When you install WPML and add languages, you will find the flags here to change site language.

Interviews mit BSK-Lehrern

Interview mit Ursel Arnold

(6. Dan SKK, 4. Kobudo, BSK-Sensei)
von Newsletter (BSK)

Copyright Budo Studien Kreis

•    Newsletter: In der internationalen Budo-Szene sind Sie vor allem durch Ihre langjährigen Forschungs- und Übersetzungs-Arbeiten im Budo Studien Kreis (BSK), Ihre Buchveröffentlichungen und als eine der Hauptvertreter des Shotokan Kempo Karate (SKK) von Sensei Werner Lind bekannt geworden. Wann und wo haben Sie Ihr Studium der Kampfkünste begonnen? Und was hat Sie damals zu Ihrer Entscheidung bewegt?
Ursel Arnold: Oh je, das ist lange her. Ich kann mich aber noch gut erinnern, dass mich die Kampfkünste schon immer fasziniert haben, zumindest das, was ich damals aus dem Fernsehen kannte. Diese Aura von Geheimnis und Gefahr, der Kampf für eine gerechte Sache, das Unberechenbare – das alles fand ich einfach toll. Später kam auch noch der Wunsch nach effektiver Selbstverteidigung dazu. Ich habe mich aber lange nicht getraut, damit anzufangen, denn ich dachte, man braucht dazu unheimlich viel Kondition (was ich nicht hatte!!). Erst als ich 18 wurde fand ich genug Mut und habe mir damals im Dojo von Sensei Lind in Bensheim ein Training angeschaut. Ich weiß noch, dass ich von Anfang bis Ende völlig fasziniert da saß und nur bei mir selbst dachte „so was schaffst du nie“. Der Sensei meinte aber nur, dass ich das schon lernen könnte, wenn ich wirklich wollte (und wie so oft hat er Recht behalten). Und so rückblickend kann ich sagen, dass die Kampfkünste noch heute für mich nichts von ihrer Faszination verloren haben.

•    Newsletter: Aus alten Aufzeichnungen konnte ich entnehmen, dass Sie einer der ersten Schüler von Sensei Werner Lind in Deutschland waren. Können Sie den Lesern etwas über die Entwicklung der Budo-Schule von Werner Lind berichten? Wurden die Schüler damals auf eine andere Weise unterrichtet als heute? Und wie erlebten Sie persönlich den Aufbau einer „Budo- Pyramide in der Schule?
Ursel Arnold: Unser erstes Dojo war eine umgebaute Schwimmhalle in Bensheim, nur wenig größer als unser heutiger Aufenthaltsraum im Budokan. Das Bassin war mit Brettern abgedeckt, auf denen wir trainierten, und rundherum waren Glaswände (man kann sich vorstellen, wie heiß das im Sommer wurde). Es war aber ein echtes Dojo, mit Makiwaras, Meisterbildern an den Wänden und einer strikten Dojokun. Das Training war sehr hart mit unzähligen Wiederholungen von Kataabläufen, Kihontechniken und stundenlangem Kumite. Ich weiß noch, dass wir nach den Trainingen immer an den einzigen Wassserhahn gerannt sind, weil wir vor Durst fast umkamen. Sensei Lind achtete besonders auf Disziplin, Konzentration und Genauigkeit, und er duldete keine Halbheiten. Nicht die geringste Kleinigkeit entging ihm. Während er uns verbesserte, erklärte er immer auch, und in dieser Zeit rührte keiner von uns einen Muskel, egal in welcher Stellung wir gerade standen.
Damals hatten wir noch keinen Aufenthaltsraum, aber nach dem Training gingen wir immer zusammen in eine nahe gelegene Gaststätte, die in einem Nebenraum ein großen Tisch hatte, an dem wir alle sitzen konnten. Hier redeten wir über alles, was uns bewegte. So streng Sensei Lind im Training war, so offen war er beim Beantworten unserer Fragen. Mit großer Begeisterung erzählte er uns, was Budo war, was es für unser Leben sein konnte, wie wir unsere Probleme lösen konnten und vieles mehr. Wir konnten immer mit allem zu ihm kommen und saßen oft bis weit in die Nacht bei ihm zuhause im Wohnzimmer, um zu erzählen. So wurden wir Freunde, und aus dieser persönlichen Nähe hat sich die Basis unserer Budo-Pyramide entwickelt. Das ist auch heute noch das Besondere an unserem Dojo, das alle spüren, wenn sie zu uns kommen.

•    Newsletter: Wie hat das Karate Ihr Leben beeinflusst und welche Veränderungen haben Sie über die Jahre hinweg in Ihnen selbst festgestellt? Welche Bedeutung hat das Leben in einer Budo-Gemeinschaft für Sie und Ihr Karate?
Ursel Arnold: Das ist eine schwierige Frage, denn Karate ist seit sehr langer Zeit Teil meines Lebens, und es gibt eigentlich nichts, was es nicht beeinflusst hat. Aber eigentlich muss ich es zuerst einmal genauer sagen – Karate selbst hat nichts beeinflusst, sondern die Art, wie es mir in unserer Budoschule von meinem Lehrer vermittelt wurde. Er hat mich immer wieder aufgefordert (und tut es auch noch heute), die Dinge genauer zu betrachten, mich nicht mit Oberfläche zufrieden zu geben, mich von Vorurteilen zu befreien, auf meine Intuition zu vertrauen, Mut zur Offenheit zu haben und vieles mehr. Das hat über die Jahre mich und meinen Weg geprägt – doch man kann genauso gut sein Leben lang Karate machen, und es passiert gar nichts.
Vielleicht das Wertvollste, was ich persönlich erleben durfte, war und ist die Erfahrung von Freundschaft innerhalb unserer Budo-Gemeinschaft. Heute besteht sie nicht mehr nur aus unserem Sensei und seinen Schülern, sondern es gehören inzwischen unsere eigenen Schüler dazu. Allesamt sind es aber ganz besondere Menschen, die gemeinsam arbeiten und üben, lachen und streiten und die mich mehr als einmal aufgefangen haben, wenn ich nicht mehr weiter wusste (danke, dass es euch gibt!).

