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Weg und Kultur

Abhandlung über den Weg ()

Text und Copyright by Werner Lind

Der Beginn des Menschseins liegt im Bewußtwerden der Form, sein Wachsen in der Überwindung der Formabhängigkeit. Kultur entsteht im Kampf um die Überwindung der Triebe und formt den Geist, der den Menschen aus der Formabhängigkeit befreit.
Seit altersher wissen die Weisen, dass der Lebenssinn nicht lehrbar und in keiner anderen Lebenshaltung erkennbar, sondern immer nur im eigenen Kampf um die Überwindung der Triebe zu erfahren ist. Wo dieser Kampf nicht stattfindet, wird jede erschaffene Form zur Gefahr. Gleichzeitig aber enthält jede Arbeit an der Form auch die Möglichkeit zu diesem Kampf, wenn der Mensch den Weg () sucht.
So ist es auch im budō nicht die Form, sondern der Weg, der die Fähigkeit des Menschen zum Sinn bewirkt. Die bloße Perfektion der Form ohne den Weg führt zum Sinnverlust. Das Spiel mit den Formen ohne Rückgebundenheit an einen inneren Kampf ist in der Menschheitsgeschichte immer kulturlos gewesen. Einzig dort, wo es Einzelnen gelang, sich von der Schwerkraft der Form zu befreien, entstand Kultur.
„Der liebe Gott muß immer ziehen, dem Teufel fällt’s von selber zu“, sagt Wilhelm Busch und spricht damit die beiden Extreme der menschlichen Polarisierung an: den selbstwirkenden Hang zum Trieb und die eigenverantwortliche Initiative zum Geist. Doch Geist ist nicht allein durch gesteigerte Intellektualität gewährleistet, sondern definiert sich erst in einem individuellen Kampf um Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Er bedarf über alles formelle Lernen hinaus einer persönlichen Übung des Lebens, eines Kampfes um individuelle Reife. Fehlt dieser, bleibt der nur intellektuelle Mensch sinn-los und damit ideologisch beliebig lenkbar.
Auch Kultur entsteht erst im Kampf des nach Freiheit strebenden Menschen gegen den ihn fesselnden Trieb. Dessen ungeachtet drängt es die Menge nur zu formellen Inhalten, zu unverbindlichen Weltanschauungen ohne Kampf um individuelle Reife.
Die Menschen heute sind mehr denn je von der Sucht nach immer neuen Abwechslungen ergriffen. Heutzutage braucht jedes System den begleitenden Schock, durch den es den Maßstab sprengt und die Grenze überschreitet. Sein Sinn liegt nicht mehr im Wert, sondern im Außergewöhnlichen, gleich wie absurd und widersinnig es sein mag.
An solch überzüchteten Formen zerbricht jeder Sinn, und erzeugt wird der Glaube an fiktive Werte. Erst im Gefolge dieser Verzerrung können Politiker Aufrüstung, Zerstörung der Umwelt und andere „notwendige Maßnahmen“ als sinnvoll propagieren, ohne auf breiter Basis Widerspruch hervorzurufen. Auf derselben Sinnrechtfertigung basiert auch die Wertvorstellung einer Gesellschaft, die den kranken Menschen für die gesunde Wachstumssteigerung in Kauf nimmt und die Gewinnsucht per Gesetz zur Tugend erklärt.
Nur der denkfeindliche Mensch kann in dieser offensichtlichen Sinnlosigkeit einen Sinn entdecken. Die durch fiktive Sinninhalte manipulierten Massen entwickeln lebensgefährliche Tendenzen. Der Selbstzweck wird heilig, das Dogma ersetzt das Denken und dient zur Rechtfertigung jeden Unsinns. Das Streben einzelner nach dem Ideal, die seit jeher stärkste Kraft gegen den Egoismus, gegen die Dummheit und gegen die Gier, wird durch den schon immer denkfeindlichen Apparat der Parteien, Organisationen und Institutionen isolliert und als sinnentfremdet bekämpft. Seit Anbeginn der Zeit ist kaum ein Weg, der den Menschen Kultur bringen sollte, über dieses Hindernis hinwegkommen.

– der Weg            Weg und Form            Weg und Reife