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Text und Copyright by Werner Lind

Der Begriff oder michi bedeutet wörtlich „Weg“ und bezeichnet ein Tr-Schriftzeichen-fuer-WegPrinzip der ostasiatischen Weltanschauung. Das Schriftzeichen dafür (道) liest sich im Japanischen als michi, im Sino-Japanischen als und im Chinesischen als dào und bedeutet in der Übersetzung „Weg“, „Pfad“, „Grundsatz“, „Lehre“, „Philosophie“, „Richtung“, „Prinzip“, „Methode“ etc.
(Weg) ist ein individueller Weg zur Erkenntnis, in dessen Zentrum eine Übung (geiko), zumeist die Übung einer Form steht, deren Ziel jedoch nicht das Erlernen irgendeiner Fertigkeit, sondern das Erweitern des im Menschen liegenden Potenzials ist, durch das er zu seiner Sinnbestimmung wachsen und sein Leben mit Bewusstsein und Erkenntnis erfüllen kann.
In den asiatischen Künsten ist das zentrale Prinzip jeder Übung. Der Begriff in karatedō, jūdō, aikidō, kyūdō, kendō, u.s.w., verweist darauf, das die Übung dieser Techniken im Zeichen einer Wegerfahrung stattfindet.

     Schriftzeichen für Weg

Der WegDSC00755-RyokanYamamizuki,-

Nach altem Forschen heißt,
Das Neue verstehen.
Dies ist eine Sache der Zeit.
Bewahre in allem klares Denken.
Der Weg!
Wer vermag ihn geradlinig und treu
Weiterzugehen?

Gedicht von Gichin Funakoshi


Definition des Wegbegriffes

Im asiatischen Denken ist ein grundlegendes Prinzip der Weltanschauung, in deren Zentrum immer die Übung einer Form (kata) steht. Ihr Ziel ist jedoch nicht nur das Erlernen irgendeiner Fertigkeit, sondern vor allem das ständige Erweitern des im Menschen inneliegenden Potenzials, durch das er sich zu seiner Sinnbestimmung hin entwickeln und sein Leben mit Bewusstsein und Erkenntnis erfüllen kann. Indem der Übende die (einfache) Form immer wieder übt, geht er mit ihr einen Weg des Verstehens und Reifens.

Elementare Grundfragen

Sich vor Urzeiten seiner selbst bewusst geworden, verstand sich der Mensch als Mittelpunkt der Welt. Er strebte nach unabhängiger Selbstverwirklichung und versuchte die Welt in seinem eigenen Sinne zu gestalten. Immer erhoffte er sich dabei die Aufhebung der von der Natur gesetzten Grenzen und versuchte auf verschiedenen Wegen seine diesbezügliche Abhängigkeit zu überwinden.
Doch wohin sollte der dem Tierreich entwachsene, aber zum Heiligen nicht fähige Mensch sein Streben richten? Nach wie vor seinen natürlichen Bestimmungen unterworfen, doch sich seiner selbst bewusst geworden, kannte er die unabänderlichen Gesetze der Unterwerfung, aber auch die Versuchung, sie zu übertreten.
Welche Macht kann ihm gewähren, zwischen Streben nach Selbstbestimmung und geforderter Unterwerfung zu überleben? Ist es das Ich, das ihn zur Auflehnung und Bewährung in der Welt treibt, oder seine intuitive Anpassung an die von der Natur geforderten Gesetze? Welcher Weg gibt ihm die Kraft, mit beiden zu leben, beiden zu dienen und als Selbst zu bestehen?

