunst ist der Ausdruck menschlichen Empfindens und Verstehens, spricht jedoch in erster Linie zur Seele und weniger zum Intellekt. Durch sie bildet und vervollkommnet sich der Mensch und gelangt so zu einem höheren Verständnis seiner inneren Zusammenhänge. Die Fähigkeit zum philosophischen Denken, die Intuition und die Vorstellungskraft gehören dazu.
In den Weg-Künsten beachtet man die Vervollkommnung der Dreieinheit (San Mi Ittai) von Geist (shin), Technik (gi) und Körper (tai) zusammenfassend als Shin Gi Tai. Das Prinzip bezieht sich auf die Einheit von Geist, Körper und Technik. In Folge die Kurzfassung:

    Shin auch kokoro (Geist): das sich Hinterfragen durch Kontemplation und das Finden des Selbst durch eine Schule der Selbstbetrachtung. Entwicklung des eigenen philosophischen Denkens.

•    Gi auch waza (Technik): das Üben einer Kunstfertigkeit, einer Technik (im budō der Kampftechnik) zum Zweck, Innen und Außen durch Selbstbetrachtung miteinander zu verbinden. Die Technik muss immer einfach und in der Formvielfalt begrenzt sein – ihre Übung soll die Tendenz zur inneren Qualität entwickeln und die Jagd nach immer neuen äußeren Formen unterbinden.

    Tai auch karada / mi (Körper): mit seinem zentralen Prinzip ki (vitale Energie), das Erfahren innerer energetischer Strukturen der Bewegungen, wie Gesundheitsaspekte, Entwicklung des ki, Stärke der Handlungen durch körperliche und geistige Übungen, negative Vitalpunktstimulationen am Gegner und positive an sich selbst, Körpergefühl, Umgang mit Krankheiten und Behinderungen sowie Übersetzung der Psychologie in die Bewegungsstruktur.


 1. Shin (kokoro) – der Geist

Shin (auch kokoro) bedeutet Geist, Herz oder Gemüt. In den Kampfkünsten steht der Begriff für die geistige Haltung und bildet eines der drei grundlegenden Prinzipien in der Verwirklichung von hara. Wie es die Bedeutungen „Herz“ und „Gemüt“ schon andeuten, ist shin nicht das intellektuelle Verstehen bzw. der analytische Geist. Shin meint vielmehr eine von Klarheit geprägte Geisteshaltung, mit der man in allen Situationen bestehen kann. Die Bildung einer solchen Geisteshaltung erfordert den Blick nach innen. Nur so besteht die Möglichkeit, die unzähligen Unebenheiten der Seele (bonnō), wie Illusionen, Vorurteile, Ängste, Erwartungen, unüberwundenes Ego und anderes, was den Geist trübt und die Wirklichkeit verzerrt, zu bewältigen. In allen Entscheidungen führt ein getrübter Geist zu Fehlern, in der Selbstverteidigung kann er fatale Folgen haben. Deshalb muss ein Kampfkunstübender lernen, mit kritischen Situationen flexibel umzugehen. Durch die rechte Übung erreicht er eine Geisteshaltung, in der er Sachverhalte so sehen kann, wie sie wirklich sind – frei von Vorurteilen, Ängsten und Selbstbetrug.
Der Geist des Weges hat nur wenig mit der theoretischen Philosophie zu tun. Er bedarf des Antriebs zum inneren Kampf um eigenes Denken und Erkennen. Der Weg ist eine beständige Suche nach Wahrheit und kein Nachahmen von vorgedachtem Wissen. Wahrheit ist kein Fakt, sondern eine Relation. Der Sinn des Weges zu ihr liegt im Werden, nicht im Erreichen.
Die Philosophie des karate dō hat deshalb nicht im intellektuellen Verstehen, sondern nur im Erüben einer ihr angepassten inneren Haltung einen Wert. Zum Erüben dieser Haltung dient die dōjōkun. Erst der Ausdruck der philosophischen Inhalte in der Haltung und im Verhalten des Menschen zeugt von einer echten Geistesbildung.
Meditation, Kontemplation, philosophisches Denken und die Beschäftigung mit den Künsten sind Methoden, die den Geist


