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Die Dōjōkun in der Zeitgeschichte

Der Ursprung der dōjōkun liegt in den Anfängen der Kampfkunst im alten Shaolin-Kloster. Man vermutet, dass die erste dōjōkun bereits von dem indischen Mönch Bodhidharma im Shaolin-Kloster geschaffen wurde. Bodhidharmas Verhaltensregeln gründete sich auf die Tugenden Disziplin, Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und Achtung vor dem Leben. Später erweiterte Jue Yuan die bis dahin bestehenden 72 Kampfverfahren des Shaolin auf 170 Bewegungen und schuf mit Hilfe von Li Cheng und Bai Yu Feng die Shaolin-Tierstile (wuqinquan). Bereits damals hatte man erkannt, dass dem gefährlichen quanfa eine zügelnde Ethik hinzugefügt werden musste.

Zehn Regeln des Jue Yuan

Ausgehend von Bodhidharmas Regeln, schuf Jue Yuan für die Shaolin-Schüler zehn Regeln, die als wude bezeichnet werden. Diese  wurden überliefert und gelten als die erste dōjōkun, die im nachhinein das gesamte philosophische Spektrum der Kampfkünste prägen sollte:

1.    Wer den Weg des quanfa geht, muss mit Eifer und Ausdauer an sich arbeiten und darf keine Ablenkung durch andere Dinge zulassen.
2.    Die Anwendung des quanfa dient nur der Selbstverteidigung.
3.    Der Schüler muss sich dem Lehrer gegenüber ehrerbietig und bescheiden erweisen und ihm stets Hochachtung entgegenbringen.
4.    Der Schüler muss seinen Kameraden gegenüber höflich, ehrlich und wohlwollend sein.
5.    Übenden des quanfa ist es verboten, in der Öffentlichkeit ihre Kunst zu demonstrieren.
6.    Quanfa-Schüler beginnen nie eine Schlägerei.
7.    Quanfa-Schüler trinken keinen Wein und essen kein Fleisch.
8.    Quanfa-Schüler enthalten sich des Geschlechtsverkehrs.
9.    Das quanfa darf nur an Menschen weitergegeben werden, die reinen Herzens sind und aufrichtige Dankbarkeit zeigen.
10.    Wer das quanfa studiert, muss Bosheit, Gier, Neid und Prahlerei überwinden.

Fünf grundlegenden Anleitungen

In den nachfolgenden Schulen des quanfa entwickelten die Lehrer nach altem Vorbild jeweils eigene Kampfkunstregeln, die auf die Eigenheiten der Stile und des Umfeldes abgestimmt waren, in dem sie agierten. Fünf Grundsätze bildeten sich immer mehr heraus. Hier die Regeln einer alten Quanfa-Schule, die zunehmend zum Standard wurden:

1.    Bemühe dich um einen Ausgleich deines Äußeren: Haltung, Kleidung, Benehmen und sprachliche Umgangsformen sollen übereinstimmen.
2.    Bewahre Stattlichkeit in der Haltung und in der Sprache. Begegne anderen mit Selbstvertrauen, Natürlichkeit und ständigem Wohlwollen.
3.    Kontrolliere dich und lasse Veränderungen der eigenen Laune nicht durch Gestik, Mimik oder Haltung erkennen. Bewahre gleichmäßige und angenehme Umgangsformen.
4.    Erhalte Munterkeit und positive Laune. Zeige keine Anzeichen von Müdigkeit.
5.    Erhalte Disziplin und Selbstdisziplin in allen Lagen.


Überlieferung nach Okinawa

Die Überlieferung der dōjōkun nach Okinawa fand unter schwierigen Bedingungen statt, da den Okinawanischen Kampfsystemen anfangs alle Voraussetzungen zur Veränderung ihrer kriegerischen Systeme zu einer Kampfkunst fehlten. Erst im 18. Jh. fanden durch chinesische Einflüsse jene Prozesse statt, die die Entstehung einer Okinawanischen Kampfkunst ermöglichten.

