When you install WPML and add languages, you will find the flags here to change site language.

Zum dritten Punkt der Dojokun

Die kaisetsu sind kontemplative Leitregeln durchs Leben, die dem Kampfkunstübenden helfen, sich selbst zu betrachten um die rechte Haltung (shisei) für alle Lebenslagen zu finden. Untenstehend ordnen wir einige wenige dem dritten Punkt der dōjōkun zu:

3. Pflege den Geist des Strebens

3.    Wege des rechten Strebens (Sei achtsam in deinem Streben) – Vermeide jede Form des egoistischen Strebens. Überwinde Selbstsucht und Habgier, sei maßvoll im Nehmen und großzügig im Geben. Dränge dich nicht in den Vordergrund, halte deine Ansprüche gering und bekenne dich zur Verantwortung, zur Hilfe und zur Toleranz.


•    Mosshōseki 没蹤跡 (Lass keine Spur hinter dir).
Menschliches Leben ist sich selbst erkennendes Leben und vollzieht sich deshalb jenseits des passiven Erduldens – ein Leben, das dem Tier eigen ist. Das Tier denkt nicht in Vergangenheit und Zukunft und weiß nicht um Ursache und Wirkung. Deshalb ist es den natürlichen Gegebenheiten ausgeliefert und lebt ausschließlich in natürlichen Umständen. Bewusst zu leben hingegen bedeutet, Ziele zu verwirklichen; die Welt wird nicht als Gegebenheit angenomen, sondern nach eigenen Vorstellungen gestaltet.
Doch auch bewusstes Leben hängt wie alles Leben auf der Welt vom ewigen Werden und Vergehen ab. Gleich wie es die Welt gestaltet, es kann sich aus seinem natürlichen Ursprung nicht herauslösen, ohne Schaden zu nehmen. Je mehr es gestaltet, umso mehr schadet es dem Ursprung. Verzichtet es auf das Gestalten, verhindert es aber den Menschen.
Menschliches Leben kann deshalb nur auf einem doppelten Weg reifen: es muss im Streben gestalten und durch die Liebe bewahren. Wächst es nur auf einem Weg, so schadet es sich selbst.
Den Begriff mosshōseki übersetzt man mit „Lass keine Spur hinter dir“. So wie ein Vogel keine Spur am Himmel und ein Fisch keine Spur im Wasser hinterlässt, soll nach der Lehre des budō ein Mensch leben, der wahres Bewusstsein verwirklicht hat. Gemeint ist damit ein Leben in völliger Natürlichkeit, das weder aus aggressivem Wirken noch aus passivem Dulden besteht. Im Zen bezeichnet man das wahre Bewusstsein als den „Zustand der zweiten Natürlichkeit“. Die „erste Natürlichkeit“ ist der Zustand eines Säuglings, in dem noch alle Wegmöglichkeiten offen sind. Sie ist dem Menschen von der Natur gegeben, die zweite Natürlichkeit muss er sich erarbeiten.
Mosshōseki meint eine Lebensführung, bei der sich der Mensch im Gleichgewicht zwischen den Polen seines Seins (Abhängigkeit von der Natur und Selbständigkeit durch das Bewusstsein) verwirklicht. Diese ist geprägt von einer allgemeinen Aufmerksamkeit, auch und gerade für unscheinbare Dinge (sabi und wabi). In der gegenteiligen Haltung, in der er unkontrolliert strebt und gedankenlos handelt, nimmt er zu viel als selbstverständlich hin, ohne den notwendigen Ausgleich durch Dankbarkeit und Demut zu schaffen. Er ist sich dabei der Tragweite dieses Handelns nicht bewusst und unfähig, dessen Auswirkungen auf sein eigenes Leben und das Leben als solches zu erkennen. Er nimmt sich, was ihm nicht zusteht, und gefährdet oder schädigt sogar damit seine Umgebung und das sich darin befindende Leben. Er lässt eine (negative) Spur hinter sich (goseki).
Keine Spur hinter sich lassen“ (mosshōseki) bedeutet dagegen, dass der Mensch persönliche Bedürfnisse mit Bescheidenheit und Selbstkontrolle behandelt, dass er Tendenzen zur Überschwänglichkeit, Extravaganz, unangemessenem Anspruch und achtloser Haltung gegenüber allen Lebensumständen meidet, da sie ihm nicht nur den Blick in die Wirklichkeit verwehren, sondern im übergeordneten Zusammenhang alles Leben auf der Welt gefährden.