2. Gi (waza) – die Technik

Gi (auch waza) bedeutet „Technik“, „Fähigkeit“, „Kunstgriff“. In den Kampfkünsten steht der Begriff für die Übung der körperlichen Technik und bildet damit eines der drei Grundelemente in jeder Übung des . Waza bedeutet aber nicht nur Technik, sondern kann sich unter der Anleitung eines sensei in die Interpretationen der jutsu (technische Kunst) erweitern, ein Konzept, das das menschliche Wirken in allen lebenswichtigen Situationen meint.
Gi ist wie der nahezu bedeutungsgleiche altgriechische Begriff téchnê, von dem sich unser Wort „Technik“ ableitet, in seinem Charakter ambivalent. Ohne das kontrollierende Element des verantwortungsbewussten menschlichen Geistes (shin) birgt das Streben nach technischer Perfektion ein latentes Gefahrenpotential. Welche Techniken soll der Mensch entwickeln: die zu einem bedingungslosen technischen Fortschritt oder die zur Erhaltung seiner Art? Ist er in seinem Ego zentriert, und sucht aufgrund seiner unüberwundenen Tiefen wie Goethes Faust nur nach Befriedigung seines Erkenntnistriebes? Oder ist er durch eine kulturelle Übung zu Erkenntnis und Selbsterkenntnis fähig und versteht wie Lessings „Nathan der Weise“ übergeordnete Zusammenhänge, die menschliches Überleben ermöglichen?
Habgier, Selbstsucht und Geltungsbedürfnis sind in allen Kulturen die Auslöser für menschliche Tragödien, die Gründe für alle Kriege und für das Scheitern jeder bisher existierenden Gesellschaftsordnung. Dieses unüberwundene Versagen des Menschen gegenüber dem Leben manifestiert sich seit Jahrtausenden im egoistischen Missbrauch der jeweils zur Verfügung stehenden Technik seitens der gesellschaftlichen Eliten zur Erhaltung der Macht. Technik ohne geistige Vervollkommnung ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt in der Evolution, gleich wie hoch die Technik entwickelt sein mag. Sie kann nur dann ein Fortschritt sein, wenn die Menschen bereit sind, ihre Wirkung zu verantworten, nicht aber, wenn Technik als Monopol zum Gewinn von Macht und Reichtum verwendet wird. Wo dies geschieht, gibt es einen erheblichen Mangel an Selbsterkenntnis, Bildung und Kultur.
Um sich in besagter Weise geistig zu vervollkommnen, muss der karateka nach einer gewissen Zeit des Übens die Stufe des elementaren Techniksystems (shu) überschreiten, denn das ausschließliche Befassen mit der Formenvielfalt hält ihn ewig gefangen im System. Die heutzutage häufig anzutreffende Vorstellung, dass die Jagd nach beständig neuen Formen Fortschritt gewährt, ist falsch. Die früheren Meister beschränkten sich auf wenige Formen und gingen in die Tiefe. Die Idee der Erweiterung der Formenvielfalt mit dem Ziel, die Qualität der Übung zu steigern, ist vergleichbar mit der Vorstellung, dass das Werk eines Dichters zwangsläufig besser wird, wenn er mehrere Sprachen lernt.
Der Meister ist nicht im Technik-System verhaftet – er hat es transzendiert – selbst wenn er es aufs Genaueste beachtet. Der Schüler jedoch muss das System lernen, weil ihm jede darüber hinausgehende Möglichkeit zum Fortschritt noch fehlt. Der Meister des Weges übt die Technik als Mittel zur Sinnfindung, der Schüler auf dem Weg übt die Technik um ihrer selbst willen. Darin besteht der Unterschied zwischen der „vollendeten Technik“ und der bloßen technischen Fertigkeit. Die vollendete Technik des karate dō muss nicht schneller, höher, stärker, besser usw. als eine andere sein, sondern sie muss richtig sein. Die Voraussetzung dafür ist die Korrelation von shin, gi und tai.
Deshalb ist gi im karate dō nicht dasselbe wie Technik im Sport. In den Kampfkünsten ist gi ein Mittel, im Sport ist sie ein Ziel. Der Unterschied liegt nicht in der Form selbst, sondern im Sinn, den der Mensch ihr verleiht.
vervollkommnen. Meister eines Weges ist jener, der mit seinem Herzgeist (shin) das Wesen der Dinge (yūgen) unter ihrer Oberfläche erkennt.


