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Zum vierten Punkt der Dojokun

Die kaisetsu sind kontemplative Leitregeln durchs Leben, die dem Kampfkunstübenden helfen, sich selbst zu betrachten um die rechte Haltung (shisei) für alle Lebenslagen zu finden. Untenstehend ordnen wir einige wenige dem vierten Punkt der dōjōkun zu:

4. Ehre die Prinzipien der Etikette

4.    Methoden des rechten Verhaltens (Ehre die Prinzipien der Etikette) – Respektiere die Etikette und bemühe dich darum, sie in deinem Verhalten sichtbar zu machen. Gehe nicht gedankenlos über sie hinweg und suche nicht nach Entschuldigungen, wenn du sie verletzt. Gleiche Fehler durch erhöhte Hingabe aus und lasse sie nicht auf sich beruhen.


•    Karate do wa rei ni hajimari rei ni owaru koto o wasuruna 空手道は禮に始まり、禮に終る事を忘るな (Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt, vergiss es nicht).
Ohne gegenseitigen Respekt, ohne Höflichkeit und Vertrauen gibt es kein budō, da ohne sie das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit (vergl. dōjōkun 5) nicht möglich wäre. Missachten die Übenden diese Tugenden, würden sie in die Gepflogenheiten des Straßenkampfes oder einer sonstigen Anarchie abgleiten, sich auf das Niveau der Tiere begeben und damit zur Urwaldmentalität zurückkehren.
In allen traditionellen Kampfkunstschulen wird deshalb die Etikette (sahō) sehr genau beachtet. Erst durch sie wird das dōjō zu einem Ort, in dem es einem Übenden möglich ist, in angemessener Haltung sich selbst und anderen gegenüber in einem sicheren Umfeld zu üben. Übung ohne Etikette würde das Tor zur Gewalt öffnen und die Atmosphäre eines dōjō zerstören, die von Ruhe und Selbstbesinnung, von Harmonie, gegenseitiger Hilfe und Miteinander geprägt sein soll.
Der symbolische Ausdruck des rechten Verhaltens in den Kampfkünsten ist der Gruß (rei), um den sich die gesamte Verhaltensetikette (reigi sahō) aufbaut. Wenn ein Übender ein dōjō betritt, sollte er dies beachten. Die Etikette lehrt ihn, bescheiden, höflich und achtsam zu sein. Wenn er sich erlaubt, die Regeln der Etikette zu verletzen, erweist er sich selbst keinen guten Dienst. Sie sind dazu gedacht, ihm zu helfen, sein Ich kontrollieren zu lernen und ihm den Weg der rechten Kommunikation mit anderen zu zeigen. Dies ist von ebenso großem Wert wie die Übung der Technik

