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Interviews mit Werner Lind

Interviews

mit Werner Lind

In Folge werden einige Interviews mit sensei Werner Lind wiedergegeben


Budo – Ein Mittel zur Selbstperfektion

Werner Lind ist einer der anerkanntesten Karate-Lehrer der heutigen Zeit

Interview von Wolfgang Gleich, Chefredakteur der Zeitschrift Donauschwaben
Er gilt als einer der anerkanntesten und erfolgreichsten Kampfsportler sowie Kampfkunstlehrer in Deutschland. Als Fachbuchautor hat er sich einen Namen gemacht, der weit über die Landesgrenzen hinaus einen sehr guten Klang hat, und einige der von ihm verfaßten Bücher gelten in der Szene heute schon als Klassiker; ja, manche erschienen sogar in italienischer, tschechischer, polnischer und rumänischer Sprache. Sein jüngster Coup: die Herausgabe eines vielbeachteten, fundierten Lexikons über die ostasiatischen Kampfkünste. Die Rede ist hier von Werner Lind, und für den „Donauschwaben“ ist zunächst einmal erwähnenswert, dass es sich bei ihm um einen Landsmann aus Rumänien handelt. – Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

•    DS: Herr Lind, wo genau sind Sie geboren und aufgewachsen?
Werner Lind: Ich bin 1950 in Warjasch, im rumänischen Banat geboren. Aber bereits als Jugendlicher kam ich nach Timisoara (Temeschburg), wo ich während meiner Schulausbildung wohnte und mit kurzen Unterbrechungen auch bis zu meiner Ausreise nach Deutschland, also bis 1979 blieb.

•    DS: Und wie kamen Sie mit dem Kampfsport in Berührung?
Werner Lind: Bereits als Jugendlicher begann ich in Temeschburg jūdō zu üben. In diesem stark versportlichten System suchte ich aber immer wieder nach Aspekten der Selbstverteidigung und Philosophie. Da dies in allen „Kampfsportarten“ bis heute nicht zu finden ist, besorgte ich mir Bücher über „Kampf-Kunst“ aus Deutschland und stieß dabei auf zwei Werke von Albrecht Pflüger, der zu jener Zeit karatedō, das heißt „der Weg des Karate“, in Deutschland publik machte.
Auf dieser Grundlage machte ich meine eigenen ersten Schritte im Karate-do. Diese Kunst war im Osten Europas bis zu jener Zeit vollkommen unbekannt. Trotz meiner damaligen wohl eher stümperhaften Bemühungen erregte ich Aufsehen und begann etwa 1968 in Temeschburg zu unterrichten. Kurz darauf kamen ausländische Studenten in die Stadt, die in ihren Heimatländern im Sport-Karate bereits graduiert waren. Unsere junge Bewegung lernte viel von ihnen, doch den ersten wirklichen Kontakt hatten wir mit Ilja Jorga, einen international hochgraduierten und anerkannten Karate-Sportler aus Pantschowa, der danach für mehrere Jahre auch mein Lehrer war. Was wir damals machten war allerdings Karate-Sport und hat mit meiner heutigen Auffassung von Karate als Kunst nur noch wenig zu tun.

•    DS: Und wie ging es dann weiter, mit Ihnen und dem Karate?
Werner Lind: Langsam etablierten sich in Rumänien heimische Lehrer, unter ihnen auch ich, die das karate am Leben hielten und verbreiteten. Sicher hatten wir nicht sehr viel Ahnung von dem enorm komplizierten philosophischen Hintergrund dieser Kunst, doch wir taten unser Bestes. Karate wurde organisiert, und nach dem Beispiel der ausländischen Föderationen hielten wir lokale und später landesweite Wettkämpfe ab. Über Jorga hatten wir ständig Kontakt zum internationalen karate und zu verschiedenen Großmeistern.
Anfangs hatten wir die Unterstützung der rumänischen Behörden und unterrichteten ganz offiziell in verschiedenen Clubs. Ich selbst unterrichtete am Sportgymnasium, an der Uni und im Laufe der Jahre noch an mehreren anderem Orten.

•    DS: Und dann kamen Sie nach Deutschland. Wie ging das vor sich?
Werner Lind: Mir war – wie schon gesagt – der rein sportliche Aspekt des karate nie ausreichend, und so unternahm ich viele Anstrengungen, um karate als Kunst zu verstehen und zu unterrichten. Doch die „Karate-Ideologie“ vertrug sich nicht mit dem kommunistischen Einheitsdenken. So zeichnete sich eine Kollision mit den Behörden ab. In der Tat gab es immer mehr Kontrollen und Restriktionen, worauf ich beschloß, ein eigenes dōjō – also einen Übungsraum – zu bauen. Dies gab es bisher in Rumänien noch nie! Private Aktivitäten, die sich der Kontrolle durch die Instanzen entziehen konnten, waren im Kommunismus strikt verboten, und als in dieser Halle auch noch andere Gruppen aktiv wurden, praktisch sich eine Konkurrenz zu den kommunistischen Kulturhäusern entwickelte, erhielt ich überraschend die Ausreisegenehmigung. Meine dōjō wurde in ein Zementlager umfunktioniert.

•    DS: Ich kann mir vorstellen, dass der Anfang in einem fremden Land, das Fußfassen in einem doch eher ungewöhnlichen Bereich wie der Kampfsport-, oder wenn Sie so wollen Kampfkunstszene, nicht ganz einfach war. Wie haben Sie dies geschafft?
Werner Lind: Ehrlich gesagt, Herr Gleich, besonders problematisch fand ich Deutschland nicht. Von Anfang an stürzte ich mich in die Arbeit im karate und hatte praktisch keine Zeit, die so oft zitierte Mentalitätsumstellung zu empfinden. Ich gewann schnell Freunde, und da ich sofort zu unterrichten begann, war ich meistens von vielen Menschen verschiedener Altersklassen umgeben. Ich habe Deutschland nie als einen Widerspruch empfunden, obwohl ich vieles davon nicht mag. Ich würde sagen, ich habe mir ziemlich eigenwillig das Beste aus meiner Vergangenheit bewahrt, habe aber auch angenommen, was ich gut fand. Nicht nur ich, sondern viele meiner engen Vertrauten aus dem „Budo Studien Kreis“ vertreten heute eine Kombination aus rumänischer und deutscher Mentalität.
Zum letzten Teil Ihrer Frage fällt es mir schwer, Stellung zu nehmen. Ob ich es „geschafft“ habe, weiß ich nicht. Wir haben zur Zeit viel internationale Resonanz und haben das deutsche karate mit Sicherheit verändert und mitgeprägt. Doch karate ist wie Musik, es gibt viele Strömungen und wir sind nur eine unter ihnen.

•    DS: Irgendwann, besser gesagt 1990 gründeten Sie dann also den Budo Studien Kreis“. War dies der endgültige Durchbruch zu Anerkennung und Erfolg?
Werner Lind: Nun, der Budo Studien Kreis entstand praktisch von selbst. Die enorme Nachfrage nach Hintergründen, wissenschaftlichen Studien, Seminaren in fremden Organisationen, Erläuterungen über Sinn und Inhalt, waren mir und meinen Mitarbeitern Ansporn und Druck zugleich. So begannen wir uns zu organisieren. Als wir uns einen Namen gaben, sprach man von uns als einer neuen Organisation, die wir aber nicht sind. Der Budo Studien Kreis ist eine Studiengemeinschaft, die übergreifend über alle Organisationen etablierte Lehrer vereint, um durch gemeinsame Erfahrungen effizienter forschen zu können. Darüber hinaus werden im Budo Studien Kreis auch Lehrer ausgebildet, nachdem sie in anderen Organisationen mindestens den Schwarzgurt erreicht haben, und Seminare im klassischen Karate-do auf internationaler Ebene abgehalten. Auch betreiben wir eine hauseigene Schule für klassische Kampfkünste, genau gesagt für Karate, Taijiquan und Ninjutsu, in der wir auch Anfänger aufnehmen.

•    DS: Für einen Außenstehenden ist es ist es nicht ganz einfach, die vielen Kampfsportarten und -stile auseinander zu halten und gegeneinander abzugrenzen. Deshalb die Frage: Was ist das Besondere, Originäre am Kampfsport, wie man ihn im Budo Studien Kreis praktiziert und lehrt?
Werner Lind: Um dies von vornherein gegeneinander abzugrenzen: im Budo Studien Kreis wird kein Kampfsport, sondern Kampfkunst betrieben! Der Unterschied besteht darin, dass es in den Kampfsportarten darum geht, Wettkämpfe zu gewinnen. Dies verändert sowohl die Technik als auch den ideologischen Inhalt des Trainings. Alle Mitglieder des Budo Studien Kreises betreiben ihre Kunst als Lebensweg, das heißt als Mittel zur Selbstperfektion, sowohl im psychischen als auch im physischen Sinn. Dies jetzt hier näher zu erläutern, ist sehr schwierig. Die Inhalte habe ich in dem Buch „Budo“, erschienen im Scherz-Verlag, veröffentlicht.

•    DS: Die Tätigkeit des Budo Studien Kreises geht also über das „Nur“ -Lehren und -Lernen hinaus, wie man ja auch an Ihrem vor kurzen erschienenen Kampfkunst-Lexikon sehen kann?
Werner Lind: Ja, die Lehrer des Budo Studien Kreises betreiben die Kampfkünste als ein Studium, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Unsere Erfahrungen vermitteln wir über Buchveröffentlichungen und bei Seminaren. Sicherlich kann man dies nicht in einer Wochenendbeschäftigung erreichen, sondern nur durch professionelle Arbeit. Aber wir haben ein gutes Team, sind ausgezeichnet organisiert und ergänzen uns hervorragend. Überwiegend auf Teamarbeit und Beständigkeit beruht unsere Effizienz. Wenn es irgendwas gibt, was wir anderen voraus haben, ist es dies. Und nicht zuletzt möchte ich erwähnen, dass die Integration verschiedener Denk- und Lebensweisen aus dem Osten Europas in unsere Ausbildungssysteme Menschen geformt und beeinflußt hat, mit deren Hilfe eine solche Teamarbeit möglich wurde. Dies wurde uns von außerhalb des Kreises bestätigt. Und wenn ich heute zurückblicke, dann weiß ich, dass der Kampf gegen die Abgrenzung, gegen die Selbstgefälligkeit und gegen das Mißtrauen der schwierigste war, den es zu gewinnen galt.