•    Newsletter: Für wie wichtig empfinden Sie das Vorhanden-Sein eines Dojo und der dazu gehörigen Budo-Gemeinschaft für das persönliche Wachstum der Schüler? Ist es für einen Lehrer, der nur eine einfache Sporthalle zur Verfügung hat und kein Dojo im traditionellem Sinn, überhaupt möglich, Budo zu unterrichten? Wo liegen hierbei die Schwierigkeiten und welche Ratschläge können Sie diesen Lehrern, die traditionelles Karate unterrichten möchten, auf den Weg geben?
Ursel Arnold: Vielleicht einmal vorab, für mich ist jeder Ort ein Dojo, an dem Menschen sich im Sinne eines Weges üben, und der schönste Raum ist keines, wenn sein Sinn verletzt wird. Das Bestehen einer Budo-Gemeinschaft ist nicht an einen Ort gebunden, sondern an den Sinn, den sie sich geben. Der Sensei ist Zentrum und Seele einer solchen Gemeinschaft, wo er ist, ist immer ein Dojo. Das ist für ihn Chance und Verpflichtung zugleich, denn er muss jede Situation wahrnehmen, um seine Schüler zu unterrichten und Budo stets in seinen Gedanken tragen. Natürlich gibt es auch die Magie eines Dojos als Ort, der idealerweise still, sauber und gepflegt sein sollte, für den die Schüler auch mit Verantwortung übernehmen und in dem sie sich zuhause fühlen können. Aber kein Lehrer sollte sagen, er kann nicht Budo unterrichten, weil er kein Dojo hat. Nach meiner Ansicht ist das nur eine Ausrede. In alten Zeiten wurden die Kampfkünste meistens im Hof des Sensei geübt, und nur seine persönlichen Schüler ließ er ins Haus. Daher kommt auch der Begriff Uchi deshi und Soto deshi (schlagt mal unter Deshi in der Enzyklopädie nach). Ein Karate-Lehrer gibt seine Verpflichtung nicht an der Dojo- oder Turnhallentür ab. Er ist einer oder nicht – und wenn er einer ist, ist er es überall.

•    Newsletter: Sie sind als Träger des 6 .Dan im SKK die höchstgraduierte Frau in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa. War es für Sie als Frau schwierig, sich in der von Männern dominierten Karate-Welt durchzusetzen und zu etablieren? Welche Erfahrungen haben Sie im Training und dem alltäglichen Umgang mit Männern gemacht? Hat man Sie stets als gleichwertigen Übungspartner akzeptiert oder hatten Sie diesbezüglich mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ursel Arnold: Es ist merkwürdig. Diese Frage habe ich schon oft gehört, obwohl sie für mich eigentlich nie eine Rolle gespielt hat. In meiner Anfängerzeit gab es für mich die Frage nach „Männerkarate“ oder „Frauenkarate“ nicht, und ich fühlte mich gegenüber gleichgraduierten Männern auch nie unterlegen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie sich nicht trauten, richtig stark mit mir zu üben, aber das legte sich eigentlich immer schnell, wenn ich selbst mit aller Kraft meine Techniken machte. Was die Männer mir an Muskelkraft voraus hatten, konnte ich meistens mit Entspannung ausgleichen, und im Training gab es absolute Gleichbehandlung. Damit meine ich, jeder wurde so behandelt, wie er sich selbst zeigte – wollte man viel, wurde man auch viel gefordert, egal ob Frau oder Mann. Erst später habe ich erfahren, dass manchen Frauen diese Art des Trainings zu hart war. Meistens scheuten sie die unmittelbare Konfrontation der Kampfübungen (allerdings gebe ich zu, dass ich auch manchmal nicht verstehen konnte, wenn die Männer voll Begeisterung vom Kämpfen sprachen, während ich einfach nur dachte „zum Glück hast du es überstanden“). Aber obwohl oder vielleicht gerade weil es mir oft viel abverlangte, ohne die Erfahrungen aus dieser Art des Trainings wäre ich heute sicher nicht dieselbe. Ich denke, ich wurde von den Männern deswegen ernst genommen, weil ich mich selbst und meine Kunst ernst genommen habe, und ich kann heute als Lehrer ganz furchtbar ungeduldig werden, wenn ich merke, dass sich ein Schüler oder eine Schülerin mit Techniken einfach nur herumspielt.