3. Tai (karada) – der Körper

In allen Künsten gibt es ein Instrument, mit dem die jeweilige Kunst zum Ausdruck gebracht wird. In der Literatur ist es die Sprache, in der Malerei der Pinsel, in der Musik das Instrument – in den Kampfkünsten ist es der Körper, tai (auch karada).
Der Körper muss für seine auszuführenden Techniken (waza) trainiert sein und seiner Bestimmung entsprechen – gleich allen Künsten, in denen ohne das grundlegende handwerkliche Können keine Kreation mit dem Instrument gelingt.
Das grundlegende Instrument jeder physischen Budō-Technik ist die Bewegung (sabaki). Sie hat zum Ziel, durch die intensive Wiederholung der Körpertechniken die Ganzkörperbewegung (shitai undō) zu entwickeln, auf die das gesamte Training der Techniken zielt. Durch ihre Verwirklichung kann der Übende in der Technik auszudrücken, was ihn als „Ganzheit“ ausmacht.
Doch der Ausdruck im Bewegungsbild eines Menschen hängt vom psychischen Standpunkt gegenüber dem Leben in einem ebenso hohen Maß ab, wie von der Verwirklichung der physischen Technik. Um sie im Training zu realisieren, ist es dringend notwendig, dass das Bewusstsein des Übenden auf jene Punkte gelenkt wird, die die Grundvoraussetzungen zur Ganzkörperlichkeit ermöglichen:
Die Ganzkörperbewegung besteht aus dem harmonischen Zusammenspiel zwischen Geschicklichkeit (Extremitätenbewegung – shishi undō) und Gewandtheit (Rumpfbewegung – tai sabaki). Mit Geschicklichkeit bezeichnet man die arbeitsverrichtenden Bewegungen der Extremitäten, während Gewandtheit die vom Rumpf ausgehende Schwerkraftüberwindung und Gleichgewichtserhaltung in der Bewegung ist.
Um diese in der Übung zu vermitteln, muss die Aufmerksamkeit des Übenden auf die richtigen Schwerpunkte im Training gelenkt werden. Dies erfordert die Umstellung herkömmlicher Denkgewohnheiten und Zweckvorstellungen im Training, die sich vom Sporttreiben hin zu einer Wegerfahrung deutlich unterscheiden:

•    Logik: Die Erklärung, für die im Laufe der Zeit im Leistungsdenken erkrankte Bewegungsauffassung des modernen Menschen liegt in seiner Evolution: Infolge der Entwicklung des logischen Denkens begann der Mensch, die Geschicklichkeitsbewegung (machen, gestalten, verändern) gegenüber der Gewandtheitsbewegung (lassen, dulden, bewahren) zu überakzentuieren. Durch das logische Denken, verbunden mit der Geschicklichkeit seiner Extremitäten, erleichterte er sein Leben und begann eine seinen Zielen und Vorstellungen entsprechende Welt zu bauen, durch die er in Widerspruch zur Anpassung fordernden Natur geriet. Das sich durch Bewusstsein verwirklichende Leben begann in einem immer größeren Maß von der logischen Beurteilung einer Situation abzuhängen. Überhaupt bedingen diese im Geschicklichkeitstun verflochtenen Prozesse des Erkennens, der Analyse und nutzbringenden Arbeit das Werden jenes Lebens, das sich vom duldenden, der Natur unterworfenen unterscheidet. Das logische Denken ist eng mit der arbeitverrichtenden Extremitätenbewegung verbunden und erkennt als einziges Ziel die Leistung. Im logischen Denken ist daher jede Übung eine Übung zu einem Zweck. Das logische Denken kann keine Wegübung verstehen.
•    Intuition: Die Gewandtheit hingegen bezeichnet die Bewegung des Rumpfes, des tragenden Teils jeder extremen Beweglichkeit. Sie ist das Sinnbild für das angepasste Sich-Befinden in der Welt, unterliegt hauptsächlich der Intuition und entwickelt einen ausgeprägten Sinn für inneres und äußeres Gleichgewicht, für die Orientierung in der Umgebung und den Umgang mit sich selbst. Als fundamentale Form der Bewegung hat sie eine intensive Verbindung zu den tiefsten Schichten der Seele, das heißt zum Vertrauen in den natürlichen Ursprung. Dies steht im Gegensatz zu dem Anspruch an ein bewusstes Leben, sich gegenüber der Natur zu behaupten. Es ist die tragende und zugleich grundlegende Seite des Lebens, die für den Menschen ebenso wichtige, ohne die er nicht existieren kann. Es ist der Auftrag, in allem Streben die Achtung vor dem Sein zu erhalten, in jedem Anspruch das Gleichgewicht zu wahren und in jedem Gestalten dem Sinn des natürlichen Lebens zu gehorchen. In dem Maß, in dem der Mensch die Welt durch dieses Bewusstsein erkennt, lebt er im Gleichgewicht seiner beiden Bestimmungspole. Er kann sich anpassen, und er kann wirken. Dieses Bewusstsein wird im budō durch die Übung der korrekten Technik vermittelt.

Im Trainingsprozess wird daher jeder Weg-Lehrer seine Schüler vornehmlich auf den Prinzipien der rechten Haltung (shisei), in den Spannungsverhältnissen (kinchō) und in der Atmung (kokyū) ausbilden.