•    DS: Ein ganz anderes Thema Herr Lind: Ich unterstelle jetzt einfach mal, dass Ihnen Deutschland mittlerweile zur neuen Heimat wurde. Was bedeutet „Heimat“ eigentlich für Sie?
Werner Lind: „Heimat“, Herr Gleich, ist für mich weniger an den Ort, als an die Menschen gebunden. Der Begriff selbst wurde so oft politisch mißbraucht, dass ich ihn rein gefühlsmäßig eigen interpretiere. Ich habe weder zu Rumänien noch zu Deutschland eine Beziehung, wenn man darunter ein staatliches Gefüge innerhalb politischer Grenzen versteht. Allerdings interessiere ich mich für die Menschen, die da leben, für ihre Gewohnheiten, ihre Kultur und Lebensweise. Zuhause sein kann ich überall dort, wo ich Zugang und Integration erfahre. Politische Strukturen korrumpieren immer im Laufe der Zeit – das war im Kommunismus so und ist hier nicht anders. Für den besseren Menschen zu kämpfen ist ein Ziel, das sich lohnt, die bessere Gesellschaft kann nur eine Folge davon sein.

•    DS: Herr Lind, den Kontakt zum Südosten Europas, zur alten Heimat, haben Sie bis heute nicht verloren. Weder sportlich noch menschlich. Richtig?
Werner Lind: Ich habe in Rumänien viele Freunde und fahre jedes Jahr mit einer Gruppe von mehreren Karate-Lehrern aus dem Budo Studien Kreis nach Temeschburg: Fast das gesamte Jahr über befinden sich rumänische Karate-Lehrer unentgeltlich in unserer Schule zur Ausbildung. Dazu kommen noch viele weitere zumeist Kulturgruppen, die unsere Schule als Anlaufstelle für ihre Aktivitäten in Deutschland nehmen. Auch sie bezahlen nie Übernachtung und Verpflegung.
Den ersten Auftritt organisieren wir ihnen immer in unserer Räumen. Einmal im Jahr veranlassen wir eine Hilfsaktion für Rumänien, die unsere Leute persönlich begleiten und durchführen. Ich selbst veranstalte einmal jährlich ein großes Sammelseminar für die rumänische Karate-Föderation. Angefangen bei Lehrerausbildungen in Deutschland bis zu sämtlichem Material für die Kampfkünste, wie Bücher, Filme, Studien usw. erhält die rumänische Organisation vom Budo Studien Kreis alles unentgeltlich.
In diesem Jahr haben wir in Rumänien ein Karate-Buch auf unsere Kosten verlegt und in den Handel gebracht. Mit dem Vertrieb haben wir eine gemeinnützige Stiftung aus Temeschburg beauftragt, die auch den gesamten Erlös aus dem Verkauf für Rumänien verwenden darf. Es gibt noch viele weitere solche und ähnliche Projekte. Nicht nur ich, sondern auch die BSK-Lehrer mögen Rumänien, sie mögen die Menschen dort und manche von ihnen werden auch selbständig aktiv, in dem sie verschiedene zumeist kulturelle Aktivitäten dort iniziieren / unterstützen und zu deren Gelingen beitragen.

•    DS: Herr Lind, eine letzte Frage: im Budo Studien Kreis nennt man Sie „Sensei“. Was bedeutet dieses Wort und was bedeutet eigentlich „Budo“?
Werner Lind: Die Begriffssprache in den Kampfkünsten ist traditionsgebunden Japanisch. Dies ist notwendig, da die japanischen Begriffe einen leichteren Zugang zu Forschungen in der asiatischen Geschichte und Philosophie erlauben, als wenn wir deutsche Begriffe verwenden würden. „Sensei“ bedeutet einfach nur „Lehrer“. Der Begriff „Budo“ bedeutet „Weg des Kriegers“ und hat eine umfangreiche philosophische Bedeutung, die sicherlich den Rahmen dieses Gesprächs sprengen würde.

•    DS: So mag es wohl sein. Herr Lind ich danke Ihnen vielmals für dieses ausführliche Interview.

Das Gespräch führte für den „Donau Schwaben“ Chefredakteur Wolfgang Gleich


Interview mit Fachbuchautor und Kampfkunst-Lehrer Werner Lind
(Juli 1998)

von Marc Sigle für die Zeitschrift Taekwondo Aktuell


Werner Lind ist einer der bekanntesten Kampfkunstlehrer, Buch- und Film-Autoren über budō in Europa und der Welt. Seine Werke wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt. Sein Meisterstück ist wohl das Lexikon „Ostasiatische Kampfkünste“, das im Sportverlag Berlin erschienen ist. Für diesen Herbst ist eine Neuauflage geplant. In Bensheim betreibt Werner Lind eine Karate-Schule (Budokan), aus der der Budo Studien Kreis hervorgegangen ist. Diese Gruppe von Schwarzgurten beschäftigt sich mit der Erforschung der klassischen Kampfkünste. TA-Mitarbeiter Marc Sigle hat Werner Lind im Frühjahr 1998 zu verschiedenen aktuellen Problemen des budō befragt:

•    TA: Sensei, Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit den asiatischen Kampfkünsten. Welche Entwicklungen, welche Trends haben Sie in dieser Zeit beobachtet? Wo stehen die Kampfkünste heute und was sagen Sie dazu?
Werner Lind: Heute hat jeder Rechte und keine Pflichten. Hier liegt der Unterschied zu früher, wo Menschen für ihr Tun und Sagen direkt zur Verantwortung gezogen wurden. Fast alle heutigen so genannten „Budo-Lehrer“ hätten in früheren Zeiten kaum überlebt, weil sie die„ Kunst des Kämpfens“ vertraten und diesen Anspruch nicht vor Gerichten erstritten, sondern in der Realität der Herausforderungen hätten bezeugen müssen. Heute tritt anstelle dieser Praktik das Gesetz, was im Sinne des sozialen Zusammenlebens zweifellos ein Gewinn ist, aber andererseits die Grenzen für Verantwortung im persönlichen Sagen und Tun aufhebt. Zunehmend mehr Menschen erkennen daher keine Grenzen mehr an und bewegen sich in einer Grauzone zwischen Besserwisserei und Verantwortungslosigkeit. Nirgends als in einer Kampfkunst tritt dies deutlicher zum Vorschein. Wenn jemand pausenlos mit seinen Siegerqualitäten angibt, wird er irgendwann herausgefordert, ebenso wie ein Arzt irgendwann auch mal einen Patienten heilen muss. Heute aber kann der angeberische Kampfkünstler nach einer selbstverschuldeten Herausforderung den Zeigefinger heben und auf die rechtlichen Konsequenzen verweisen, ohne seine Ehre und Selbstachtung zu verlieren und ohne seine Prahlerei einzustellen.
Früher hätte er mit seinem Leben gespielt und darüber sicherlich genauer nachgedacht. Sich dieser gesellschaftlichen Gepflogenheit bewußt, zieht sich auch der vom Staat entmündigte Bürger in eine sichere Domäne zurück und führt von dort aus seine Papierkriege, zu denen er niemals stehen muß und die er nie verlieren kann. Auch dies ist nichts anderes als eine falsch erkannte Wirklichkeit. Der durch ewige Reglementierungen erlittene Verlust an Ehre, Selbstachtung und Stolz zwingt ihn dazu, den gesellschaftlichen Rahmen zu verlassen und wenigstens in Scheingefechten etwas zu gelten. Diese seelische Not ist kein Zufall, sondern wird dem Einzelnen als Sozialverhalten aufgezwungen. Unsere Gesellschaft verlangt unten den braven Bürger, ist aber oben krank an Macht und Habgier, an Anstandslosigkeit, Selbstsucht und Egoismus. Menschen müssen sich durch Entscheidungen in ihrem Leben bewähren, um Lebensgefühl zu erhalten, und ertragen die vollkommene Verwaltung durch die Instanzen nicht. Die Kampfkünste können uns lehren, ein ausgeglichenes Leben zu führen, andere zu respektieren und aufrichtig und gerecht zu sein. Alle aktuellen Probleme im Budö sind dieselben wie in der Gesellschaft. Durch den Wahn von unendlichem Konsum ist der Mensch entstanden, der für wenig alles und in kürzester Zeit das Höchste will. Dieses ist auf eine Gesellschaft zurückzuführen, die ihre Bürger entmündigt, durch Werbung manipuliert und zum „Verbraucher“ abgestempelt hat. Budo ist eine Kunst, die solche Menschen nicht erträgt und mit Habgier, Selbstucht und Egoismus entschieden aufräumt. Jeder echte Kampfkunstlehrer hat dieses Niveau überschritten und bemüht sich um Fairness und Gerechtigkeit anderen gegenüber. Er muss den Weg des Anstandes und der Ehre gehen, auch wenn er damit im krassen Widerspruch zum gesellschaftlichen Leben steht. Kampfkunstlehrer waren über Jahrhunderte hinweg in jeder Gesellschaft der Pegel, der den Verlust an menschlichen Werten angezeigt und bekämpft hat. Heute haben sich viele Budo-Lehrer diesen gesellschaftlichen Unarten angepaßt und ihre Verantwortung vergessen. Die Entmachtung der Meister zugunsten der gesellschaftsgleichen Föderationen hat viele auf dem Weg zu ihren Zielen entmutigt und gleichzeitig gelehrt, dass ein Kompromiss sicherer ist als die Verwirklichung des Selbst. Dass dieser Kompromiß heute von vielen als gegeben angenommen wird, ist der Hauptunterschied zu den früheren Kämpfern für die Gerechtigkeit und das gravierendste Hindernis zum Wegfortschritt ihrer Schüler.

•    TA: Was ist der Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport?
Werner Lind: Die Kampfkunst erstrebt die Vervollkommnung des Charakters im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig von der geschichtlichen Epoche, in der sie betrieben wird. Kampfsport ist eine Laune des Selbstgefühls und verwirklicht dieselben Techniken, ohne ein anderes Ziel zu respektieren als die Befriedigung des Ego.

•    TA: Ist das Training klassischer Kampfkünste überhaupt noch zeitgemäß? Schließlich haben doch auch die Pferdekutschen ausgedient, oder?
Werner Lind: Man sollte alte Dinge nicht deshalb ablehnen, weil sie alt sind. Unser heutiger Trend zum Neuen und unser Wahn zur Grenzenlosigkeit bedeutet einen Rückschritt in der Evolution zum geistigen Wesen. Das, was wir heute als Shin budo (neues Budo) bezeichnen, verhält sich zum klassischen Budo etwa ebenso wie die Bildzeitung zu Goethes Faust. Es kann nicht sein, dass der uns vom Leben gegebene Auftrag zu unserer Selbstverwirklichung lautet, die Unverbindlichkeit und das Spaßhaben in einfachen Dingen vor die Suche nach dem Sinn zu stellen. Die klassischen Stile enthalten einen Sinn, die modernen Stile funktionieren nach dem Motto „gib dem Affen Zucker“. Das hat mit der Ablösung der Pferdekutschen nichts zu tun.