Sakugawas Leitsätze

Auf der Grundlage chinesischer Vorbilder erschuf Sakugawa Shungō im 18. Jahrhundert auf Okinawa erste ethische Regeln für die Übenden des tōde. Diese Regeln wurden nie aufgeschrieben und sind heute nicht nachweisbar. Man vermutet jedoch, dass es sich um die Übertragung der fünf chinesischen Leitsätze handelt:

1.    Vervollkommne deinen Charakter
2.    Sei aufrichtig und loyal
3.    Sei strebsam
4.    Achte die Etikette
5.    Verzichte auf Gewalt


Überlieferung nach Japan

Ob man von einer Überlieferung der okinawanischen dōjōkun nach Japan sprechen kann, ist umstritten. Im japanischen bujutsu gab es lange vor der Einführung des karate eigene kontemplative Leitsätze (kaisetsu), die von den Bujutsu-Lehrern zur geistigen Disziplinierung ihrer Schüler verwendet wurden. Außerdem gab es jahrhundertelange Debatten, Ausführungen und Veröffentlichungen über bushidō (Weg des Kriegers), durch die die Ethik des japanischen Kriegertums bereits im 16. Jh. gegründet und gefestigt wurde. Zu nennen sind z.B. hagakure oder buke shohatto.
Die Überlieferung eines okinawanischen Ethiksystems spielte in den japanischen Kampfkünsten kaum eine Rolle. Es ging um die inhaltliche Definition und um die Unterscheidung des bujutsu vom budō. Funakoshi interpretierte seine Regeln haupsächlich aus japnanischen Einflüssen.

Shōtō nijūkun

Als Meister Funakoshi Gichin nach Japan kam, gründete er eine eigene dōjōkun, die unter der Bezeichnung shōtō nijūkun bekannt wurde. Diese Regeln wurden von Meister Funakoshi wahrscheinlich zu Beginn der 30er Jahre verfaßt. Untenstehend die Originalwiedergabe von Richard Kim, übersetzt von Ursel Arnold.

1.      Karatedo wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto o wasuruna – Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.
2.      Karate ni sente nashi – Im Karate gibt es keinen Angriff.
3.      Karate wa gi no tasuke – Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.
4.      Mazu jiko wo shire, shikoshite tao wa shire – Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen.
5.      Gijutsu yoi shinjutsu -Intuition ist wichtiger als Technik.
6.      Kokoro wa hanatan koko wo yosu – Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn erst danach.
7.      Wazawai wa getai ni shozu – Unglück geschieht immer durch Unachtsamkeit.
8.      Dojo nomino karate to omou na – Glaube nicht, dass Karate nur im Dojo stattfindet.
9.      Karate no shugyo wa issho de aru – Karate üben heißt, ein Leben lang zu arbeiten; darin gibt es keine Grenzen.
10.   Arai-yuru mono wo karateka seyo, soko ni myo-mi ari – Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du Myo finden.
11.   Karate wa yu no goto shi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru – Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht beständig erwärmst.
12.   Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo – Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie du nicht verlierst.
13.   Teki ni yotte tenka seyo – Verändere ständig deine Verteidigung gegenüber dem Feind.
14.   Tattakai wa kyo jitsu no soju ikan ni ari – Der Kampf entspricht immer deiner Fähigkeit, mit Keyo und Jitsu umzugehen (Keyo – unbewacht, Jitsu – bewacht).
15.   Hito no te ashi wo ken to omoe – Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.
16.   Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari – Wenn du den Ort verläßt, an dem du zu Hause bist, machst du dir zahlreiche Feinde.
17.   Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai – Anfänger müssen alle Haltungen ohne eigenes Urteil annehmen, um danach einen natürlichen Zustand des Verstehens zu erreichen.
18.   Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono – Die Kata muss ohne Veränderung korrekt ausgeführt werden, im wirklichen Kampf gilt das Gegenteil.
19.   Chikara no kyojaku (hart und weich) Karada no shinshuku (Spannung und Entspannung) Waza no kankyu wo wasaruna (langsam und schnell) – alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.
20.   Tsune ni shinen kufu seyo – Erinnere dich und denke immer an Kufu – lebe diese Vorschriften jeden Tag.

 

Dōjōkun des BSK