Die Suche nach dem Sinn

Trotz großer technischer Leistungen suchen die Menschen diesen Weg heute ebenso erfolglos wie eh und je. Der Intellekt führte sie zu neuen Erkenntnissen, doch nie vermochte der Mensch ein Bewusstsein zu schaffen, dank dem die Natur ihm einen gesicherten Lebensraum zwischen Himmel und Erde zugestand. Stets im Krieg mit beiden, riefen die Menschen in ihrer selbstverschuldeten Not immer nach neuen Wahrheiten, doch zugleich forderten sie immer die Legalisierung ihres ewig begangenen Fehlers: Statt einen Weg der Selbstvervollkommnung zu gehen, beriefen sie sich stets auf ihre selbst geschaffenen Formsysteme und erhofften sich dadurch Erlösung und Wachsen.
Das Bewusstsein des möglichen Scheiterns warf für den Menschen die existenzielle Frage nach dem rechten Maß seines Strebens auf, beziehungsweise nach der rechten Mitte zwischen dem Streben nach Selbstverwirklichung und der Akzeptanz naturgegebener Beschränkungen. Zu verschiedenen Zeiten sind bereits viele verschiedene Antworten auf diese Frage gegeben worden, und trotzdem stellt sich das Problem immer wieder neu, da es individuell ist und deshalb auch die Lösung des Problems nur individuell sein kann.
Natürlich können bereits getroffene Antworten Anhaltspunkte für die persönliche Bewältigung des Problems geben, werden sie jedoch nur nachgeahmt wie es nach wie vor noch oft geschieht, so verkommen sie zu einer hohlen Form, mit der der Mensch lediglich sein Gewissen besänftigt, aber nicht sein Problem löst.
Alle bisherigen Wege zur Vervollkommnung scheiterten in der Masse immer am unüberwundenen Egoismus, an der Habgier, an der Unfähigkeit zu Erkenntnis und Selbsterkenntnis und überwanden nie die zeitlose Gesinnung, die die Form über den Sinn stellt. Seit Menschengedenken wurden von allen geistigen Vorbildern immer Wege gelehrt, doch die Masse folgte stets jenen, die ihr Form versprachen.
Doch ohne Bemühung um den Weg bleibt der Mensch eine an seinem Egoismus gescheiterte Kreatur, keineswegs von selbst ein Wert, sondern schuldig und gefährlich. Mit dilettantischer Kurzsichtigkeit, getrieben von bequemen Instinkten, wehrt er sich gegen jeden Aufruf zur Überwindung der Selbstsucht. Sein Lebensverständnis besteht aus dem Anspruch, dass sich die Welt um ihn allein drehe und ihm gewähre, mit tierischen Instinkten in ihr zu hausen.

Die Konsequenz

Ein solcher Mensch empfindet jede Störung dieses Gefühls als persönliche Bedrohung und empfindet jeden Weg, der anderes beinhaltet, als was in sein Ichdenken passt, als hassenswert und feindlich. Doch aus allen Zeiten sind auch Wegbeispiele überliefert, in deren Umfeld geistige Vervollkommnung sichtbar wurde. Überall dort, wo ein Mensch die Erkenntnis lebte, dass Sein kein Selbstzweck ist, sondern seine Erfüllung erst durch die Harmonie von Selbstverwirklichung (wollen) und Selbstbeschränkung (achten) erfüllen kann, entstand auch ein Weg. Doch die Masse berief sich immer auf die Form, und dort, wo sie einer Weglehre begegnete, missbrauchte sie deren Formen zu persönlichem Ansehen und Geltung. So erreicht der Weg auch heute nur den individuellen Menschen, der die Herausforderung bei sich selbst sucht.
Die Form ist immer einfach zu verwirklichen, wenn ihr die Kontemplation fehlt. Der Weg (dō) ist schwierig zu beschreiten, denn er benötigt die Selbstbetrachtung und Selbsterkenntnis.

Budō als Antwort

Im budō ist das jeder Übung zugrunde liegende Prinzip. ist ein Weg, durch den die Essenz der Philosophien und Religionen, das Bewusstsein um menschliche Werte im individuellen Verhalten sichtbar werden und weit über den Intellekt hinaus das Denken und Handeln des Einzelnen bestimmt. Als Prinzip ist demnach nichts ausschließlich Asiatisches, sondern auch in anderen Kulturen unter jeweils anderen Benennungen bekannt, da sich der Mensch überall auf der Welt mit den Zusammenhängen des Lebens, mit Ursachen und Wirkungen und mit der Frage nach dem Sinn beschäftigt.

Überlieferung der Weglehre

Obwohl es zu allen Zeiten Ausnahmen gab, erfolgte doch die Überlieferung einer Weglehre () zumeist innerhalb der japanischen Tradition (dentō) in einer ununterbrochenen Kette von persönlichen Lehrer-Schüler Beziehungen (shitei). Die Formen (Techniken) hatten darin nur einen geringen Stellenwert, wohl aber Sinn, Inhalt und Hintergrund, die seit Jahrhunderten nur von einem darin eingeweihten Lehrer unterrichtet wurden.
Doch diesbezüglich kompetente Lehrer sind sowohl in Japan als auch im Rest der Welt selten geworden. Zumeist gibt es heute Trainer, die die Techniken des karate als Sport lehren. Die Probleme in der Übermittlung der Kampfkunstlehre als Weg () entstanden mit der Gründung der großen Organisationen, in denen die Lehrer zugunsten der Funktionäre ihren Einfluss verloren. Budō wurde mehr und mehr im Sinne westlicher Wettbewerbsvorstellungen (höher, weiter, schneller) interpretiert, und das „Gelten-Wollen“ löste zunehmend die Selbstbetrachtung ab.
Unzureichend ausgebildete Schüler trennten sich in Folge im Konflikt oder zu früh von ihrem Lehrer und gründeten eigene dōjō. Dieser Prozess zerstörte zunehmend mehr die Weginhalte und etablierte eine Pseudokampfkunst als Wettkampfsport, die mit dem eigentlichen „Weg des budō“ nicht das Geringste zu tun hat.

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