•    TA: Warum erforschen Sie alte Stile und Techniken? Haben sich die Kampfkünste nicht weiterentwickelt? Schließlich wird man nur noch selten mit einem Schwert angegriffen
Werner Lind: Ich habe mir noch nie eine leere, sondern immer nur eine volle Flasche gekauft. Auch wenn sich der Inhalt im Laufe der Zeit verändert hat, halte ich starrsinnig und unbelehrbar an der vollen Flasche fest – obwohl es viele Institutionen gibt, die heute die leere Flasche als wahres Wunderwerk des Fortschritts preisen. Ihr Slogan „wir verkaufen die beste leere Flasche der Welt“, mag viele berühren, und sie mögen auch viele Käufer finden. Ich bestehe trotzdem auf den Inhalt.“ Was das Schwert betrifft, bin ich mir nicht sicher, ob Sie recht haben. Ich glaube, man wird auch heute kaum mit einer Panzerfaust erschossen oder mit einer Langstreckenrakete getötet. Wenn Sie alleine die Selbstverteidigung meinen, so hat sich daran seit dem Altertum nicht viel geändert. Will man modernen Waffen entgehen, muss man bei Arnold Schwarzenegger oder Silvester Stallone lernen. Hier sind die Kampfkünste überfordert, doch das ist auch nicht ihr Sinn und ihr Wert. Sie zielen vielmehr auf die Formung einer Persönlichkeit, die das naive Spiel um Macht und Gewinn zu verhindern hilft.

•    TA: Warum wird so stark zwischen den Stilen und Systemen unterschieden? Kann nicht jeder von jedem lernen?   
Werner Lind: Der größte Esel kann mein bester Lehrer sein, wenn ich wirklich lernen will – und sei es lediglich um festzustellen, wie man etwas NICHT macht. Ich weiß zwar nicht, ob es einen Esel-Stil in den Kampfkünsten gibt, doch es gibt viele andere Tierstile. Lernen heißt nicht Aufgeben von Individualität, sondern das Gleichgewicht zwischen Annehmen und Bewahren. Jedes Herausbewegen aus der Mitte schadet der Persönlichkeit, wobei ich sagen will, dass der Anfänger mehr Fremdes annehmen und der Fortgeschrittene mehr Eigenes verwirklichen muss. Das Maß bestimmt jeder selbst, und je mehr Gleichgewicht er darin verwirklicht, umso besser ist sein Fortschritt. Stile definieren diesen Standard des Lernens, entwickelten sich aber durch unreife Lehrer zu diktatorischen Regelsystemen, und heute glaubt man, dass das immer so war. Es gibt keine „kata des shotokan ryū“, denn jedem Übenden standen alle kata des karate offen, wenn er sie in seine persönliche Überlegung mit einbeziehen wollte. Dem entsprechend gibt es auch keine definierten Stile, sondern nur die individuelle Verwirklichung dessen, was man aus dem unendlichen Gebiet der Kampfkünste verstanden hat. Der Maßstab liegt nicht in einem Prüfungsprogramm, das zwischen jōdan mawashi geri und chūdan mawashi geri unterscheidet oder dem 3. Dan den 25. Kata-Ablauf abfordert, sondern in der Tiefe seines erreichten Verständnisses in jenen Dingen, die er als sein ersönliches Kampfkunstverständnis VERWIRKLICHT HAT.
Kein anderer als sein eigener Lehrer kann das beurteilen, denn er war es, der diese Entscheidungen über Jahre hinaus gelenkt hat. Deshalb kann auch kein anderer als der eigene Lehrer einen Dan vergeben. Was also ist ein Stil? Die Kreation eines individuellen Geistes, der für sich in Anspruch nimmt, seine Forschungen und Lebensinhalte auf eine für ihn annehmbare Weise verwirklicht zu haben. Kann so etwas durch Nachahmer erhalten werden? Ist jemand ein Philosoph, der bei jeder Gelegenheit Kant zitiert? Ohne Individualität bringt er jede Nachahmung – und sei sie noch so gut – zum Nonsens. Dasselbe gilt für Nachahmer von Kata-Abläufen. Die zweifelhafte Weisheit, dass der Shotokan-Stil (?) aus 26 Kata besteht, wird überall gepredigt. Ein Stil kann über seinen Gründer hinaus nicht existieren, ohne dass er vergewaltigt und mißbraucht wird. Wir alle haben eine einzige Quelle, aus der wir schöpfen können, und diese heißt KARATE. Wir können das, was wir tun, benennen, wie wir wollen, doch der Anspruch auf Endgültigkeit muss mit Rücksichtnahme auf unsere Schüler durch die Öffnung zum anderen Konzept ausgeglichen werden. Was wir gründen, kann nur uns gehören, den Schüler zu demselben zu zwingen, heißt ihn von seinem eigenen Denken, Forschen und Entwickeln abzuschneiden.
Doch dies ist nur eine Seite im Verständnis der Stile. Die zweite Seite widerlegt die Theorie der ersten und zwingt zum Respekt gegenüber den Kreationen des eigenen Meisters. Wo ist die Mitte und wie kann Sinn durch Individualität verwirklicht werden? Dies geht nur über den reifen Meister, der die Entwicklung des Schülers über Jahre hinaus betreut. Keine Instanz, kein Funktionär, keine Organisation und auch sonst niemand kann den wahren Meister ersetzen.
Er muss den Schüler betreuen und führen, im Eigenen bestärken und im Nachahmen bremsen, was von ihm eine reife Persönlichkeit abverlangt. Der Sprung vom Lernen zum Eigenen kann nicht reglementiert werden. Daher antworte ich auf Ihre Frage nicht mit Ja oder Nein. Der nicht wegzuleugnende Streit über dieses Thema wird von jenen Kampfkunstlehren geführt, deren höchstes Verständnisniveau den Unterschied zwischen Äpfel und Bananen feststellt. Wer dies lernen will, ist überall gut aufgehoben. Wer aber die Kampfkünste lernen will, sollte zu einem LEHRER gehen.

•    TA: Welche Rolle spielen die Verbände? Sind Sie selbst irgendwo Mitglied? (Warum / warum nicht?)
Werner Lind: Ich habe auch eine politische Meinung, ohne einer Partei anzugehören. Gäbe es eine Partei, die außer Theorien über Verfassungslegalisationen auch noch den Menschen dienen würde, wäre ich ihr mindestens seelenverwandt. Verbände sind ebenso wie Parteien politische Vereinigungen, die eigentlich nur dann gebraucht werden, wenn es um die Organisation von Wettkämpfen, Zusammenkünften etc. geht, die aber überflüssig und geradezu fortschrittshemmend sind, wenn sich ihre Funktionäre in die Lehrweise der Meister einmischen.
Beide neigen zur Überheblichkeit im Wichtigsein und reglementieren zunehmend mehr dringend benötigte Freiheiten zur Menschverwirklichung durch sinnlosen Fesseln. Beide entmündigen und fordern das Funktionieren, beiden mangelt es an Fingerspitzengefühl für Wert und Selbstverwirklichung im einzelnen, beide haben nur ihre persönliche Macht im Auge und sind in jeder Beziehung Gegner der Individualität – alles im Namen des Rechten. Beide berufen sich auf irgendeine zweifelhafte Legalisierung ihrer Handlungsweise, die von Gesinnungsgenossen beführwortet, von Dilettanten unterstützt und von der manipulierten Masse getragen wird.
Überall in der Welt gibt es auch Kampfkunstmeister, die über den Organisationen stehen, weil sie etwas zu sagen haben, was alle Kampfkunstübende berührt, erhöht und bereichert. Die Organisationen haben zumeist nur Amateurlehrer, die hauptsächlich anderen Berufen nachgehen und nur hobbymäßig unterrichten. Es ist zwar modern, aber ein Fehler, diese beiden miteinander gleichzusetzen. Die professionellen Lehrer sind diejenigen, die die Kampfkünste tragen, und sie sind die einzigen, die in der Lage sind, einen Weg zu zeigen, der zum Fortschritt führt. In keinem Beruf der Welt ist dies anders, außer in den Parolen der Hobby-Organisationen. Hobby-Lehrer entwickeln nicht sondem profitieren von den Forschungen der Profis, und Föderationsfunktionäre sollten sich darum kümmern, ihren Mitgliedern diese Forschungsergebnisse auf Seminaren zugute kommen zu lassen. Für einen Wochenend-Karateka ist dies der einzige Weg, an echten Kampfkunsterfahrungen teilzuhaben, für deren eigene Erarbeitung er niemals die Zeit finden wird. Das heute betriebene Abgrenzungsspiel mancher Hobby-Organisationen dient ihrer persönlichen Macht, aber schadet ihren Mitgliedern.