•    Newsletter: Als ein Vertreter von klassischem Karate-do hat der BSK in Deutschland wahre Pionier-Arbeit geleistet. Wie sahen die nationalen und internationalen Reaktionen der Karate-Organisationen auf die Gründung des Budo Studien Kreises aus? Und wie hat der BSK die Entwicklung von klassischem Karate beeinflusst?
Ursel Arnold: Das war schon eine interessante Zeit, als der BSK langsam immer mehr an das Licht der Öffentlichkeit trat. Der Sensei wollte eigentlich nie etwas mit Föderationen zu tun haben. Alle Organisationsvertreter hatten uns gewarnt, dass wir schon sehen würden, wo wir bleiben, wenn wir es allein versuchten. Ohne eine etablierte Organisation ginge in Deutschland gar nichts.
In unserer Schule gab es den BSK aber schon eine ganze Weile zuvor. Sensei Werner Lind hat sich, seit ich ihn kenne, in jeder zur Verfügung stehenden Minute mit dem Studium der Kampfkünste befasst, und seine persönlichen Schüler waren von Anfang an entsprechend ihren Fähigkeiten mit von der Partie. Wir alle haben geforscht, übersetzt und ausprobiert und haben uns natürlich umgeschaut, was es in der Welt der Föderationen so gab. Das war damals aber so gut wie nichts – die in den Organisationen verbreitete Ansicht war, dass Karate aus Japan stammte und von einem Japaner namens Funakoshi gegründet wurde, der der Lehrer von Nakayama war. Da hatten wir aber einiges mehr herausgefunden. Als der Sensei damals sein erstes Buch über die Geschichte des Karate und etwas später das Budo-Buch herausbrachte, haben wir Stapel von Post bekommen. Karateka von überall her meldeten sich und wollten wissen, wer wir waren und ob man bei uns Mitglied werden kann. Damals haben wir ziemlich lange beraten, ob wir den BSK überhaupt nach außen öffnen wollen, denn das hatten wir so eigentlich nicht beabsichtigt. Später begannen die Föderationen, Sensei Lind als Lehrer zu immer neuen Seminaren einzuladen, und schließlich wurde uns berichtet, dass hochoffizielle Prüfungsprogramme geändert und um Kata Bunkai erweitert wurden. Einladungen kamen aber nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Norwegen, Rumänien, Bosnien, Frankreich oder anderen Ländern.
Hier gäbe es viel zu erzählen, aber ganz allgemein kann ich sagen, dass Sensei Linds Bücher (die in viele Sprachen übersetzt wurden) und unsere Filme dem Karate in Europa völlig neue Aspekte gegeben haben, da sie Zugang zu Hintergründen und Informationen gaben, die bis dahin einfach nicht erreichbar waren.

•    Newsletter: Im Hombu- Dojo des BSK in Bensheim werden neben verschiedenen Kampfkünsten (Karate, Ninjutsu, Taijiquan und Kobudo) auch verschiedene energetische Künste gelehrt. Sie selbst beschäftigen sich intensiv mit dem Studium des Qigong. Auf welche Weise hat Ihre Übung dieser Kunst Ihr Karate beeinflusst?
Ursel Arnold: Durch Qigong habe ich ein viel besseres Gefühl für meinen Körper und seine Energien bekommen. Grundsätzlich kann man das auch in der Übung der Kampfkünste erreichen, wenn sie richtig gelehrt werden. Es ist aber sehr schwierig, weil man darin zuviel hat, was den Geist nach außen zieht. Man will meistens irgendetwas erreichen. Im Qigong ist es so, dass man einfach mehr Zeit hat, sich auf die inneren Vorgänge zu konzentrieren, weil es nichts zu bewirken gibt. Auf diese Weise ist es leichter, sein Qi zu spüren und zu lenken. Diese Erfahrung hat mein Karate nachhaltig verändert. Außerdem ist es einfach so, dass ich gerne Qigong mache. Es gibt Formen jeder Art, man kann sehr stille und sanfte Übungen machen und auch sehr anstrengende Übungen, die den Körper abhärten und kräftigen. Ich betreibe es heute als großartige Ergänzung meiner Kampfkunst, aber eigentlich ist es so, dass die Kampfkunst ein Teil des Qigong ist und letztlich auch davon abstammt.

•    Newsletter: Abschließend möchte ich Sie gerne noch fragen, wie Sie die derzeitigen Entwicklungen des klassischen Karate in Deutschland beurteilen? Haben Sie den Eindruck, dass sich viele Vereine, durch die Arbeit des BSK beeinflusst, für das traditionelle Karate begeistern konnten?
Ursel Arnold: Nun, ich habe den Eindruck, dass die Zeit des Sportkarate in Deutschland langsam abläuft. Sicherlich gibt es immer noch viele junge Sportler, die sich mit Begeisterung in die Wettkämpfe stürzen, und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber auch diese Disziplin ist nicht mehr so in Mode wie noch vor 15 Jahren. Dagegen wächst das Interesse an den Hintergründen und der potentiellen Tiefe der Kampfkünste, und ich denke hierzu hat der BSK mit seinen Veröffentlichungen maßgeblich beigetragen. Ich höre immer wieder von Seminarbesuchern, dass sie schon lange nach einem Karate suchen, das ihnen nach der Beendigung ihrer Wettkampfzeit noch die Möglichkeit weiterer Entwicklung lässt. Gerade ist doch auch das Schöne an unserer Kampfkunst, dass sie eine Tiefe und Breite hat, die jedem Suchenden bis ins hohe Alter die Möglichkeit gibt, immer einen Schritt weiter zu gehen.

Copyright © 2003 Budo Studien Kreis (BSK)


Interview mit Peter Schömbs

(7. dan Ninjutsu, 6. dan Karate)
Von Newsletter (BSK)

