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Abhandlung über den Weg ()

Text und Copyright by Werner Lind

Nichts schadet dem werdenden Menschen mehr, als in einer ungeformten Individualität zu verharren, die durch Besserwisserei jedes Lernen verhindert. Aber nicht minder naiv ist es, das Individuelle zugunsten eines unverstandenen Systems aufzugeben und das eigene Denken durch dessen Regeln und Maßstäbe zu ersetzen.
Der Mensch im Wachsen pendelt selbstkritisch zwischen innerer Überzeugung und äußerem Einfluss hin und her. Der eigentliche Wert liegt in keinem der beiden, sondern im Zulassen eines inneren Reifeprozesses durch ihre Verbindung. Das System ist ein Weg zum inneren Werden, eine Hilfe bei der Suche nach dem eigenen Sinn, nicht jedoch ein Ziel.
So ist es immer der sich selbst erkennende Mensch und nie der Formspezialist, der darin Wert verwirklicht. Wenn der eigene Sinn fehlt, gibt es kein Wachsen, sondern bestenfalls ein Nachahmen von Formen, was zum Fanatismus oder zur bedingunslosen Abhängigkeit, nie jedoch zur Freiheit führt.
Zumeist war dies der Weg aller überlieferten Systeme. Als Möglichkeit und Beispiel zur Formung des Selbst gedacht, gipfelten sie in inhaltlosen Formen mit denkfeindlichen Nachahmern. Nur Einzelnen gelang es, darin den Weg zu erkennen und den Ursprungsgedanken in sich selbst zu verwirklichen. Für die meisten blieb nur die Form.
Vor allem zwei Hindernisse zum Systemverständnis stehen dem Menschen im Weg: zum einen der Glaube, dass ein System den Mangel an eigenem Denken ersetzt, dass es für gedankenlos gemachte Fehler geradesteht und allein im Nachahmen einen Wert besitzt, und zum anderen der überhebliche Intellekt, der ein System verstehen will, ohne zu bedenken, dass jedes, auch das elementarste Verständnis über die Selbsterkenntnis führen muss.
Gefangen in diesem Irrtum, entwickelt sich ein Systembewusstsein, das an der Realität des Lebens vorbeigeht. Das System verliert seine Bedeutung durch die Naivität, mit der man seine Formen interpretiert. Allen Systemen gemeinsam ist der Anspruch des Intellektuellen, es zu verstehen. Er entwickelt jenseits der Sinngehalte die Formaspekte und die Sensationsmerkmale. Nun wird das Volk aufmerksam auf das System und bekennt sich bedingungslos zu den Formspezialisten, die das objektiv Sichtbare überbetonen, weil sie den Sinn nicht verstehen.
Nichts schätzt die Masse mehr als die messbare Form, und niemand steht höher in ihrer Gunst als der Formidiot. Gleich ob Religion, Philosophie oder Kunst, der wahre Sinn ging immer in der Form verloren. So vertraut der Mensch darauf, dass Religion gläubig, Philosophie klug, Kunst sensibel und Sport gesund macht, und läßt sich seinen Anteil an diesen Werten durch die Urkunden der betreffenden Institutionen bestätigen.
Nachdem ein System auf diese Weise jedes Hindernis zur Dummheit überwunden hat, erlebt es die Anpassung an das Kollektivideal, mit festen Regeln und gemeinsamen Interessen. Durch die Masse autorisiert und unter Berufung auf die Formspezialisten, kann nun der im Kollektiv organisierte Bürger Ich-Wert bezeugen, indem er mit naiver Intellektualität fremde Werte nachahmt. Die eigene Denkfaulheit und die unüberwundene Selbstsucht wird mit der Gesinnung „Was alle tun, ist richtig“ entschuldigt. So darf der Fanatiker als Gläubiger, der Dilettant als Philosoph, der Kritiker als Kunstexperte und der Rekordsüchtige als Sportler gelten, und alle haben einen Wert, weil sie einem autorisierten System folgen.