•    TA: Aber ist es nicht trotzdem sinnvoll, wenn sich Kampfkünstler zusammentun, um an einem Strang zu ziehen?
Werner Lind: Wenn Kampfkünstler sich ohne Meister zusammentun, können sie die manipulativen Reglementierungen seitens der Föderationen nicht durchschauen, die nie an Qualität, sondern an Quantität interessiert sind.
Unkonventionelle Meister, die nach Bewußtsein in den Kampfkünsten streben, werden von Föderationen durch Machtausübung diszipliniert. Daher gibt es in Föderationen kaum Lehrer, sondern nur Trainer für Sporterfolge. Kampfkünstler sind keine Ruderer, die das Boot schneller bewegen, je mehr sie sind. Kampfkünstler sollten nach Individualität und Selbstverwirklichung streben, was eine Zusammenarbeit natürlich nicht ausschließt, doch individuell sollten sie unter einem echten Lehrer stehen. Die vorgegebene Prämisse „Kanazawa ist out“ und „Asai ist in“ ist nichts weiter als Politik, die der Entwicklung des Einzelnen schadet. Beide sind vorzügliche Lehrer ebenso wie manche deutschen Lehrer auch, von denen jeder Hobby-Trainer lernen kann. Organisationen dürfen diese Zuordnungen nicht lenken, denn dadurch isolieren sie ihre Mitglieder von tatsächlichen Kampfkunstniveaus und vermitteln das falsche Verständnis, dass Sport eine Kampfkunst sei. Es macht wenig Sinn, die Kampfkünste durch straffe Satzungen leiten zu lassen, die ihre Vielfältigkeit durch eine feststehende Dialektik verhindern und dadurch jeden Reifeprozess im Einzelnen unterbinden. Der Standard im Hinblick auf den Fortschritt sollte für den Suchenden sein selbst gewählter Meister sein, der ihn betreut, der ihn führt und zum Fortschritt bringt – dies muss jede Organisation gewähren. Ihre Aufgabe ist es zu verwalten, die Aufgabe eines Lehrers ist es zu führen. Wer kontrolliert die Bewegung in der Musik oder in sonst irgendeiner Kunst? Qualität beweist sich von selbst und trennt sich von Scharlatanerie durch ihren ihr innewohnenden Sinn. Diesen Sinn zu erfahren, liegt am Übenden, die Lehre zu gestalten, liegt am Meister, die Zusammenkünfte zu organisieren, liegt bei den Föderationen. Dies sind die Standards, die beachtet werden müssen, um Kampfsport von Kampfkunst zu unterscheiden. Man stelle sich zum Beispiel eine Verwaltung in der Musik vor. Kein Eric Clapton, kein Joe Cocker wäre je bis zu seinem Publikum durchgedrungen, da man sie wegen unkonventionellen Ausdrucksweisen längst offiziell disqualifiziert hätte. Gäbe es einen Deutschen Musik Bund, würden dessen Funktionäre so manchem Musiker die Lizenzen entziehen, weil er durch seine Kreationen feststehende Regeln verletzt. Kampfkunst ist kein Sport (es sei denn, sie versteht sich klar als solchen) und hat als Kunst in einem Sportbund ebenso wenig verloren wie in der Verwaltung eines Taubenzüchtervereins. Die Werte des Budo können ein wesentlicher Faktor in der Erziehung und Reife unserer Gesellschaft sein, doch dies können sie nicht als Sport und schon gar nicht in der oberflächlichen Mentalität der Vereinstrainer, sondern nur als WEG ZUR SELBSTERKENNTIS und HILFE ZUR LEBENSBEWÄLTIGUNG unter der Anleitung eines echten Lehrers.

•    TA: Was halten Sie von Wettkämpfen?
Werner Lind: Dasselbe wie von Fußballspielen. Ich sehe mir gerne ein Fußballspiel an und spiele selbst mal mit, weil ich Spaß daran habe. Aber außer diesem gelegentlichen Ausbruch ins Spaßhaben kann ich keinen höheren Sinn darin finden. Mit budō hat das alles nichts zu tun.

•    TA: In Ihren zahlreichen Büchern scheuen Sie sich nicht „Heilige Kühe“ zu schlachten und Dinge zu veröffentlichen, die der allgemeinen Meinung widersprechen. Warum tun Sie das?
Werner Lind: Als die Menschen mancher Kulturkreise glaubten, dass „Heilige Kühe“ tatsächlich heilig sind, mußten sie sich durch die Realität ihrer Geschichte eines Besseren belehren lassen. Allgemeine Meinungen entstehen aus der Unfähigkeit zur eigenen und dürfen nicht durch Quantität legalisiert werden. Dass Millionen Fliegen Dreck fressen, gibt ihrem Tun keinen Heiligenschein. Wenn ich die heutigen Kampfkünste betrachte, sehe ich Millionen von Fliegen und nur selten jemand, der seine Kunst dazu verwendet, um sein geistiges Wesen zu verwirklichen. Obwohl heute viele Vereine ihr Training als „Kampfkunst“ bezeichnen, gibt es in Deutschland kaum einen Vereinstrainer, der in der Lage wäre, tatsächliche Kampfkunst zu unterrichten. Kampfkunst ist eine Modewelle geworden, die von Karate-Sportübungsleiter in Vereinen des DSB angeboten wird. Ich habe Respekt vor wahren Heiligtümern, doch sicher nicht vor dem diletantischen Budo-Verständnis des DSB.
Diese überzeugen die Interessenten davon, dass die Zugehörigkeit zu ihrer Organisation ausreicht, um nicht mehr selbst denken zu müssen, dass der weiße karategi ein Beweis für die Ausübung in einer klassischen Kampfkunst ist, dass ihre Strukturen gemeinnützig (positiv) und private Kampfkunstschulen profitorientiert (negativ) sind, dass die von ihnen autorisierten Übungsleiter sensei sind, dass durch den Unterricht einer solchen Übungsanleitung ein persönlicher Wert im Teilnehmer entstehet, u.s.w – ebenso wie der Unmensch denkt, dass er nur regelmäßig Buße tun muss, um ein Mensch zu werden. Das sind nur einige wenige, durch manipulative Werbung hervorgerufene Mißverständnisse, die viele Sinn-Suchende der Kampfkünsten in diesen Bereich treiben, wo zwar guter Sport aber keine Kampfkunst unterrichtet wird.


Mondo mit Werner Lind

Fragen verschiedener Budo-Sensei bei einem Seminar
veröffentlicht in „Klassisches Karate Do“ von W. Lind (Sportverlag Berlin)

•    Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Lehrer aus der Sicht des budō?
Werner Lind: Ein Trainer unterrichtet Technik, ein Lehrer lehrt den Weg.

•    Frage: Warum lobt ein Karate-Lehrer so wenig und tadelt so viel?
Werner Lind: Lob kann eine Droge sein, und erfahrene Lehrer wissen, dass zu viel Lob eine überhebliche Gruppenmentalität zur Folge hat, die nachher nur schwer kontrollierbar ist. Kritik ist hingegen der stärkste Ansporn für jene Schüler, die eine echte Lehrer/Schüler Beziehung haben. Sie wissen, dass Kritik auch ein Lob ist, denn der Lehrer kritisiert nicht jeden Schüler. Überhebliche Schüler scheitern irgendwann immer an der Kritik, und das tut den Kampfkünsten gut.

•    Frage: Wie schafft man es, dass Schüler zu Individuen reifen und nicht zu Abbildern des Lehrers?
Werner Lind: Indem man lehrt und nicht predigt. Indem man durch das eigene Beispiel führt und nicht treibt. Indem man Schüler mag und nicht klammert. Indem man selbst dem Ideal dient und nicht endgültig ist. Indem man Lehrer ist und nicht Trainer.

•    Frage: Was bedeutet es, wenn Sie zu Ihren Übungsleitern sagen, „wenn Ihr ins dōjō geht, um budō zu unterrichten, dann müßt Ihr alle Systeme vergessen?
Werner Lind: Ihr dürft nicht kopieren. Ihr dürft weder mich noch einen anderen nachahmen, sondern ihr müßt in eurer eigenen Seele suchen und ihr selbst sein. Ihr dürft aber auch die Grundprinzipien nicht verletzen, weil das jede Budogemeinschaft ins Abseits treibt. Ihr müßt in den jeweiligen Situationen als Mensch und Karatelehrer das richtige entscheiden. Wenn man zu sehr in den Systemen hängt, ist man kein Karate-Lehrer sondern ein Karate-Beamter. Den Unterschied zwischen den beiden möchte ich lieber nicht erklären.

•    Frage: Wie ist das Verhältnis von Karate zu anderen Kampfkünsten und inwieweit besteht für einen Lehrer die Verpflichtung zur Erhaltung eines Stils?
Werner Lind: Schlecht dort, wo ein solches Verhältnis auf Schwarzgurtebene nicht geschaffen wird. Man kann für sich persönlich viele andere Techniken in Betracht ziehen, man sollte fremde Prinzipien studieren und keineswegs denken, dass Fortschritt sich in einem abgeschlossenen Stil verbirgt. Wenn man sich nur auf Systeme verläßt, wird man böse Überraschungen erleben, wenn man z.B. gegen einen Boxer oder einen Ringer kämpft. Man sollte an seinen eigenen Verstand appellieren und sich fragen, wie man einen Gegner besiegt. Den größten Fehler, den man machen kann, ist zu denken, dazu würden die Wettkampftechniken ausreichen.
Wenn man aber unterrichtet, muß man das System getreu wiedergeben. Wenn ein Lehrer persönliche Interpretationen unterrichtet, verfälscht er das System und nimmt anderen die Chance, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Zwischen der Unterrichtsmethode und der persönlichen Auffassung kann es erhebliche Unterschiede geben.

•    Frage: Welche Rolle spielt in einem Zweikampf die Angst?
Werner Lind: Was ist ein Zweikampf? Es gibt Wettkämpfe, Dojo-Kämpfe und richtige Kämpfe. Alle drei unterscheiden sich voneinander. Im Wettkampf sind keine Treffer erlaubt, und es gibt einen Schiedsrichter, der den Kampf unterbricht, bevor jemand siegen kann. Das ist kein wirklicher Kampf, denn in der Realität würde der Wettkampfsieger wahrscheinlich nicht siegen. Hier gibt es höchstens die Angst um den Prestigeverlust.
In einem Dojokampf kann man viel weiter gehen. Man darf hier nicht auf Punktgewinne kämpfen, sondern man muß dazu übergehen, sehr starke Körpertreffer auszuführen und zu nehmen. Man muß das in Absprache mit seinem Partner tun, aber man sollte nicht darauf verzichten. Wenn ein Schwarzgurt auf diese Weise ausgebildet wurde, kann er von einem Karateka, der nicht 10 Jahre lang täglich Makiwaratraining übt, überhaupt nicht verletzt werden. Wenn er auch noch selbst starke Techniken entwickelt hat, braucht er gegen einen Wettkampfvirtuosen gar nicht zu kämpfen. Jeder Karateka, der schon einmal vor einem Meister im Nehmen gestanden hat weiß, dass die virtuose Technik aussichtslos ist.
Es ist ein Unterschied, ob man mit seiner Kampftechnik eine Meisterschaft gewinnen kann oder ob man einen starken Gegner in die Knie zwingen kann. Dojokämpfe dienen dem zweiten Ziel. Obwohl sie wesentlich stärker sind als Wettkämpfe sind sie ungefährlich, es wird kaum verletzt, da ein Schwarzgurt mit seiner Angriffsstärke die Grenze seines Partners nicht überschreitet. Die vielen Zufallsverletzungen, die es auf Wettkämpfen gibt, sind dem Umstand zu verdanken, dass die Kämpfer im Kämpfen meist nicht ausgebildet sind und unkontrolliert angreifen.