Copyright Budo Studien Kreis

•    Newsletter: Wann und wo haben Sie mit dem Karate-Training begonnen und was hat Sie damals an dieser Kampfkunst fasziniert?
Peter Schömbs: Ich habe mein Karate-Training im Alter von 14 Jahren in der Budo-Schule von Sensei Werner Lind begonnen. Damals trainierten wir in einem Hinterraum einer Kneipe, der einer Art Festsaal ähnelte. Er hatte bei weitem nicht die Größe unseres heutigen Dojo und zu jener Zeit waren wir auch erst wenige Schüler. Bevor wir vor ungefähr zehn Jahren in die Weschnitzstraße nach Bensheim zogen, hat der Budokan noch oft seinen Standort gewechselt. Zeitweise haben wir in den Räumen eines bischöflichen Konvikts geübt, (dem heutigen Rathaus in Bensheim), wo ich übrigens mein erstes Jiyu Kumite mit meinem Sensei gemacht habe. Das war wirklich eine prägende Erfahrung für mich: Ich war Anfänger in den Kampfkünsten und bin ständig davon gesprungen, während mein Lehrer mich immer wieder gefegt hat.
Einige Jahre später sind wir in eine umgebaute Schwimmhalle umgezogen, von der ja bereits Sensei Arnold in Ihrem Interview berichtet hat. Von dort blieb mir vor allem meine Prüfung zum Blaugurt gut in Erinnerung.Danach kamen wir für einige Zeit nach Heppenheim. Ich war zu dieser Zeit ungefähr 16 Jahre alt und habe gerade meine Schreinerlehre begonnen. Durch die vielen Montagegänge während meiner Ausbildung blieb mir aber leider nur noch wenig Zeit für mein Training.
Nachdem ein schwerer Brand unsere Schule fast völlig zerstört hatte, sind wir dann schließlich wieder nach Bensheim gezogen, dorthin, wo unsere Schule auch heute noch steht.
Ich habe mich schon sehr früh, als Kind im Alter von ungefähr 10 Jahren für die Kampfkünste interessiert. Damals haben mich einige Filme im Fernsehen und die Serie „Kung Fu“ sehr beeindruckt. Nicht nur die virtuosen Techniken haben mich fasziniert, sondern auch die östlichen Weisheiten und die in den Filmen gezeigte Philosophie. Ich fand es beeindruckend, wie diese Menschen durch Ihre Kampfkunst besondere Fähigkeiten entwickelten und aus Ihnen durch das Training und die Lehre bei einem Meister Persönlichkeiten wurden.Als ich dann einige Jahre später die Werbung von Werner Linds Budo- Schule in der Zeitung gefunden habe, war mein Entschluss diesen Weg zu gehen sicher.

•    Newsletter: Ab wann haben Sie sich zusätzlich noch mit Ninjutsu beschäftigt und bei welchen Lehrern haben Sie diese Kampfkunst gelernt?
Peter Schömbs: Mit 15 Jahren habe ich für ein ¾ Jahr mein Training bei Sensei Lind unterbrochen. Ich hatte im Kino den Film „Ninja- die Killermaschine“ gesehen und wollte fortan Ninjutsu lernen. Ich kaufte mir verschiedene Bücher und versuchte die dort abgebildeten Techniken nachzuahmen. Diese Zeit des Suchens und des eigenständigen Lernens hat mir für meinen späteren Weg viel gebracht.Zuerst habe ich jedoch mein Training bei Sensei Lind wieder aufgenommen, denn als ich eines Tages vor meinem Haus für mich selbst trainierte, kam er zufällig vorbei und fragte mich im Lauf unseres Gesprächs, ob ich nicht zurück in die Karateschule kommen wolle. Er sagte, ich könne auch dort weiter meine Spezialtechniken üben. In Wirklichkeit hatte ich noch viele Jahre der Übung im Karate vor mir, ehe ich überhaupt eine Ahnung davon hatte, was eine Kampfkunst ausmacht.Später besuchte ich die verschiedensten Lehrgänge im Ninjutsu, z.B. von Wolfgang Ettig oder Masaaki Hatsumi, wobei ich aber mein Karatetraining bei meinem Sensei nie vernachlässigte. Ebenfalls beeinflusst hat mich das Ninjutsu von Soto Tanemura, Robert Bussey und Steven Hayes.

•    Newsletter: Warum wollten Sie gerade Ninjutsu lernen? Ist es wahr, dass es in Deutschland nur wenige Lehrer gibt, die diese Kampfkunst überhaupt unterrichten und wie sieht es in anderen Ländern aus?
Peter Schömbs: Am Ninjutsu haben mich damals vor allem die Hebeltechniken, die Rollen, der Umgang mit Waffen und auch eine gewisse Mystik beeindruckt. Die enge Verbundenheit zur Natur, das Schleichen und Tarnen der im Fernsehen gezeigten Ninjas hatten eine große Wirkung auf mich. Dazu muss man an dieser Stelle natürlich sagen, dass die Filme leider oft eine völlig falsche Vorstellung dieser Kampfkunst vermitteln. Sein Leben einer Kampfkunst zu widmen, bedeutet ein Leben mit Disziplin und Arbeit und dem beständigen Streben nach Selbstperfektion. Nichts fliegt einem einfach so zu, und alles hat seinen Preis. Viele der heutigen Schüler wollen Können und nicht Lernen. Sie scheuen Mühen und lieben die Show, die gerade in den Filmen meist im Vordergrund steht. Das hat mit einer Kampfkunst nicht das geringste zu tun, und so unterrichte ich auch nicht.Zu der Frage, ob es in Deutschland nur wenige Ninjutsu-Lehrer gibt, kann ich nur sagen, dass es damals, als ich mich angefangen habe mit dieser Kampfkunst zu beschäftigen, in der Tat nicht sehr viele gab, zumindest waren mir zu dieser Zeit nur wenige bekannt. Heute ist diese Kunst in Deutschland schon weiter verbreitet. Die größte Organisation ist der Bujinkan von  Masaaki Hatsumi. Wie es mit der Verbreitung von Ninjutsu in anderen Ländern aussieht, kann ich nicht sagen, und um ehrlich zu sein, hat mich das auch nie sonderlich interessiert.

•    Newsletter: War Sensei Lind von Anfang an damit einverstanden, dass Sie noch andere Lehrer außer ihm hatten und zwei Kampfkünste gleichzeitig lernen wollten? Und was sagten Ihre Ninjutsu Lehrer zu Ihrem Karate-Training?
Peter Schömbs: Sensei Lind stand zwar meinem Ninjutsu-Training anfangs eher skeptisch gegenüber, hat sich mir aber nie in den Weg gestellt. Ganz im Gegenteil, er versuchte mich zu unterstützen und zu helfen, wo er nur konnte. Er gab mir z.B. viele Tipps und Anleitungen beim Rollen, welches er früher während seines Judo-Trainings erlernt hatte. Und andersherum hat auch das Budokan Ninjutsu das Shotokan Kempo Karate (SKK) nicht unwesentlich beeinflusst (Intensivierung der Hebeltechniken u.a.). Meine Ninjutsu-Lehrer wussten (zumindest anfangs) nichts von meinem Karate-Training, und ich denke, dass es sie auch nie wirklich interessiert hat. Leider blieb mir die Erfahrung jedoch nicht erspart, auf Lehrgängen die ein oder andere abfällige, um nicht zu sagen dumme Bemerkung von zum Teil sogar höheren Dan-Trägern bezüglich meines Karate-Trainings zu hören, wie z.B. dass Karate im Gegensatz zu Ninjutsu uneffektiv sei etc.