•    Kō gaku shin 向学心 (Halte deinen Geist zum Lernen offen).
Es ist Aufgabe des Schülers, sich für den Weg bereit zu halten, damit er lernen kann. So selbstverständlich dies scheinen mag, neigt der Mensch doch immer wieder dazu, bereits vorher wissen zu wollen. Dies äußert sich im budō zum Beispiel darin, dass der Schüler glaubt, selbst entscheiden zu können, welche Übungsinhalte wichtig und welche unwichtig sind. Das, was er noch nicht verstanden hat, lässt er außer Acht und muss oft weite Umwege gehen, um endlich einzusehen, dass das Vertrauen in die größere Erfahrung des Lehrers der bessere Lernweg ist.
In einer echten Budō-Lehre bestimmt nie die Meinung des Schülers das Geschehen, sondern der Erfahrungsvorsprung des Lehrers, zu dem sich der Schüler durch seine Haltung bekennt. In der Weglehre unterliegen die Kategorien „richtig“ und „falsch“ nicht der Beweispflicht, es gibt keinen Meinungskampf zwischen Lehrer und Schüler und keine demokratische Abstimmung über die Inhalte der Wegübung. Dort, wo Schüler dies beanspruchen, zieht sich der Lehrer zurück und wird sie nicht weiter unterrichten. Wo die Haltung fehlt, gibt es kein budō.
Lernen in einem dōjō bedeutet, eine dem Budō-Geist entsprechende Herausforderung anzunehmen und unter der Aufsicht eines Meisters selbst die Meisterschaft anzustreben. Doch bevor die Meisterschaft nicht vom Meister bestätigt wird, bringt die Unterbrechung des Lernprozesses den Schüler wieder an den Anfang zurück. In den Graden unterhalb dieser Bestätigung gibt es bestenfalls einen technischen Fortschritt, aber keine Wegmeisterschaft.
Die Wegmeisterschaft kann mit herkömmlichen Lernmethoden nicht erreicht werden. Das Bemühen um ein eigenes Verständnis (jitoku 自得) ist in den Weglehren wichtig und unterscheidet sich grundlegend von jener Lernauffassung, in der der Schüler nur nach Wissen oder Können strebt. Jitoku wird nicht durch bloßes Lernen verwirklicht, sondern entsteht aus der menschlichen Nähe zum Meister. Vernachlässigt der Schüler sie, wird er den Weg nie verstehen. Lernen im budō ist daher vor allem das beständige Bemühen um die rechte Haltung.
Oft können Schüler dies nicht erkennen und verharren in falschen Haltungen. Dies sind persönliche Grenzen (bonnō), und es gibt viele scheinbar einleuchtende Begründungen, warum man sie nicht zu überschreiten wagt. Doch in Wahrheit ist es das unüberwundene Ich, das den Menschen vom Weg trennt. Wenn er vor diesem Hindernis steht, ist es einfacher zu erklären, der Weg sei falsch, als die eigene Haltung zu betrachten.

•    Dō mu kyoku 道無極 (Der Weg hat kein Ende).
Jeder Mensch hat einen persönlichen Zenit seines körperlichen Leistungsvermögens, der etwa im mittleren Alter erreicht wird. In der Übung des budō gibt es jedoch keine Grenzen, wenn man die innere Vervollkommnung mit in Betracht zieht. Diese Art der Vervollkommnung ist der gravierendste Unterschied zwischen budō und Sport. Selbst wenn der Körper alt und schwach ist, lässt sich die Haltung weiter perfektionieren.
In allen traditionellen Künsten des budō wird die körperliche Meisterschaft der bloßen Technik nicht als das höchste zu erreichende Ziel angesehen. Es ist nichts Außergewöhnliches daran, allein die Techniken zur Leistungsgrenze zu bringen. Die Meisterschaft einer Kunst des budō vollzieht sich in einer vollkommen anderen Dimension. Sie bedarf einer langen geistigen Reifezeit unter einem Meister des Weges. Diese Zeit ist nötig, um zu erkennen, was „der Weg hat kein Ende“ bedeutet.

•    Karate wa yū no gotoshi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaheru 空手は湯の如し、絶えす熱度を與へざれば元の水に還へる (Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht beständig erwärmst).
Die Kampfkünste erfordern ein regelmäßiges Training, durch das der Übende solche Tugenden wie Selbstdisziplin, Beständigkeit und Ausdauer ausbilden kann. Schafft er dies nicht, ist jede Bemühung um Fortschritt vergeblich. Schüler, die ihre Trainingszeiten nicht einhalten und oft fehlen, weil sie anderweitig beschäftigt oder zu bequem sind, sind schlechte Schüler. Es ist vollkommen gleich, wie sie ihr Problem begründen. Wenn sie nicht üben, können sie nicht lernen.
Deshalb ist es falsch zu denken, dass der eigene Anspruch auf etwas dadurch gerechtfertigt bleibt, dass man plausible Gründe für eigene Versäumnisse findet. Wenn ein Mensch sich mit Aufgaben überlädt, deren Bewältigung ihn mehr Kraft kostet, als er hat, wird er auf zufrieden stellende Resultate verzichten müssen.
Wenn ein solcher Mensch in ein dōjō kommt, muss er vor allem Selbstdisziplin lernen, anders erlangt er keinen Fortschritt. Viele Ziele anzustreben, zu deren Bewältigung die Kraft oder die Disziplin nicht reichen, bringt keine Erfolge.
Die Selbstdisziplin ist die Grundlage für jeden Fortschritt und die beste „Flamme zum Erwärmen des Wassers“. Man geht in ein dōjō, weil man etwas für sich selbst tun will. Doch man muss zuverlässig sein und die rechte Haltung mitbringen, denn dort trifft man Menschen, auf die man angewiesen ist und von denen man dasselbe erwartet. Um ihnen in der rechten Weise begegnen zu können, muss man sich auch im alltäglichen Leben zur Ordnung erziehen und seine Angelegenheiten mit Disziplin und Verantwortung lösen. Ist dies nicht der Fall, wird das Wasser jedes Mal kalt, und man muss es immer aufs Neue erwärmen.