•    Frage: Kann man die Angst vollständig besiegen?
Werner Lind: Wirkliche Kämpfe können nur bestritten werden, wenn man die oben beschriebenen Dojokämpfe übt. Kein Schläger läßt sich von unwirksamer Virtuosität einschüchtern. Hier geht es darum, ob man ihn stoppen kann oder nicht. Man darf sich im Dojo nicht selbst belügen. In einem wirklichen Kampf kommt es nur auf drei Dinge an: auf die psychische Stärke, auf die Fähigkeit zu Nehmen und auf die Kimeübertragung. Erst danach kommt die Technik. Angst gibt es immer und bei jedem. Man kann sie nicht beseitigen, aber man kann lernen, sie zu kontrollieren. Wenn man das wirklich versteht, wird man nicht angegriffen und braucht nicht zu kämpfen.

•    Frage: Wann kann eine Frau sagen, dass sie sich wirklich verteidigen kann?
Werner Lind: Nie! Alles hängt immer von der Situation ab und nicht zuletzt vom Fortschrittsgrad der entsprechenden Frau. Selbstverteidigungssituationen sind wie ein Labyrinth, aus dem jener herausfindet, der den besseren Riecher hat. Eine ausgebildete Frau wird im entsprechenden Moment besser reagieren als eine untrainierte Frau, aber eine Garantie für den Sieg gibt es weder für Mann noch für Frau. Beide werden nicht umhin kommen, das Richtige zu entscheiden. Und für beide gilt: wegrennen ist besser als kämpfen.
Wenn Frauenkarate auf Selbstverteidigung zielt, muß es im Dojo anders aufgebaut sein als Männerkarate. Eine Frau kann gegen einen Schläger nicht in eine Deckungshaltung gehen und mit ihm eine Prügelei anfangen. Das liegt zum einen in ihrer körperlichen Unterlegenheit und zum anderen in ihrer angeborenen Einstellung zum Kampf. Deshalb sollten Frauen weniger Jiyu-kumite üben und sich mehr um Selbstverteidigungsaspekte kümmern. Die Technik der Frau muß auf empfindliche Körperpunkte zielen, sie braucht genügend Übertragungskraft, sie muß auf Ökonomie und Überraschung aufgebaut werden, und sie muß den Angreifer bereits in der ersten Aktion empfindlich verletzen. Für Frauen ist zu empfehlen, dem Angreifer Nachgiebigkeit vorzutäuschen, um im richtigen Moment eine Aktion zu starten. Der daraus resultierende Schock sollte dazu verwendet werden, so schnell wie möglich wegzurennen. Nur wenn es keinen Fluchtweg gibt, sollte eine Frau sich zu einer letztendlich entscheidenden Selbstverteidigungshaltung entscheiden.

•    Frage: Was halten Sie von den oft angebotenen Wochenendkursen für Frauenselbstverteidigung?
Werner Lind: Dort werden ein paar Tricks gezeigt, und man redet den Frauen ein, nun könnten sie sich selbstverteidigen. Das können sie natürlich nicht, und wenn sie es versuchen, gefährden sie sich selbst. Nur unverantwortliche Lehrer, die selbst nicht in der Lage sind, eine solche Situation zu beherrschen, können Frauen so etwas einreden. Sie heben die Selbstsicherheit der Frau mit untauglichen Techniken, die dann wenn sie sie anwenden, dazu führen, dass der Angreifer noch aggressiver wird. Frauen, die gefährdet sind, sollten sich eine Waffe kaufen und Verhaltensseminare in Frauengruppen besuchen, die Erfahrungen mit solchen Situationen haben. Sie können auch eine Kampfkunst üben, doch ohne lange Jahre harter Übung werden sie sich nicht verteidigen können. Auf jeden Fall sollten sie den Kursangeboten fernbleiben.

•    Frage: Was ist zu beachten, wenn ein jüngerer Karatelehrer einen älteren Schüler unterrichtet? Kann es hier eine echte Lehrer/Schüler Beziehung geben?
Werner Lind: Wenn die Betonung auf „Karatelehrer“ liegt, grundsätzlich ja, auch wenn er jünger ist, denn das setzt voraus, dass er das nötige Fingerspitzengefühl hat, das in einer solchen Beziehung wichtiger als alles andere ist. Junge Karatelehrer sollten aber nach dem traditionellen Karateprinzip unter einem älteren Lehrer stehen und Teil einer erfahrenen Budogemeinschaft sein und nicht alleine einer Schule/Verein vorstehen. Diese Frage stellt sich erst in den letzten fünfzig Jahren, denn in früherer Zeit gab es keine jungen Karatelehrer. Solange ihr Lehrer gelebt hat, waren sie Schüler bei ihm, auch wenn sie inzwischen selbst Schüler annahmen.
In Europa ist es sehr schwierig, dieses Prinzip zu erklären. Der traditionelle Weg des Karate ist von den Japanern in den fünfziger Jahren verlassen worden, das Loyalitätsprinzip wurde verletzt, und aus Karate wurde ein Geschäft gemacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Japaner Karate gegen die Tradition verbreitet haben, und in Europa und den USA mußte die Tradition neu entdeckt werden.

•    Frage: Worin besteht diese Tradition?
Werner Lind: In erster Linie auf dem Prinzip einer großen Familie. Gegenseitige Loyalität war höchstes Gebot. Meister Funakoshi beschreibt das in seinem Buch „Karate-do – mein Weg“ sehr eindrucksvoll. Die Erfahrungen vieler Generationen wurden durch dieses Integritätsprinzip immer weiter getragen. Der Hauptlehrer wurde vom Schüler-Lehrer nicht als Hindernis zu seiner persönlichen Entwicklung angesehen, sondern als Träger der Tradition und als jemand, der in der Lage war, die Budogemeinschaft zusammenzuhalten. Beides ist sehr wichtig. Persönliche Interessen mußten diesem Prinzip untergeordnet bleiben, da ansonsten der Fortschritt jedes Einzelnen in Frage gestellt war. Je älter der Hauptlehrer wurde, um so mehr wurde er von den jüngeren Schüler-Lehrern unterstützt, da er nur auf diese Weise seine Erfahrungen weitergeben konnte. Natürlich verlor er an Kampfkraft, und natürlich wurde er von Jüngeren überflügelt. Doch um so mehr wurde er idealisiert, denn fast immer hing das Fortbestehen der Budogemeinschaft davon ab, ob ER sie führte oder nicht. Nicht der Hauptlehrer allein trug die Erfahrungen in die nächste Generation, sondern auch die Übungsgemeinschaft um ihn herum. Verrat an diesem Prinzip bedeutete oft das Ende der ganzen Strömung.
Das ist der Grund, warum Loyalität und Überwindung des Ich in den Kampfkünsten so hoch stehen. Lehrer, Lehrer-Schüler und Schüler sind Diener ein und desselben Ideals, und alle wußten, dass sie es auch dann, wenn es persönliche Unstimmigkeiten gab, nicht verraten durften. Sie alle waren Träger einer alten Kampfkunsttradition, und dies verpflichtete zur gegenseitigen Treue. Doch dieses Prinzip ist den Menschen in einer modernen Konsumgesellschaft völlig fremd. Egoismus, Untreue und Selbstgefälligkeit verletzen dieses wichtige Kampfkunstprinzip und bringen unzählige sogenannte Lehrer hervor, die den katastrophalen Zustand des europäischen Karate bewirkt haben.

•    Frage: Was meinen Sie genau, wenn Sie von Loyalität sprechen?
Werner Lind: Ich möchte es ganz einfach formulieren. Wenn ein Lehrer einen Schüler annimmt und ihn über viele Jahre hindurch zum Fortschritt bringt, lehrt er ihn nicht nur ein Kampfkunstsystem, sondern er nimmt Anteil an seinem Leben und trägt (fast ausschließlich) die Verantwortung für seine Haltung und Handlung, er leidet mit ihm und freut sich mit ihm, er betreut nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele. Zumindest in den Fällen, die ich kenne, ist er weit mehr als der leibliche Vater, trotz all seiner natürlich vorhandenen Schwächen ist er derjenige, der diesen Schüler zu dem bringt, was er IM LEBEN ist. Natürlich muß der Lehrer diesen Schüler in seinen persönlichsten und intimsten Kreis mit einbeziehen, was ein Akt des Vertrauens bedeut. Täuscht sich der Lehrer im Schüler, gibt dies dem Schüler die Handhabe zum Ausnutzen des Lehrers ohne Grenzen. Manchmal heißt es dann nach 10 Jahren einfach „Tschüß“, und jeder Lehrer kann noch dankbar sein, wenn es nur dabei bleibt. Doch ich habe in meinem Umfeld viele Menschen kennengelernt, für die nachher ein Krieg über richtig und falsch entstand, der auf übelste Weise geführt wurde. Niemand kann die Tragödie im Leben eines Lehrers erahnen, die in solchen Fällen entsteht. Für mich sind und bleiben diese Menschen Verräter an Vertrauen, Freundschaft und Anstand, auch dann, wenn unsere Gesellschaft diese Art von Verletzungen schon fast als Normalität einstuft.

•    Frage: Welche Fehler sollte ein Karatelehrer unbedingt vermeiden?
Werner Lind: Das ist eine schwierige Frage, die ich nicht ohne weiteres beantworten kann. Was für den einen ein Fehler ist, ist für den anderen recht. Karatelehrer sind Menschen und treten in der Öffentlichkeit, d.h. auch vor ihren Schülern als das auf, was sie von innen her sind. Der eine erlaubt sich etwas, was gut ankommt, der andere tut dasselbe, und man nimmt es ihm übel. Nach meiner Erfahrung sollte man zu dem stehen, was man ist. Es ist nicht nötig etwas zu verstecken, man sollte durch die Gesamtheit seiner inneren Eigenschaften wirken. Das heißt aber nicht, dass Karatelehrer nicht an ihren Fehlern arbeiten müssen, denn auch sie sind in demselben Prozeß des Werdens und Veränderns gefangen wie der Schüler.