•    Newsletter: Sensei Ursel Arnold hat uns in einem Interview von den Anfangszeiten des Budokan erzählt,(der umgebauten Schwimmhalle als Dojo und dem harten und strengen Training bei Sensei Lind.) Damals gehörten Sie zu den hochgraduiertesten Schülern und bildeten die Spitze einer sich im Aufbau befindenden „Budo- Pyramide“. Denken Sie, dass es die heutigen Anfänger in gewisser Hinsicht einfacher haben, weil Sie in eine intakte Budo- Gemeinschaft hineinkommen?War das Training selbst, damals härter als heute, und wo lagen genau die Unterschiede in der Ausbildung der Schüler?
Peter Schömbs: Die Art des Unterrichtens war damals in der Tat eine völlig andere als heute. Damals gab es noch nicht so eine große Gruppe von Danträgern in der Schule, genauer gesagt gab es nur Sensei Lind, der durch die anstrengende (sowohl körperlich als auch geistige) Art seines Trainings, Schüler heranziehen wollte, auf die in jeder Hinsicht Verlass ist. Sensei Lind war zwar oft sehr streng mit uns, hat uns aber zu jeder Zeit immer unseren eigenen Weg gehen lassen. Fehler zu machen, war durchaus erlaubt, und sie wurden auch immer verziehen. Er hat uns auf unserem Weg niemals Entscheidungen vorweg genommen, sondern machte uns hinterher sichtbar, welche Möglichkeiten es in unserem Handeln noch gegeben hätte, mit denen wir die Situation besser gelöst hätten. Jedoch letztendlich mussten wir immer mit dem Konsequenzen unseres Verhaltens leben.Die heutigen Anfänger haben es meiner Ansicht nach in vieler Hinsicht einfacher, obwohl man sagen muss, dass ein innerer Weg niemals leicht ist. Der Lehrer kann seinem Schüler immer nur die Tür (auf seine persönliche Weise) öffnen, hindurchgehen muss er jedoch alleine. In den Kampfkünsten wird je weiter jemand fortschreitet zunehmend mehr Eigeninitiative erwartet. Ohne diese kann er nicht wachsen und später selbst Lehrer werden.

•    Newsletter: Inzwischen sind Sie seit vielen Jahren eigenständiger Kampfkunstlehrer und haben ein eigenes Ninjutsu System gegründet. Was sind genau die Unterschiede zwischen Karate und Ninjutsu? Und was zeichnet Ihr eigenes System aus? Worin liegen die Unterschiede zu anderen  Ninjutsu Systemen?
Peter Schömbs: Eine exakte Definition von Ninjutsu gibt es nicht, jedoch kann man als grundlegende Schwerpunkte dieser Kampfkunst das Taijutsu (japanisches Bewegungssystem) und die vermehrten Roll- und Hebeltechniken nennen. Außerdem gibt es statt den im Karate häufig verwendeten Blocktechniken mehr Ausweichbewegungen, was die Kampfkunst sehr weich und geschmeidig wirken lässt.
In meinem eigenen System habe ich zur Übung von starken Techniken mit Kime einige Karatetechniken hinzugenommen. Die Kombination von Shotokan Kenpo Karate (SKK) und Ninjutsu ist hierbei wesentlich. Im Gegensatz zum SKK werden jedoch Kamaes und die Vitalpunktlehre schon früher unterrichtet. Wie auch im Shotokan Kempo Karate beginnen wir unser Training mit einer Kombination aus Ausdauertraining, Kraft- und Dehnübungen und legen zusätzlich einen Schwerpunkt im Qigong.

•    Newsletter: Bei welchem Lehrer haben Sie den Umgang mit dem Hanbo gelernt und woher stammt das Hanbojutsu- System im Budokan? Haben Sie es selbst gegründet?
Peter Schömbs: Ich habe mein Hanbotraining vor vielen Jahren bei Sifu Monika Lind begonnen. Später habe ich immer wieder Lehrgänge besucht, wobei mich z.B. Wolfgang Ettig sehr beeinflusst hat und mir einige Denkanstöße gegeben hat, die mir für meine weitere Übung sehr hilfreich waren. Daneben habe ich sehr viel Eigenstudium betrieben, in dem ich die unterschiedlichsten Quellen erforscht und vor allem immer wieder in der Praxis ausgetestet habe. So hat sich über die Jahre hinweg mein eigener Stil entwickelt, und die damalige Anlehnung an andere Stile ist heute kaum noch zu erkennen. Ein Stil in den Kampfkünsten befindet sich immer in Wandlung, und das ist auch gut so, denn mit der Veränderung und Weiterentwicklung des Menschen, der seine Kampfkunst ausführt, entwickelt und verfeinert sich auch sein Stil. Es gibt bei dieser Entwicklung keinen Stillstand.