Nur selten verwendet einer ein System als Möglichkeit zur eigenen Sinn-Findung. Meist wird unter Berufung auf die autorisierte Form der Sinn entfernt und die kollektive Gewohnheit als Rechtfertigung für die eigene Sinnlosigkeit gebraucht. Der Sinn wurde seit jeher nur vom Einzelnen gesucht – dann, wenn die Bereitschaft zum Opfer des Ich vorhanden war. Doch sein Schicksal ist es, von den Zeitgenossen verkannt und geächtet und von den kommenden Generationen als Dogma mißbraucht zu werden.
Den Wegbereitern zum Sinn stehen die Masse aus Unverständnis und die Autorität aus Selbstzweck immer feindlich gegenüber und beide berufen sich auf eine durch Formaspekte unkenntlich gemachte Weisung der alten Vorbilder. So entsteht aus jedem Sinn in allen Kulturen, Ideologien, Religionen und Parteien ein letztendlich sinnentfremdetes, dem Geist entgegenwirkendes System. Vom Geist getrennt, verhärtet dieses zur denkfeindlichen Regel und erzeugt den Haß gegen all jene, die zu ihren Lebzeiten dasselbe Verstehen, dasselbe Aufwachen aus der passiven Denkfaulheit fordern, wie es einst die nun kanonisierten Vorbilder taten.
Doch die Masse liebt nichts mehr als die substanzlose Weisung der Regel und scheut nichts mehr als den Aufruf zum Denken, zum Überwinden der Dummheit, zum Suchen nach Sinn. Die Nutznießer sind die Institutionen, und immer kehren sie sich unter Berufung auf autorisierte Interpretation der alten Weisheiten gegen die Sinnsuchenden ihrer Zeit. Nur die verstorbenen, wehrlosen Vorbilder einer Kultur eignen sich als Aushängeschild für die ewig fiktive Wahrheit der herrschenden Autorität, hinter der nie ein Glaube, sondern immer ein Kampf um Macht und Bedeutung steht.
So lebt jeder höhere Sinn immer seiner Zeit hinterher. Zu allen Zeiten wurde von jenen, die den Sinn gefunden hatten, stets das Gleiche gesagt und gelehrt, doch überliefert wurde nur die Form. Jeder über die Form hinausgehende Sinn erfordert das Reifwerden des Einzelnen und kann deshalb nicht als handliches Gedankenpaket durch die Generationen vererbt, sondern muss stets von neuem auf einem individuellen Weg gesucht werden.
Doch in allen Institutionen, in denen eine autorisierte Beamtenschaft Wegerbschaften verwaltet, wird deren Sinn stets von der Form überdeckt. Vom Christentum bis zur kleinsten Organisation der Gegenwart tötete die Form den Sinn. Für die Weisen war die Form immer nur das zeitgebundene Mittel zum zeitlosen Sinn. Doch immer wenn die Form zum Ziel wurde, setzte sie sich dem Sinn des Lebens entgegen und erstarrte im System.
Das, was die Weisen aller Zeiten miteinander verbindet, ist nicht die Form, sondern immer der über alle Systeme hinausgreifende Sinn. Die letzte Konsequenz aller formerstarrten Systeme ist der Konflikt, weil Formbefangenheit zu Fanatismus und Abgrenzung führt. Jedes organisierte System besitzt das Potential zu Krieg und Vernichtung, und dass nicht all diese Systeme in menschlichen Tragödien gipfeln, ist nicht der weisen Voraussicht ihrer Lenker zuzuschreiben, sondern allein dem Umstand, dass es manchen Systemen an Macht und Einfluss fehlt. Wenn sich Formfanatiker über den Wert ihrer Systeminhalte streiten, liegt ihren Beweggründen das gleiche Denken zugrunde, das die Menschheit seit Jahrtausenden in die Kriege treibt.

  – der Weg            Weg und Kultur            Weg und Reife