•    Frage: Was ist die wichtigste Fähigkeit eines Budo-Schülers?
Werner Lind: Die erste und wichtigste Eigenschaft eines Schülers ist, dass er zu seiner Kunst und zu seinen Mitübenden ein ehrliches Miteinander-Verhältnis aufbaut. So etwas geschieht nicht von selbst, er muß sich darum bemühen. Es ist ebenso, wie in einer Freundschaft: beide müssen wollen und etwas dafür tun. Ein Budo-Schüler darf nicht passiv herumstehen und dauernd davon abhängig sein, ob andere ihn zu etwas motivieren. Er muß durch aktive Bekenntnis Teil seiner Gruppe werden, indem er ihr innerstes Empfinden mitversteht und mitträgt. Denn die Gruppe besteht aus Einzelnen. Es sind aber leider immer nur einige Einzelne, die eine Gruppe tragen. Der Rest steht herum.
Nachdem ein Schüler in der Lage ist, eine Gruppe mitzutragen, braucht er die Fähigkeit des Teilens, des Geltenlassens und des Verzeihens. Hingabe ist weder stumpfe Bekenntnis noch Egozentrik, sondern zeigt sich im rechten Tun zur rechten Zeit. Der Schüler braucht daher sowohl ein bißchen Dulden als auch ein bißchen Ich. Er wird nicht lernen können, wenn er sich in ein Extrem begibt.
Alle Kampfkünste sind getragen durch ein starkes Ideal, denn sie binden, anders als andere Sportarten, auch gefühlsmäßig. Es ist für Schüler wichtig, dazu stehen zu lernen. Manchmal kann der Widerspruch zwischen innerem Empfinden und äußerer Schau zu großen Problemen führen. Die meisten Abgänge von Fortgeschrittenen basieren auf diesem eingefleischten Tabu, wahre innere Probleme anzusprechen. Der Rückzug ist angenehmer für das Ich, obwohl er im Inneren noch größere Probleme bereitet.

•    Frage: Wie verhindert man, dass man nach vielen Jahren der Übung im eigenen Fortschritt stehenbleibt?
Werner Lind: Indem man aufhört sich zu fragen, was man bereits erreicht hat, und sich stattdessen fragt, was man noch tut muß. Fortschritt ist ein Prozeß und nichts Erreichtes. Ganz entgegen unserer gesellschaftsbedingten Meinungen besteht der Wert der Kampfkunstübung in der Übung selbst und nicht im Fortschritt. Fortschritt braucht man, um gewisse Übungen machen zu können, aber nicht für das Ich. An der Idee, dass der Wert der Kampfkunstübung im Fortschritt liegt, ähnlich wie man eine Universität besucht, um zum Abschluß zu kommen, sind schon viele Übende gescheitert. Fortschritt ist ein Produkt der Übung. Wert liegt in der Übung selbst.

•    Frage: Welche Rolle spielt im Karate die Bescheidenheit? Kann man sich im Rahmen einer professionellen Schule in unserer Gesellschaft Bescheidenheit erlauben?
Werner Lind: Man kann sich immer und überall Bescheidenheit erlauben. Bescheidenheit ist nicht Dummheit, sondern eine Grundlage für sämtliches Wirken. Nicht der ewige Jasager ist bescheiden, sondern derjenige, der durch sein Handeln Gutes und Rechtes bewirkt und sich aus der Tendenz des Profitierens auf seine persönliche Notwendigkeit zurückbeschränkt. Bescheidenheit besteht nicht in einem Extrem sondern im Gleichgewicht.

•    Frage: Worin sehen Sie die hauptsächlichen Probleme in den Kampfkünsten unserer Zeit?
Werner Lind: Jeder erlebt die Kampfkünste durch seine eigene Perspektive, und ich denke, dass dies auch in der Vergangenheit so war. Grundsätzlich aber gibt es für die klassisch unterrichtenden Lehrer heute ein gemeinsames Problem. Dieses besteht in der Konsummentalität der meisten modernen Schüler, die nur selten bereit sind, einen echten Kampfkunstweg zu gehen. In den meisten Budogemeinschaften, die ich kenne, entsteht nach 10 oder 15 Jahren eine unvermeidbare Übersättigung, ein Verlust an Idealen, eine Infragestellung der Ziele. Zum einen durch die Resignation des Lehrers, der sich durch viele Kompromisse in seinen Absichten vom Weg abgedrängt fühlt, zum anderen durch den Fortschritt der Schüler, die diese Kompromisse automatisch und unbewußt bewirken.Jeder wirkliche Lehrer unterrichtet mit einer blinden Gläubigkeit gegenüber den Idealen des Budo, ist aber letztendlich machtlos gegenüber der gesellschaftsbedingten Lebenshaltung unserer Zeit. Das in den Schüler gesetzte Vertrauen wird häufig mißbraucht, und nach 20 oder 30 Jahren beginnt selbst der größte Idealist zu zweifeln. Viele Lehrer ziehen sich daher zurück, und unterrichten nicht mehr vorbehaltlos. Das ist meist der Zeitpunkt, an dem man fortgeschrittene Schüler über ihre Budo-Gemeinschaft sagen hört: „Es ist nicht mehr so wie früher.“

•    Frage: Sind wir also zu übersättigt?
Werner Lind: Ja, ich denke, das ist eines der Hauptprobleme unserer Zeit. Unsere gesamte Motivation erstreckt sich zu sehr auf das Haben und zu wenig auf das Sein. Budo-Gemeinschaften verlassen daher häufig das Ideal und verflachen in persönlichen Egoismen ihrer Mitglieder. In vielen Kleinigkeiten beginnen diese das gegenseitige Vertrauen zu stören, das „Sich in den Dienst stellen“ wird durch ein „Gelten wollen“ ersetzt. Persönliches Beleidigtsein wird zur Tagesordnung, vom Budo bleibt nur die Form. Das ist früher oder später der Tod jeder Budo-Gemeinschaft. Das zu verhindern ist der schwierigste Teil in der Aufgabe eines Lehrers. Man muß wissen, dass ein Lehrer nicht nur seine gesamte Kraft in den Dienst einer Budo-Gemeinschaft stellt, sondern sich auch in allen persönlichen Bereichen von ihr abhängig macht. Daher ist er oft der Einzige, der um die Grundlagen eines neuen Miteinander kämpft, während sich seine Fortgeschrittenen in absoluter Narrenfreiheit auf dem Ego-Trip befinden. Ich kenne keinen echten Lehrer, der je einen seiner Schüler verraten hat. Aber ich kenne eine Menge Schüler, die ihre Budo-Gemeinschaft verraten haben.“Warum Verrat?“, fragen einige Uneingeweihte, die die Gesetzmäßigkeiten des Budo nicht kennen. Weil der Kampfkunstunterricht ein Pakt zwischen Lehrer und Schüler ist, der bis ans Lebensende gilt. Weil der Lehrer sich durch die Zusage, den Schüler auf eine hohes Niveau zu führen, in ein Niemandsland begibt und darauf angewiesen ist, das der Schüler nicht nur Technik lernt, sondern auch seinen Charakter entwickelt. Weil in den Kampfkünsten immer noch Loyalität und Wahrheit als die höchsten Prinzipien gelten und nicht Profit und Selbstsucht. Weil das Führen eines Schülers über 10 oder 15 Jahre dem Lehrer alles abverlangt und kein Lehrer in der Lage ist, seine Vorbehaltlosigkeit zu bewahren, wenn er feststellt, dass die meisten Schüler das Ideal für den Profit verraten. Aus diesem Grund ziehen sich viele Lehrer aus dem Wegunterricht zurück und unterichten nur noch Technik.Für diese Schülerhaltungen gibt es immer Begründungen, aber was letztendlich übrigbleibt ist, dass solche Menschen zunehmend eine großartige Idee zerstören, die deshalb nie zur Reife gelangt. Wenn sie selbst Schüler annehmen, passiert das Gleiche, und so können höhere Erfahrungsniveaus nie zum Tragen kommen.

•    Frage: Wie kann man diese Problematik durchbrechen?
Werner Lind: Durch einen persönlichen und anhaltenden Kampf gegen das eigene Ich. Nur auf diese Weise sind Wegziele erreichbar. Die Dojokun ist hier eine hervorragende Leitlinie, in deren Spiegel man sich so oft wie möglich betrachten sollte.

•    Frage: Welches ist Ihre Meinung über die verschiedenen Organisationen?
Werner Lind: Die Existenz der verschiedenen Organisationen ist ein politisches Problem und sollte mit der Praxis des Karate nichts zu tun haben. Leider aber versucht die große Mehrheit der Mitglieder sich durch Föderationszugehörigkeiten zu autorisieren, statt darüber nachzudenken, wie sie ihr Karate verbessern könnten. Der Streit um „autorisiertes“ und „nicht-autorisiertes“ Karate hat in Deutschland ein Ausmaß erreicht, das jedem ernsthaften Übenden schadet. Darüber muß nachgedacht werden. Die etablierten Lehrer aller Organisationen müssen unabhängig von ihrer internen Verbandspolitik miteinander kommunizieren, wenn Karate als Kunst überleben soll.In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass jeder bekannte Lehrer ein Image durch seine Schüler erhält. Wirkliche Lehrer sind nie konventionelle Menschen, sondern immer ein bischen exotisch und werden nur von jenen Schülern verstanden, die dafür ein Gespür entwickeln. Deshalb liebt man sie oder haßt man sie, es gibt keine Zwischentöne. Sie leisten immer Außergewöhnliches, sind unausstehliche Perfektionisten und machen sich den Durchschnittsmenschen oft zum Feind. Daher hat jeder außergewöhnliche Lehrer nicht nur außergewöhnliche Schüler, sondern auch außergewöhnliche Feinde um sich, die sich seine Schwächen zu Nutzen machen und ihm ein Image bereiten, das nicht der Wirklichkeit entspricht.
Schüler tragen dieses negative Gerede von einem Lehrer zum anderen und schüren damit nicht nur die Abgrenzung zwischen den Verbänden, sondern auch zwischen den Lehrern. Dadurch entstehen unbegründete Abneigungen zwischen diesen, oftmals ohne dass man sich persönlich kennt. Doch alle Lehrer sind auf den gegenseitigen Erfahrungsaustausch angewiesen, und genau das ist der Grund, warum ich den Budo Studien Kreis gegründet habe. Der BSK ist keine Konkurrenz zu den Verbänden, er ist als Studiengemeinschaft für etablierte Lehrer gedacht. Sein Sinn ist es, das Niveau der Kampfkünste durch gemeinsame Arbeit zu heben.
Ich glaube nicht an die Karate-Kompetenz der Organisationen, ich glaube an Menschen, die jenseits der Dogmen die Öffnung für den anderen schaffen. Wenn wir die Kampfkünste wollen, dürfen wir nicht in Funktionärsschablonen denken. Natürlich muß es Organisationen geben, denn sie sind im Leben aller Schüler wichtig. Doch die Meister müssen bereit sein, sich gegenseitig zu respektieren und dürfen ihre Identität nicht hinter den Verbänden verstecken. Nur so können wir voneinander lernen, uns gegenseitig bereichern und die Kampfkünste mit Sinn und Inhalt füllen. Ein Kampfkunstmeister ist kein Diener irgendeines Verbandes, sondern steht in sich selbst und hat die Freiheit, das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu entscheiden. Keine Föderation dieser Welt wird ihren Meistern dies je zugestehen, kein Funktionär kann über den Rand seines Schreibtisches hinaussehen. Deshalb wünsche ich mir mehr Selbständigkeit der deutschen Meister und ihnen die Kraft, für dieses Ziel in ihren Organisationen zu kämpfen. Wir alle müssen lernen zu verbinden und aufhören, uns durch sinnlose Regeln abzugrenzen.