•    Newsletter: Stehen Sie heute noch in Kontakt zu Ihren früheren Lehrern? Findet ein Austausch oder eine Zusammenarbeit mit anderen Ninjutsu- Lehrern derzeit statt?
Peter Schömbs: Ich habe zu meinen damaligen Lehrern keinen Kontakt mehr und habe diesen, um ehrlich zu sein, auch nicht mehr gesucht. Sensei Lind ist nach wie vor mein Lehrer, und wir haben seit nun mehr als zwanzig Jahren ein sehr gutes und enges Verhältnis zueinander. Das Geschehen in anderen Ninjutsu-Organisationen beobachte ich zwar von außen, suche jedoch keinen gezielten Kontakt. Die vielen Streitigkeiten in den Organisationen schrecken mich zunehmend mehr ab, und ich habe kein Interesse an Vereinspolitik und den damit verbundenen Unruhen. Ich liebe die Harmonie und Ruhe, und meine Zeit ist mir ehrlich gesagt einfach zu kostbar, um Sie für so einen Blödsinn zu opfern. Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich kein Mensch von Theorien und vieler Worte bin. Meine Kampfkunst ist mir wichtig, Budo zu leben und beim Training im Dojo immer das Ideal zu suchen.

•    Newsletter: Mir ist aufgefallen, dass Sie im Budokan noch nie spezielle Ninjutsu- Seminare angeboten haben und auch noch keine Publikationen Ihrerseits zum Budokan Ninjutsu erschienen sind. Möchten Sie Ihr System in Deutschland nicht verbreiten oder hat das andere Gründe?
Peter Schömbs: Das ist ganz richtig, ich habe in der Tat kein großes Interesse daran, mein System in Deutschland zu verbreiten. Zumindest möchte ich meine Schüler persönlich kennen. Wenn eine persönliche Bindung besteht, bin ich jedoch auch gerne dazu bereit Seminare in externen BSK-Schulen zu geben. Diese gab übrigens auch schon in der Vergangenheit. Unter anderem bei Thomas Adam, welcher in Berlin eine BSK-Schule leitet und einer meiner persönlichen Schüler ist.
Zum Bücher-Schreiben fehlt mir die nötige Zeit. Ich war nie ein Mann vieler Worte und große Theorien haben mir nie gelegen. Ich verbringe meine Zeit lieber im Dojo beim Training als zuhause vor dem Schreibtisch. Das war schon immer so.

Copyright © 2003 Budo Studien Kreis (BSK)


Interview mit Sensei Christian Lind

(6. dan Karate (SKK), Gründungsmitglied des BSK
von Newsletter (BSK)

Copyright Budo Studien Kreis

•    Newsletter: Sensei Lind, wann wurden Sie geboren und wo sind Sie aufgewachsen?
Christian Lind: Ich bin am 7. Oktober 1974 in Timisoara (Temeschburg) geboren, einer rumänischen Stadt nahe der ungarischen Grenze. Dort haben wir inzwischen auch schon einige Trainingslager verbracht. Meine ersten fünf Lebensjahre wohnte ich mit meiner Familie in einem kleinen Ort namens Variasch, der unweit von Timisoara liegt. Dort lebten damals viele „Rumänien-Deutsche“ – wie auch meine Familie. 1980 kam ich mit meinen Eltern und meiner Schwester nach Deutschland. Nach einigen Zwischenstationen zogen wir nach Lorsch, ca. 2 Jahre später nach Heppenheim und letztendlich nach Bensheim, wo wir dann ca. 12 Jahre lebten.

•    Newsletter: Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Karate-Training begonnen haben? Bitte erzählen Sie uns von Ihren Schülerjahren.
Christian Lind: Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, dass ich schon als kleiner Junge (3-5 Jahre) hin und wieder beeindruckt beim Karatetrainig meines Vaters Werner Lind zugesehen habe. Er hatte sich im Hof unseres Grundstückes ein kleines Dojo aufgebaut, wo er – neben seinem eigenen Training in Timisoara – Unterricht gab.
Richtig angefangen habe ich allerdings erst in Deutschland im Alter von 7 Jahren. Zu dieser Zeit hatte mein Vater sich auch hier schon ein eigenes Dojo mit Hilfe seiner Schüler eingerichtet. Es war eine kleine alte Schwimmhalle mit großen Fensterpartien und großem Garten, den wir im Sommer nutzen konnten. Leider war das Dojo noch so klein, dass weder ein Aufenthaltsraum noch sanitäre Anlagen eingebaut werden konnten. Aber es war ein eigenes Dojo.
Schon damals, als ich noch in der Kindermannschaft trainierte, lernte ich meinen besten Freund und „Weggefährten“ Marcus Neudert kennen, der schon einige Zeit vor mir mit dem Karatetraining angefangen hatte, da er ein Jahr älter war als ich. In dieser Zeit bekamen wir natürlich viel Technikunterricht, da in diesem Alter an Philosophie und richtige Weglehre natürlich nicht zu denken ist. Trotzdem verstand es unser Übungsleiter Christof damals sehr gut, uns auch einige Hintergründe des Karate kindgerecht zu vermitteln. Ich weiß noch sehr gut, wie wir alle versuchten im Sinne des Karate zu handeln, also nicht frech und ungezogen zu sein, sondern den Schwächeren zu helfen und Ältere zu achten. Das gelang uns natürlich nicht immer und vor allem nicht außerhalb des Dojo, aber es gelang uns im Laufe der Jahre immer öfter. Was aber viel wichtiger war, viele hatten intuitiv eine Ahnung davon bekommen, dass es in den Kampfkünsten noch viel mehr gibt als die bloße Technik.
Marcus und ich entwickelten eine tiefe Freundschaft und begannen wie viele Andere auch, das Dojo als ihr zweites Zuhause zu sehen. Dies war, wie ich heute weiß, der Verdienst unseres Sensei Werner Lind. Inzwischen waren wir mit dem Dojo nach Heppenheim umgezogen, wo wir größere Übungsräume, einen noch größeren Garten und sogar einen Aufenthaltsraum hatten. Neben der Schule wurde für Marcus und mich das Karatetraining ein Bestandteil unseres Lebens. Jeden Tag trafen wir uns dort und verbrachten viel Zeit vor und nach den Trainingen miteinander. Deshalb hatten wir in unserer Jugendzeit auch ein sehr hohes Trainingspensum. In der Jugendmannschaft wehte dann auch schon ein anderer Wind in Punkto Genauigkeit und Disziplin. Ich möchte hier auch nochmals unseren damaligen Lehrern der Jugendmannschaft Ursel Arnold, Gernot Tremmel und Christof Draudt danken, die unermüdlich an uns feilten.
Bald übernahmen wir die Trainingsführung für Kinder und durften trotz unserer Jugend auch bei der Erwachsenen mittrainieren, was ein großes Privileg war. Auch das Dienstagstraining für die Fortgeschrittenen – woraus später der BSK entstand – war nun für uns offen. Das Dienstagstraining war zu jener Zeit schon als zusätzliches Training für diejenigen gedacht, die mehr wollten als nur zweimal die Woche trainieren und dies auch über mehrere Jahre hinweg durch ihre Haltung bewiesen. Es war und ist immer noch keinesfalls für jeden offen. Für die, die vom Sensei die Erlaubnis hatten mitzumachen, bestand strikte Anwesenheitspflicht, auch wenn man krank war. Dann brauchte man zwar nicht mittrainieren, sollte aber anwesend sein. Damals war es sicher die härteste Trainingseinheit der Woche, die von Sensei Lind geführt wurde. Jeder Fehler in der Technik und der geistigen Haltung wurde sofort angegangen. Ich glaube, das schlimmste Training habe ich damals aber verpasst. Ich saß wegen einer Verletzung am Fuß im Aufenthaltsraum, als ich immer wieder aus dem Dojo hörte: „DU, 20 Liegestützen“. In diesem Training kam keiner der Übenden ohne 200 – 300 Strafliegestützen heraus. Jedes falsche Augenzwinkern wurde vom Sensei als Fehler beanstandet. Auch wenn das heute in unserer Schule aus verschiedenen Gründen anders gehandhabt wird, so war dieses und andere Traininge damals sehr lehrreich für alle Beteiligten.