•    Setsu do motsu 節度持 (Sei stark, doch wisse, wann du nachgibst).
Die Fähigkeit, sich angemessen zu verhalten, ist eine Grundvoraussetzung zum Erreichen höherer Lern- und Lebensziele. Sie erwächst aus dem inneren Ausgleich der Gefühle und aus der Überwindung des Ich. Menschen, die sich überschätzen und selbst für zu wichtig halten, sind ständig dabei, falsche Stärke zu demonstrieren. Durch ihre unangemessene Haltung stehen sie ihren eigenen Absichten im Wege und werfen in einem einzigen unbedachten Moment um, was sie sich mühsam aufgebaut haben.
Die Achtung vor allen Dingen ist die Grundlage jener inneren Stärke, die dem reifen Menschen ein angemessenes Verhalten ermöglicht. Ein reifer Mensch findet viele Gelegenheiten, Achtung zu bekunden, während der Kampfkunstexperte es sogar zur Übung macht. Der unreife Mensch hingegen nimmt jede Gelegenheit wahr, selbst die achtungswürdigsten Dinge zu kritisieren und sie durch maßlose Überheblichkeit zu entehren. Dadurch erreicht er jedoch keine Stärke, sondern einen Zustand der Schwäche und Abhängigkeit.
In den Kampfkünsten dient die Etikette des rei zur Übung dieser Haltung. Die Achtung, die ein Schüler dem Lehrer bezeugt, indem er sich stillschweigend verbeugt, formt in ihm die Fähigkeit, innere Stärke durch die Überwindung des Ich zu entwickeln. Doch diese Übung muss die bloße Form des rei übersteigen und zu einem wahren Verständnis führen. Der Gruß allein, ohne die entsprechende Haltung, ist bloß eine Geste.
Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Es passiert häufig, dass fortgeschrittene Schüler mit wachsendem Selbstgefühl ihren Lehrer herausfordern. Sie weisen ihm Fehler nach und kritisieren seine Haltung. Dies tun sie nicht aus böser Absicht, sondern in der festen Überzeugung, es besser zu wissen und recht zu haben. Unabhängig davon, ob dem wirklich so ist, verletzen sie damit jedoch die Etikette des budō, werden überheblich und entwickeln eine Haltung der Schwäche. Selbst wenn der Lehrer kein Meister ist, müssen sie sich letztendlich unterordnen oder gehen.
Wären sie wirklich das, wofür sie sich halten, würden sie der Etikette vertrauen und sich stillschweigend verbeugen. Dadurch würden sie die Wahrheit sichtbar machen, denn das rei ist stärker als das Ich. Der falsche Lehrer büßt hier seine Position ein. Die Übenden des dōjō werden das rei durch ihre Achtung anerkennen, denn es ist das höhere Niveau.
Doch wenn es nur das Ich ist, das um Anerkennung ringt, ist der Kampf vergeblich. Selbst wenn sie ihn gewinnen, werden andere kommen, die erneut angreifen. Nur wahre Stärke kann bestehen, doch sie braucht keine Unterstützung durch das Ich. Wenn das rei fehlt, ist es keine Stärke.
Wenn der Schüler lernt, sich wirklich zu verbeugen, hat er ein hohes Niveau erreicht. Er besiegt sein falsches Ich und gewinnt eine starke Persönlichkeit. Solange jedoch das Ich im Spiel ist, kann er das nicht erkennen. Das Ich ist stets um sich selbst besorgt und entscheidet immer im Hinblick auf sein Image. In dieser Haltung heißt der Mensch gut, was seinem Ich dient, und lehnt ab, was seinem Ich schadet. Um angemessen handeln zu können, muss das Ich aus dem Spiel bleiben.
Ein sensei erkennt den Schüler an seinem rei. Darin gibt es eine Verständigung ohne Worte. Doch solange der Schüler im Ich gefangen ist, hat sein rei keine Stärke, sondern es besteht nur aus Form. Es ist voller Ansprüche, Bedingungen und Abhängigkeiten und deshalb stets unterlegen und schwach. Es ist nicht frei vom Selbstgefühl, und daher ist es nichts weiter als Unterwerfung, ein willenloses Befolgen der Regel oder auch nur ein Ausdruck der Hoffnung auf eine baldige innere Verwandlung.

•    Oshi shinobu 押忍 (Sei geduldig – mit dir selbst und mit anderen).
Karate ist eine Kunst, in der der Übende seine Haltung vervollkommnet und dadurch lernt, physische und psychische Grenzen zu überschreiten. Diese Grenzen sind bei jedem Menschen verschieden, und das Ziel der Übung ist es, dass jeder Einzelne lernt, seine eigenen Grenzen zu erkennen und über sie hinauszugehen, gleich auf welchem Niveau sie sich befinden. Dadurch erhält der Weg des budō seinen Wert und ist für jeden Menschen von Nutzen. In einem Training, das nur auf die körperliche Leistung zielt, geht der Wert der Übung verloren.
Fortschritt in den Kampfkünsten bedeutet, dass jeder Übende beständig voranschreitet, und zwar unabhängig von seinen körperlichen Möglichkeiten. Auch ein alter oder körperlich schwacher Mensch kann die Kampfkünste üben, wenn er dieses Prinzip versteht. Ein solcher Fortschritt ist qualitativ wertvoller als der Fortschritt eines talentierten Sportlers, der nur den Körper übt.
Man braucht nicht zu verzagen, wenn andere Menschen Techniken vielleicht schneller lernen. Mit Geduld im beständigen Training erreicht jeder Mensch Fortschritt. Um die Kampfkünste zu üben, ist sportliches Talent nicht notwendig. Jeder Mensch kann lernen, seine Grenzen zu überschreiten. Dies hat mit Rekorden nicht das Geringste zu tun. Wahrer Fortschritt im budō ist ein innerer Gewinn.
Um dieses Prinzip zu unterstreichen gebraucht man als Begleitung zum rei (Gruß) manchmal den Laut ossu. Ossu ist eine phonetische Verkürzung aus oshi shinobu und vermittelt mehrere wichtige Botschaften. Zum einen bedeutet ossu „Ja“ und bezeichnet die Bereitschaft, die Lehre oder Kritik des sensei anzunehmen, zum anderen bezeugt es den Willen, persönliche Hindernisse zu überwinden