•    Frage: Gibt es gute und schlechte Stile?
Werner Lind: Ich halte Menschen für naiv, die die Qualität der Systeme gegenüberstellen und vergessen, dass all die Systeme eine Kampfkunstmethode darstellen, die von einem Übenden verwirklicht werden muß. Natürlich haben wir Finanzämter, die in alle Kampfkünste den Druck des Überlebens hineinbringen und einige Meister dazu veranlassen zu sagen „mein System ist das beste“. Doch das ist ähnlich wie die Werbung für Zahnpasta oder Waschmittel. Dieses haben die Menschen inzwischen verstanden, doch im Theme Kampfkunst gibt es diesbezüglich noch viel Nachholbedarf


Interview mit Werner Lind (Oktober 2002)

Mittarbeiter des BSK Newsletter

•    Newsletter: Durch meine Arbeit in der Redaktion des BSK-Newsletter, hatte ich des öfteren die Möglichkeit BSK-Seminare auswärtiger Schulen und Vereine in ganz Deutschland zu besuchen, wobei mir stets aufgefallen ist, dass die meisten Schulen/Vereine von nur einem Schwarzgurten geführt werden (in vielen Fällen ist es sogar ein Kyu-Grad). Im Budokan (Zentrum des Budo Studien Kreises) in Bensheim gibt es mehr als 20 Schwarzgurte (davon sind sieben (7) ab dem 5. Dan graduiert). Woran liegt es, dass die Quote der Fortgeschrittenen im Budokan, im Gegensatz zu anderen Schulen, so hoch ist?
W. Lind: Ganz einfach darin, weil im Budokan Kampfkunst geboten wird, die selbst für hohe Dan-Träger noch entwicklungsfähig ist und nur durch gemeinsame Forschung der hochgraduierten Lehrer weitere Fortschrittsperspektiven bietet. Wer geht ist nachher allein – und nur wenn er sehr gut ist, sehr viel Glück hat, unendlich viel arbeitet und bereit ist, am untersten Level der Existenz zu leben, schafft nach 20 Jahren ein ähnliches Nivea in einer eigenen Gruppe. Doch das ist nicht alles – auf dem Weg dahin müssen noch viele weitere Bedingungen beachten werden, die allesamt einem „angenehmen Leben“ entgegenstehen. Hauptberuflich Kampfkunst zu unterrichten, bedeutet Hingabe und Idealismus – natürlich wir es immer auch auf anderen Wegen versucht, aber diese Praktiken haben für die Kampfkunst keine Bedeutung: sie verschwinden immer nach ein paar Jahren…

•    Newsletter: Immer wieder hört man, dass sich Schüler schon als Braungurte oder 1. Dans von ihrem Lehrer trennen, um zukünftig eigene Wege zu gehen. Diese Schüler gründen oft – ohne Absprache mit ihren ehemaligen Lehrer – eigene Schulen.
W. Lind: Soetwas kann jemand nur dann tun, wenn er sich selbst überschätzt oder wenn es ihm gleichgültig ist, was er später unterrichtet. Das ist einfach schlechtes Niveau und darüber will ich nichts sagen. Unfertige Lehrer sind weltweit in der Überzahl, auch der BSK wurde von diesen traurigen Ereignissen nicht verschont. Doch das hat mit Kampfkunst nichts zu tun, das ist nur eine Laune des Ego – manche Menschen wollen gelten und nicht arbeiten. Die Leidtragenden sind natürlich immer ihre Schüler…

•    Newsletter: Ich möchte an dieser Stellen vermuten, dass in keiner deutschen – wenn nicht sogar europäischen Kampfkunstschule – so viele hochgraduierte Lehrer nebeneinander unterrichten, wie im Budokan in Bensheim. Was ist das besondere am Budokan? Was ist der Grund für diesen großen Zusammenhalt und warum gibt es im Budokan nicht dieses weit verbreitete Konkurrenzdenken zwischen den Lehrern?
W. Lind: Weil die Budokan-Lehrer gelernt haben, dass sie aufeinander angewiesen sind. Um höhere Niveaus in den Kampfkünsten herausfordern zu können, braucht man den anderen – und zwar jenen, der ebenfalls fortgeschritten ist und dasselbe Niveau herausfordert. Verläßt man diese Gruppe, ist man ganz plötzlich sehr allein und unterrichtet nur im Anfängerbereich. Das ist grundsätzlich in Ordnung (ich selbst unterrichte am liebsten Anfänger), doch auf der anderen Ebene fehlt die Kommunikation mit echten Experten. Diese sind (weltweit) sehr selten aber für das Niveau einer Kampfkunst absolut notwendig – Gott sei Dank gibt es sie im Budokan.
Durch die frühzeitige Trennung vom Lehrer (dies sind immer egoistische Gründe) verliert die Kampfkunst natürlich an Niveau. In unserer schnellebigen Zeit haben die Leute keine Zeit zum Lernen, Erfahren und Fortschreiten sondern beginnen unausgebildet zu unterrichten. Diese Praktiken sind ebenso ausgereizt wie alle anderen Systeme in unserer Gesellschaft – man wird zum Experten, indem man Wochenendseminare besucht und Urkunden aufweisen kann. Dies ist der Grund für das schwache Kampfkunstniveau in Deutschland und weltweit. Doch das gilt im Budo Studien Kreis nicht! Jeder unserer Lehrer ging durch eine 20jährige klassische Ausbildung (mit täglichem Training) und mußte sich an ALLEN Fronten bewähren. Erst danach weiß er, was er an dem anderen hat. Ich muß dann nicht mehr einwirken und überzeugen – er weiß es von selbst.
Dasselbe gilt für die Mitgliedslehrer von außerhalb: wenn die Hauptlehrer aus dem Budokan ihnen jemals nichts mehr zu sagen haben, werden sie uns verlassen. Wenn sie aber das Gefühl haben, dass sie sich hier weiterentwickeln können, werden sie bleiben. Sie bleiben nicht, weil wir alle so toll und schön sind – sie bleiben, weil sie hier eine Zukunft für ihre Kampfkunst sehen.

•    Newsletter: Seit der Gründung des Budokan in Bensheim sind nun 23 Jahre vergangen. Sie haben danach noch den Budo Studien Kreis (BSK) gegründet und damit vielen anderen Kampfkunstinteressierten die Möglichkeit gegeben, die Lehren des Budokan zu studieren. Wie sieht die Beziehung zu den einzelnen Mitgliedsschulen und deren Lehrer aus und in wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihnen? Ist es nicht sehr schwierig den BSK zusammen zu halten?
W. Lind: Eigentlich nicht, denn er hält sich selbst zusammen. Mitglied im BSK ist nur jener, der das Gefühl hat, hier von kompetenten Leuten unterrichtet zu werden. Solange die Lehrer des Budokan bezüglich Kampfkunst etwas zu sagen haben – und vor allem mehr zu sagen haben als andere – kommen wir nicht in die Verlegenheit. Die Mitgliedschaft im BSK ist frei – es gibt keinen Vertrag und nur wenige Regeln. Wenn irgendjemand denkt, dass er hier falsch aufgehoben ist, kann er jederzeit austreten. Doch der BSK hat immer Lehren anzubieten, die sonst niemand anbietet.
Natürlich gibt es auch im BSK Lehrer die „viel wollen“ und Lehrer die „weniger wollen“ – das ist menschlich und überall auf der Welt so. Darüber zu wachen und diese Praktiken fair zu entscheiden, ist die Aufgabe der Kodansha (fortgeschrittene Lehrer) aus dem Budokan in Bensheim. Wir tun dies hier nach bestem Wissen und Gewissen und irren uns nur selten – diejenigen, die es verdient haben, sind entsprechend graduiert.

•    Newsletter: Das System das Sie unterrichten nennt sich Shotokan Kempo Karate (SKK). Wie kam es dazu und was ist daran anders?
W. Lind: Eigentlich alles. Ich möchte weiter unten erklären, was diese Auffassung in unseren Kreisen verändert hat. Shotokan Kempo Karate (SKK) ist das Karatesystem des Budo Studien Kreises. Es beruht auf den Basistechniken des Shotokan-Karate, wurde jedoch sowohl technisch als auch inhaltlich erweitert und enthält im Gegensatz zu den modernen Wettkampfstilen die bis nach China zurückreichenden Systeme der Selbstverteidigung, Gesundheitsmethoden und Weglehren. Ohne irgendwelche Formen oder Prinzipien zu verletzen ist SKK eine persönliche Auswahl aus dem großen Angebot der okinawanischen Kampfkünste – es ist die ideale Kampfkunst für Menschen, die mehr wollen als sportliches Training ohne Hintergrund.
Shotokan Kempo Karate (SKK) ist kein im okinawanischen System geschlossener Stil – d.h. er ist nicht an spezifische Stilvorgaben irgendwelcher okinawansischen Meister gebunden. Das Konzept gehorcht dem ursprünglich auf Okinawa gebrauchten Motto: „Es gibt keine Stile, es gibt nur EIN Karate“. Das Konzept ist bewußt so gewählt, denn durch eine Bindung an einen aktuellen okinawanischen Stil oder Meister wäre die Erforschung des Karate auf Okinawa unmöglich geworden. Heutzutage vertritt jeder okinawanischer Meister eine politische Sicht der Dinge und lehnt das ursprüngliche Prinzip (aus Selbstschutz) ab. Für den BSK war es jedoch nie wichtig, welcher okinwanische Meister „Recht hat“ oder wer den „eigentlich wahren Stil lehrt“, für uns war es immer nur wichtig, welchen Zusammenhang das okinawanische karate hat. Um dieses Ziel zu erreichen, mußten wir auf individuelle Übertragungslinien verzichten – obwohl sie uns wiederholt angeboten wurden.
Heute vertritt jeder okinawanische Meister seine eigene Politik und hat das große Prinzip vergessen: „Es gibt nur ein Karate“. Dadurch limitieren sich die okinawanischen Stile im Inhalt und Umfang, verbreiten sich unvollkommen in der ganzen Welt und grenzen sich gegenseitig ab. Sie verlieren den Bezug zum eigentlichen okinawanischen Karate und zwingen den Übenden in eine Schablone, die vom jeweiligen Meister bestimmt und als „einzig wahre Lehre“ überliefert wird. Ohne die Öffnung zum gesamten Karte ist diese „einzig wahre Lehre“ unvollkommen und isolliert jeden Suchenden in der Stilvorgabe des Lehrers. Der BSK versucht diese Verkrustung zu durchbrechen und das gesamte okinawanische Karate für alle Suchenden wieder erneut zu öffnen.
Es mag sein, dass auch der BSK bezüglich des „gesammten Karate“ unvollkommen ist. Aber er versucht Türen zu öffnen und die Stile zu verbinden (wie es seit mehreren hundert Jahren immer war). Wir können nur einen kleine Teil dessen recherchieren und zeigen, was im okinawanischen Karate üblich war – aber wir erforschen die alten System und verweisen auf ihren tatsächlichen Wert.
Natürlich hat die Arbeit des BSK Eindrücke in der europäischen Budo-Szene hinterlassen. Ich möchte hier nur einiges richtigstellen, was eigentlich und ausschließlich vom BSK stammt:

