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Abhandlung über den Weg (dō)

Text und Copyright by Werner Lind

Das Streben nach Perfektion kann von zwei verschiedenen Haltungen beeinflußt sein: vom Bemühen um eine äußere Form oder vom Bemühen um eine innere Gestaltung. Im ersten Fall will man die Anerkennung in der Welt, im zweiten sucht man den Kampf um persönliche Reife. Soll eine Übung dem Weg dienen, muss sie auf die erste Haltung verzichten.
Reife Erkenntnis entsteht nur im Kampf gegen die Tendenz zur Selbstdarstellung, die Formvollendung als Selbstzweck anstrebt. Darin liegt der Unterschied zwischen budō und Sport. An der primären Entscheidung, welchem Zweck die Übung dienen soll, und nicht in der Formübung selbst scheiden sich die Wege.
Auf beiden Wegen ist es dieselbe Form, der Unterschied liegt allein in der Absicht: Will der Mensch die Form, um mit ihr zu gelten, oder übt er sie, um mit ihr zu wachsen? Richtet er seinen Blick auf die Welt oder in sein Inneres? Der Inhalt, der Sinn und das Ergebnis seiner Übung hängen von dieser Entscheidung ab.
Auf dem Weg dient die Übung der Form dem inneren Wachsen und nicht den Ansprüchen des Ego. Trotzdem bleibt sie ein Ziel, doch nicht um des Formwerts willen, sondern um eine innere Auseinandersetzung mit dem Ideal zu bewirken. Die Qualität dieser Auseinandersetzung ist entscheidend. Bei der richtigen Haltung hat das Wissen um die Unvollkommenheit der Formen jedesmal einen neuen Kampf zur Folge, eine neue Herausforderung.
Erschöpft sich diese Herausforderung in äußeren Vergleichen (Wettkampf des Könnens oder Wettkampf des Wissens), wird sie das Reifen verhindern. Jede Herausforderung außerhalb des Ideals endet im Selbstzweck und will die Form, nie den inneren Kampf. Doch erst der innere Kampf ermöglicht einen Blick in die eigene Tiefe. Wird dieser Kampf vom Ich geführt, stagniert jeder Reifeprozeß, und die Form endet im Wettbewerb.
Dann dient die Technik dem Gewinnen. Fortschritt auf dem Weg entsteht aus dem Wissen um stets vorhandenes Unvermögen und in der Herausforderung, das Höchstmögliche zu erreichen. Hier unterscheidet sich die Weglehre () von der weltlichen Lehre an Schulen und Universitäten.
Das den Schülern dort vermittelte Wissen versteht sich als objektiver Wert, als Absolutum, ohne den inneren Kampf um Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis. Auf dem Weg hingegen wird jede sichtbar werdende Form sofort in Frage gestellt. Kein objektiver Wert überlebt als feststehende Größe, sondern immer nur als Ausgangspunkt für eine subjektive Erfahrung. Die eigene Verpflichtung zum Selbstbetrachten und Selbstsuchen in dem sich ständig erweiternden Kreis subjektiver Erfahrungen ist enorm.
Diese Verpflichtung allein vermag es, den Übenden vor dem Gefangensein in den Formen zu bewahren. Der Fortgeschrittene auf dem Weg verwendet jede nur erdenkliche Form zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Er weiß, dass keine an ihn herangetragene Form ohne diese Auseinandersetzung einen Wert hat und dass jedes Bemühen um Formvollendung nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur stetigen Selbstverwirklichung sein sollte.
Deshalb ist auch die Form im budō keine Kette von überlieferten Werten, an denen ein Übender automatisch teilhat, wenn er sie lernt. Sie ist nichts weiter als eine Möglichkeit, zu sich selbst zu finden. Nur wo sie diesen Kern im Menschen berührt, gewinnt sie Inhalt. In der bloßen Nachahmung einer Form, gleich ob sie aus Wissen oder Können besteht, liegt nie ein Sinn.

– der Weg            Weg und Form            Weg und Kultur