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Zum fünften Punkt der Dojokun

Die kaisetsu sind kontemplative Leitregeln durchs Leben, die dem Kampfkunstübenden helfen, sich selbst zu betrachten um die rechte Haltung (shisei) für alle Lebenslagen zu finden. Untenstehend ordnen wir einige wenige dem fünften Punkt der dōjōkun zu:

5. Verzichte auf Gewalt

5.    Gewaltloses Handeln (Verzichte auf Gewalt) – Missbrauche weder das Wissen noch das Können, das du dir in der Übung der Kampfkünste aneignest, für eigennützige Zwecke. Bekenne dich zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit und bemühe dich in allen Problemsituationen um friedliche Alternativen.


•    Ikken hissatsu 一拳必殺 (mit einem Schlag töten) und sun dome 寸止め (sun = 1 Zoll oder 2,5 cm – Abstoppen der Technik kurz vor dem Ziel).
Das Begriffspaar steht symbolisch für einen wichtigen Inhalt des budō. In der philosophischen Interpretation bezeichnet ikken hissatsu nicht das Töten selbst, sondern die Fähigkeit zur absoluten Handlung, die aus der rechten Haltung entsteht. Ikken hissatsu ist ein unerreichbares Ideal und meint die Fähigkeit zum Absoluten, die Überwindung der letzten Grenze. In der Übung des budō, die nichts weiter als eine Konfrontation mit den unzähligen inneren und äußeren Grenzen ist, besteht die Möglichkeit, sich diesem Ideal durch die Zeit zu nähern. Ob ein Übender dies tut oder ob er nur Techniken perfektioniert, liegt an ihm selbst.
Ikken hissatsu, das in der Praxis des menschlichen Handelns die Wirkung darstellt, muss immer sun dome (Achtung) mit einschließen. So entsteht das Gleichgewicht zwischen „wirken“ und „achten“. Im karate bedeutet sun dome, dass ein Schlag, Stoß oder Tritt ungefähr zwei Zentimeter vor dem Ziel abgestoppt wird. Philosophisch betrachtet bedeutet dies, dass ein Mensch die Fähigkeit zur absoluten Wirkung durch die Achtung vor dem Leben im Gleichgewicht hält. Ikken hissatsu und sun dome stehen daher gleichsam als Pole des menschlichen Wirkungsvermögens. Die Balance zwischen ihnen (mosshōseki) zu finden, ist eine lebenslange Aufgabe. Die Verwirklichung nur einer dieser Haltungen ist nach der Budō-Lehre falsch, denn sie führt entweder zur Vernichtung der Welt (Wirken ohne Achtung) oder zum Rückschritt ins Dulden (Achten ohne Wirkung).
Deshalb ist auch das Üben von wirkungslosen Techniken eine Verletzung dieses Grundsatzes und führt zu einer inneren Fehlhaltung, der das Maß auf der anderen Seite fehlt: der Mensch braucht nicht zu achten, weil er nicht wirken kann. Dies ist weder der Sinn des Lebens noch der Sinn des budō. Die Übung des budō ist eine Herausforderung an alle Grenzen im Menschen und kann jede Fehlhaltung korrigieren, wenn der „Mittlere Weg“ eingehalten wird.

•    Karate ni sente nashi 空手に先手なし (Im karate gibt es keinen ersten Angriff).
Dieser Leitsatz ist einer der bekanntesten in der Literatur des budō. Er wurde von Meister Funakoshi im karate interpretiert, stammt jedoch ursprünglich aus dem japanischen bushidō, wo er besagte, dass ein samurai in jeder Situation einen beherrschten Geist bewahren muss und das Schwert nicht wegen jeder Provokation oder Kleinigkeit ziehen darf. Durch diese Regel wird der Übende an die Bedeutung des ruhigen und kontrollierten Geistes (heijoshin kore michi) erinnert, durch den sich in den Kampfkünsten der reife Meister vom Anfänger unterscheidet.
Im karate wurde die Bedeutung erweitert. Sie passte sich der stärker ausgeprägten philosophischen Tendenz des budō an und verkörpert darin den Wunsch des in den Kampfkünsten gereiften Menschen nach Frieden und Harmonie. In den kata des karate wird dies symbolisch verdeutlicht, indem die erste Technik aller überlieferter Formen (kata) jeweils eine Abwehr ist.
Karate ni sente nashi wird auch im modernen budō häufig als Leitsatz verwendet, aber selten beachtet. Im ursprünglich traditionellen Sinn, in dem dieser Leitsatz gegründet wurde, enthielt er zwei philosophische Aspekte:

1.    Zum ersten zeigt er an, dass die Kampfkünste zur Selbstverteidigung und nicht zum Wettbewerb gedacht sind, in dem eine zu große Betonung auf der Taktik von Angriffstechniken liegt. Die Meister, die der Tradition des Karate folgen, sehen in den akzentuierten Angriffsübungen der sportlichen Varianten eine Verletzung dieses Prinzips und ein schwaches Kampfpotential, da sie im Übenden falsche innere Haltungen hervorrufen, die dem Geist des budō widersprechen. Die Interpretation dieses Leitsatzes ist mit dem Budō-Prinzip des sen no sen (Initiative im Angriff) und go no sen (Initiative in der Verteidigung) verbunden. Das Ergreifen der Initiative – ganz gleich in welcher Selbstverteidigungssituation – ist lebensnotwendig. „Es gibt keinen ersten Angriff“ bedeutet aber, dass ein Kampfkunstexperte in der Selbstverteidigung nie angreift, sondern abwehrt und im äußersten Ernstfall kontert. Das Maß einer Selbstverteidigungshandlung wird vom Geist bestimmt, und deshalb hängt die Verwirklichung von karate ni sente nashi eng mit der Entwicklung eines gerecht empfindenden Geistes zusammen.
2.    Zum zweiten drückt der Spruch den friedvollen Geist des in den Kampfkünsten gereiften Menschen aus, der Bescheidenheit und friedliches Zusammenleben vor individuelle Ziele stellt. Die Praktiken des Wettbewerbs, Siege nach Punkten zu erringen und auf diese Weise den Besten zu ermitteln, werden als Verletzung dieses Prinzips bezeichnet, da sie für einen reifen Geist unwürdig und für einen naiven Geist verantwortungslos sind. Karate unter diesem Zeichen zu unterrichten, gilt als Umkehr seines Sinnes und als Verletzung seiner Ethik.
Die zweite Bedeutung bezieht sich nicht nur auf die Kampfkünste, sondern auf die allgemeine Haltung des Menschen gegenüber dem Leben. Das friedliche Zusammenleben der Menschen ist nach wie vor ein akutes Problem, dessen Bewältigung weit mehr in der Reife und dem Willen zum Frieden eines jeden liegt, als in der Suche nach übergeordneten Auswegen. Häufig betrachten Menschen Frieden und Krieg als von ihnen unbeeinflussbare politische Ereignisse, doch in Wirklichkeit sind sie das Resultat ihrer Handlungen im Alltag. karate ni sente nashi mahnt den Menschen zur Selbstbesinnung und zu friedlichen Alternativen. Geistiges Wesen zu sein bedeutet, diese Alternativen zu suchen und zu finden, um der persönlichen Verantwortung für die Zukunft der Menschen gerecht zu werden.