    Begriffe wie „Klassisches Karate“ oder „Traditionelles Karate“ wurden weltweit im sportlich geprägten Karate NIE verwendet, ehe diese Bezeichnungen vom BSK etabliert wurden. Heute sind sie in Deutschland (und nicht nur in Deutschland) zum Modetrend geworden, und unzählige Schulen und Vereine bedienen sich ihrer, ohne genau zu wissen, was sie bedeuten und woher sie stammen. Ich wollte damit ursprünglich einen UNTERSCHIED in Methode und Konzept des Budo klarmachen, aber der Trend der Zeit zu allem NEUEN hat den BSK überrollt. Die aktuelle Methode der Gleichmachung all jener, die „ein wenig tun“, prägt das Bild der Zeit: wir machen Wochenend-Seminare, um zu erfahren, was Budo ist! Wir denken nicht über Sinn und Unsinn nach, Hauptsache, es gibt am Ende eine Urkunde…
    Als ich vor 22 Jahren nach Deutschland kam war, war der allgemeine Kenntnisstand jener, dass Nakayama Karate gegründet hat. Viel mehr Wissen gab es nicht. Es war ebenfalls der BSK, der hier die Vorarbeit zum geschichtlichen Verständnis des Karate leistete – der das Bewußtsein dazu weckte, dass Shotokan-Karate der JKA nicht alles ist und dass man durchaus ein wenig weiter sehen kann. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, welchen Widerstand die damaligen Organisationen leisteten – immer auf Bedacht, ja nichts von ihren aufgebauten Prestige zu verlieren.
    Der BSK brachte darauffolgend das Thema „Kata-Bunkai“ ins Gespräch und stand damit in klarer Abgrenzung zu dem, was in Wettkampforganisationen probagiert wurde. Das Thema war zu jener Zeit in deutschen Wettkampforganisationen einfach nicht präsent, und niemand – auch nicht die japanischen JKA-Instruktoren – wußte etwas damit anzufangen. Diese Methode war außerhalb Okinawas einfach unbekannt. Niemand kannte die Beziehung zwischen Kata und Kumite. Ich kenne keinen einzigen deutschen Karate Lehrer, für den die Verbindung zwischen Kata und Kumite zu jener Zeit nachvollziehbar war. Wieder war es der BSK, der hier einige Klarheiten schaffte.
    Dazwischen gab es aber auch die Frage unzähliger Karate-Übender, die lautete: „Was ist denn das propagiert Wertvolle an Karate, warum ist diese Übung persönlichkeitsbildend und welches ist der Weg (Do)?“ Die durchschnittliche Antwort der Karate-Funktionäre lautete damals: „Do ist, wenn man einen weißen Anzug trägt und die Satzung der Organisation beachtet“. Wieder schaltete sich der BSK ein und veröffentlichte das Buch „Budo – der geistige Weg der Kampfkünste“. Daraufhin gab es Druck von der Basis in den Organisationen, und endlich anerkannten und etablierten ihre Vorstände den „Breitensport“ – meines Erachtens ein fragwürdiges Unternehmen (obwohl dieses die BSK-Methoden nachahmt), denn in den meisten deutschen Karate-Organisationen besagt es letztlich: aus den Jahren herausgekommene Karateka, die eigentlich nur noch ein wenig Fitness betreiben und am „wahren Karate“ (d.h. Wettkampf) keine Interessen mehr haben. Ich halte es für bedauerlich und in höchsten Maßen unfair, den altgedienten Karatekas solche Parolen zu präsentieren. Ihr eigentliches Budo-Verständnis steht gerade erst bevor: aber in den Wettkampforganisationen gibt es dafür leider keine Lehrer.
    Auf Druck der Basis wurde in den deutschen Föderationen „Kata-Bunkai“ als Prüfungsmethode etabliert – leider geht es bis heute nicht über das hinaus, was im BSK als elementares Bunkai bezeichnet wird. Auch die genannte Einteilung in „Elementares Bunkai“, „Fortgeschrittenes Bunkai“ und „Komplexes Bunkai“ stammt vom BSK. Dies gilt auch für „Kakie“, „Renzoku“ u.s.w. – zuvor kein Thema auf dem europäischen Karatemarkt, aber seit entsprechenden Forschungen und Seminaren des BSK plötzlich überall angeboten.
•    „Nahdistanz“ (Chikama), „Klebende Hände“ (Kakie), „Greifende Hände“ (Tuite), „Vitalpunktsimmulationen“ (Kyushojutsu), „Wiederholungstechniken“ (Renzoku) ebenso wie das gesamte grundlegende Konzept der Kata-Bunkai wurden ausschließlich vom Budo Studien Kreis veröffentlicht und publiziert. Heute gibt es dafür viele Nachahmer. Der BSK ist keine Kopie europäischer Bunkai-Systeme – er ist das Original.

•    Newsletter: Noch vor ein paar Jahren waren Sie regelmäßig in der Fachpresse vertreten, doch in der letzten Zeit ist es ziemlich ruhig um ihre Person geworden. Und auch in den vom BSK produzierten Filmen spielen Ihre Schüler eine zunehmend größere Rolle als Sie selbst. Was ist der Grund für diese Rückzugstendenz aus den Medien und der Öffentlichkeit?
W. Lind: Ich habe Öffentlichkeit und Medien nie gemocht. Mehr als 20 Jahre lang mußte ich selbst in die Öffentlichkeit treten – diese Zeit brauchten wir alle, um den BSK international zu etablieren. Doch nun gibt es im BSK zunehmend fortgeschrittene Lehrer, die diese Aufgabe übernehmen können. Gerne gebe ich an sie ab, denn sie sind in der Lage, die Systeme des BSK würdig zu vertreten.
Irgendwann haben Sie alle von mir gelernt und tun es z.Z. immer noch. Doch die Zeiten ändern sich und neue Lehrer treten ins Blickfeld. Sie alle werden ihren Weg ebenso gehen, wie ich auch meinen Weg gegangen bin. Sie werden meine Lehre weiterführen – aber in ihrer eigenen Weise. Ich habe sie gelehrt, sie selbst zu sein und kein Abbild von mir. Sie sind nach wie vor meine Schüler und trotzdem eigenständig. Zum Unterrichten brauchen sie weder den BSK noch mich aber sie sind hier, weil sie wissen, dass sie trotzdem beides brauchen. Genau das ist der Unterschied zwischen BSK und anderen Schulen…

•    Newsletter: Wie gehen Sie mit der Kritik um?
W. Lind: Wie jeder andere, der in der Öffentlichkeit steht: das meiste lese ich nicht und konzentriere mich stattdessen auf meine Arbeit. ALLES, was vom BSK nach Europa gebracht wurde, wurde anschließend kritisiert – doch Tatsache ist, dass der BSK das europäische Budo verändert hat. Die BSK-Lehren wurden von ALLEN Organisationen aufgenommen: Bunkai, Kakie, Renzoku, Kumi, Goshin u.s.w. stammen ausschließlich vom BSK. Auch wenn heute Seminare fremder Lehrer mit diesen Themen stattfinden: die Informationen darüber stammen vom BSK.

•    Newsletter: Welches sind die derzeit aktuellen Projekte des BSK? Werden zukünftig weitere Videos, bzw. DVD`s des BSk erscheinen und wenn ja, welche? Wird es auch wieder neue Buchveröffentlichungen geben?
W. Lind: Ja, es wird beides geben, doch ich habe ein persönliches Problem, diese Initiativen neutral zu betrachten: unser nächstes Projekt im Videobereich ist die Kata Chinto/Gankaku. Die BSK-Lehrer haben viele Jahre lang geforscht, um dieses Projekt verwirklichen zu können. Wenn wir das besagte Projekt veröffentlichen, wird es anschließend viele Chinto/Gankaku-Experten geben – ebenso wie in allen vorausgegangenen Veröffentlichungen des BSK.

•    Newsletter: Zum Schluss dieses Interviews möchte ich noch fragen, welches Ihre persöhnlichen Pläne sind. Werden Sie sich irgendwann ganz aus dem Geschehen zurückziehen und die Leitung des BSK an die aktuellen Lehrer weitergeben? Gibt es nach all Ihren Erfolgen in der Entwicklung des Budo in Deutschland – dass Sie wohl mehr als jeder andere geprägt haben – noch ein bestimmtes Ziel, dass Sie erreichen möchten?
W. Lind: Natürlich werden meine Schüler irgendwann für mich übernehmen und das System weiterführen. Ich bin mir sicher, dass es auch danach ein „offenes System“ bleiben wird und keinerlei Abgrenzungen zu anderen Stilen betreibt. Shotokan Kempo Karate bietet die Möglichkeit, das gesamte Karate Okinawas zu studieren – unabhängig von Stilen und Abgrenzungen. Darauf habe ich immer persönlichen Wert gelegt.
Nein, ich möchte keine „Ziele erreichen“ sondern eben nur einen „Weg gehen“. Niemand muß von mir Formen lernen, aber jeder kann das Beispiel betrachten. In diesem Sinne gilt für mich: „…der Weg ist das Ziel“.

BSK-Newsletter, den 25. Oktober 2002