•    Newsletter: Ich kann mir vorstellen, dass es während Ihrer Ausbildung für Sie nicht immer einfach war, dass Sensei Werner Lind, sowohl Ihr Vater als auch Karatelehrer war. Wie empfanden Sie das, und wie gingen Ihre Mitübenden damit um?
Christian Lind: Es war weder einfacher noch schwerer für mich. Es war eigentlich immer so, dass er in der Karateschule mein Lehrer war und Zuhause mein Vater – was sich im Laufe der Zeit vermischte. Aber als guter Lehrer versteht es mein Vater auch für andere Schüler sehr gut, nicht nur zu lehren, sondern auch ein guter Freund für seine Schüler zu sein. Das ist die Voraussetzung für eine gute Lehrer- Schüler- Beziehung, ganz gleich ob der Sensei dein Vater ist oder nicht.
Natürlich gab es immer wieder mal Probleme, die man von Zuhause mit ins Training nahm und umgekehrt. So gab es schon mal Momente, in denen ich dachte: „Er verbessert mich jetzt nur so oft, weil ich zu Hause diesen oder jenen Fehler gemacht habe.“ Das war eigentlich gar nicht der Fall, aber als Jugendlicher habe ich das manchmal so interpretiert. Ich glaube auch nicht, dass ich im Budo eine andere Behandlung bekam als Andere. In dieser Beziehung waren alle Schüler gleich. Manchmal hatte ich vielleicht Vorteile, manchmal Nachteile, aber die haben sich meiner Ansicht nach immer wieder aufgehoben. Als Sensei der Schule hatte mein Vater auch gar keine andere Wahl, als mich so zu behandeln wie jeden Anderen auch. Für Ihn war die Situation wahrscheinlich schwieriger als für mich. Das einzige, was ich wirklich als Vorteil herausheben kann, ist, dass ich von meinen Eltern nie verboten bekam, den Karate-Unterricht zu besuchen, was für viele Kinder und Jugendliche nicht selbstverständlich ist.

•    Newsletter: Sie beschäftigen sich seit nun mehr als zwanzig Jahren mit den Kampfkünsten, sind heute Karatelehrer im BSK. Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Budo-Schüler aus, und woran kann es Ihrer Meinung nach liegen, dass nur die wenigsten Schüler in die Reihen der Schwarzgurte vorrücken?
Christian Lind: Dafür gibt es leider keine allgemein gültige Antwort. Bei uns im Budokan ist es so, dass am Anfang der Ausbildung die Technik sehr im Vordergrund steht und später immer mehr die Geisteshaltung. Reines Technikpotential ist bei uns kein Garant für den Schwarzgurt. Reine Philosophie auch nicht. Mann kann nur jedem Schüler raten, möglichst unvoreingenommen und mit wenig Ego sein Potential in die Gemeinschaft sowohl inner- als auch außerhalb des Trainings einzubringen. Ein Schüler sollte kritikfähig bleiben, aber trotzdem nie vergessen, dass er noch eine Menge zu lernen hat, so wie jeder Danträger auch. Natürlich muss hierfür ein generelles Interesse bei jedem selbst vorhanden sein, mit sich in den Kampfküsten weiter zu kommen. Man braucht auch viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Die meisten Schüler scheitern an einer der oben genannten Hürden, die aber fast immer innere Hürden sind.

•    Newsletter: Was war in Ihrer eigenen Ausbildung die schwierigste Hürde, die Sie zu nehmen hatten?
Christian Lind: Es gab einige schwere Hürden und wird sie auch immer wieder geben, nehme ich an. Die schwierigsten Momente in meinem und in wahrscheinlich jedem Budoschüler-Dasein ergaben sich immer, wenn eine vertraute Person unseren Kreis verließ. Dies änderte sich ein wenig, als ich begriff, das ich Karate nur für mich mache und nicht für irgend eine andere Person. Viele Hürden, die es zu nehmen galt, ergaben sich auch aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es ist unheimlich schwer, sich selbst so zu sehen, wie man wirklich ist. Meistens dachte ich, ich wäre besser oder schlechter als Außenstehende dies wahrnahmen, was unweigerlich zu Problemen mit meinen Sensei führte.
Aber wie schon oben angedeutet, habe ich zum Glück hinterher immer gemerkt, dass ich mir selbst am meisten im Weg gestanden habe.

•    Newsletter: Was unterscheidet einen guten Budo-Lehrer von einem schlechten? Was sollten Lehrer bei der Ausbildung Ihrer Schüler beachten und wobei werden die häufigsten Fehler gemacht?
Christian Lind: Jeder, den dieses Thema interessiert, kann sich die „Anleitung für Übungsleiter“ durchlesen, die in unserem Dojo hängt. In ihr ist eigentlich alles geschrieben, was man als Budolehrer oder Übungsleiter beachten sollte. Um einige Punkte daraus zusammenfassend zu schildern: Ein Lehrer sollte Freund und Respektperson zugleich sein, sich aber nie auf seine höhere Graduierung berufen, sondern durch seine gute Haltung ein Vorbild für die Schüler sein. Um den Schülern Kampfkunst näher zu bringen, sollte der Lehrer darauf achten, nicht nur Technik zu unterrichten. Viel ausführlicher will ich auf dieses Thema gar nicht eingehen, da es zu weitreichend und nur für die wenigsten wirklich relevant ist. Abschließend sei gesagt: Man muss es auch erst einmal lernen, ein guter Budolehrer zu sein. Dazu muss man viele Erfahrungen im Umgang mit seinen Schülern sammeln, gut reflektieren können und darf nie aufhören, an sich selbst zu arbeiten.

•    Newsletter: Erst kürzlich erschien das BSK-Video „Kata Bunkai 9- Gankaku/ Chinto“ auf dem Markt, bei dessen Konzeption Sie maßgeblich beteiligt waren. Bitte erzählen Sie uns etwas über diese Kata. Was finden Sie an dieser Kata so faszinierend?
Christian Lind: Nun, jede Kata hat etwas ganz Besonderes, auf das man erst stößt, wenn man sie regelmäßig über viele Jahre hinweg übt. Die Gankaku bzw. Gankaku Sho (Chinto) ist seit vielen Jahren meine Tokui Kata. Sie vereint ein Kampfkonzept, das mir sehr gut gefällt, mit einer ungeheueren Ästhetik. Eines Ihrer wesentlichen Prinzipien ist es, auf einer 45 Grad Linie zum Gegner zu stehen und sich damit einen Vorteil zu verschaffen.
Generell ist es so, dass alle BSK-Videos immer in Zusammenarbeit der BSK-Lehrer entstehen. Hierbei kümmert sich neben dem Sensei – der an jeder Produktion den Dreh- und Angelpunkt darstellt – in manchen Fällen eine andere Person als er selbst um das Drehbuch, die Korrektur, die Kommunikation mit ABANICO und den Aufbau des Films. Dies aber immer in Zusammenarbeit mit anderen BSK-Lehrern und dem Sensei. Die Techniken und Kombinationen werden immer im Team von allen Lehrern erarbeitet und kritisch betrachtet, bevor sie z.B. als Anwendung in einem Film gezeigt werden. Die meisten Übungen auf den Filmen sind aber Standard-Anwendungen aus unserem System, die jeder im BSK früher oder später lernt.

•    Newsletter: Mir ist aufgefallen, dass sich die meisten Video-Veröffentlichungen anderer Meister und Organisationen mit nur einer einzigen Version einer Kata beschäftigen. Ganz anders bei den BSK-Publikationen; stilübergreifend werden sowohl alte, als auch neue Ausführungen demonstriert.
Ist es Ihrer Meinung nach wichtig, sich für das richtige Verständnis der Kata, mit vielen Varianten derselben befasst zu haben?
Christian Lind: Wichtig ist eigentlich nur, ein gutes Verständnis für Ablauf und Anwendung der Kata zu entwickeln. Dies geht vorerst immer über eine hohe Anzahl von Wiederholungen der Kata, ein sorgfältig aufgebautes, sinnvolles Kihon und die nötige Geisteshaltung beim Ablauf. Es ist somit nicht zwingend notwendig, ältere Versionen der Kata zu laufen. Dies würde ja bedeuten, dass in der neueren Kata etwas fehlt. Dem ist aber nicht so. Die Prinzipien sind genauso vorhanden wie in den alten Versionen auch.
Jedoch muss man auch sagen, dass viele Kata wie wir sie heute im Shotokan Karate und in vielen anderen Stilen ausführen, stark die körperliche Fitness und Gelenkigkeit fördern und extra für diesen Zweck modifiziert wurden. In den älteren Versionen der Kata steht immer die direkte Umsetzbarkeit in den Kampf im Mittelpunkt des Ablaufes. Deshalb finden wir in den alten Kata sicherlich viele Schlüssel für ein gutes Bunkai der heutigen sportlicheren Versionen. Auch die Geschichte der Kata kann uns helfen, ihre Wesenszüge, die im Laufe ihrer Entwicklung bis in die heutige Zeit verklärt wurden, besser zu verstehen.

•    Newsletter: Haben Sie derzeit noch weitere Projekte in Planung? Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Christian Lind: Das Schöne an den Kampfkünsten ist ja gerade, dass es nie den Zeitpunkt geben wird, an dem man nicht mehr weiß, an was man noch arbeiten kann. Was in Zukunft aber daraus wird, weiß ich auch nicht so genau…

Copyright © 2003 Budo Studien Kreis (BSK)