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Yoko-geri-Karate

„Es gibt keine Stile im Karate“ sagte Meister Funakoshi. Er war strikt gegen die aufkommende Einteilung des karate in sich abgrenzende Stile und für ein karate, dass dem Übenden den Zugang zum großen Umfang dieser Kunst ermöglichte. Er war auch gegen die sich anbahnende Entwicklung des karate zum Sport und Wettkampf und sah darin den totalen Verlust seiner Werte voraus.
Doch er hatte keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen seiner Zeit. Karate wurde in den 50er Jahren von den Japanern weltweit als Wettkampfsport verbreitet.

Hompage Karate
Alles über Karate

Was ist Karate ?

Karate ist einen Oberbegriff für die Konzepte und Methoden einer alten Selbstverteidigung auf Okinawa. Zusammenfassend verwendet man dafür den Begriff koryū uchinādi und bezeichnet damit die alten Stile (koryū), der Techniken (di) aus Okinawa (uchinā). Sie entstanden über viele Jahrhunderte unter fremden Einflüssen, vor allem aus Japan und China, erreichten aber ab dem 19. Jahrhundert eine eigene Identität. Die geschichtliche Reihenfolge der okinawanische Kampfsysteme wird folgend dargestellt:

1.    Tegumi 手組 – wörtlich „sich bewegende Hände“, noch heute ein ringähnlicher Volkssport auf Okinawa. Historisch gesehen ist tegumi eine Ableitung aus den antiken asiatischen Ringformen (shuǎi, sumō) und wurde wahrscheinlich von Minamoto Tametomo, dem 8. Sohn von Minamoto Yoritomo (1146 – 1199) von Japan nach Okinawa gebracht. Die Schriftzeichen sind die gleichen, die heute benutzt werden, um die kanji für kumite zu schreiben.
2.    Te (de / ti / di) 手 – Bezeichnung für eine alte Selbstverteidigungsmethode auf Okinawa, die sich ab dem 14. Jahrhundert aus dem tegumi zu entwickeln begann. De ist eine phonetische Verzerrung von te und bedeutet sowohl im Chinesischen, als auch im Japanischen und im Okinawanischen „Technik“, „Kunstgriff“ bzw. „Hand“, „Arm“.
3.    Tōde (todi / tōte / tōti) 唐手 – „China-Hand“, Bezeichnung für die weiter entwickelte Selbstverteidigung auf Okinawa, die durch die Kombination des okinawanischen te und des chinesischen quánfǎ ca. im 15. Jahrhundert entstand. Hauptsächliche Beeinflussungen aus Kumemura durch die „36 Familien“. Erste okinawanische Erkenntnisse über die kyūsho.
4.    Okinawate (uchinādi) 沖縄手 – „Hand / Technik aus Okinawa“, Weiterentwicklung aus dem tōde, zum okinawate, im 18. Jahrhundert. Das gesamte System begann sich früh in shōrin ryū (shurite und tomarite) und in shōrei ryū (nahate) zu teilen. Daraus entstanden später die okinawanischen Stile.
5.    Karate 空手 – „leere Hand“ (kara – leer; te – Hand), ein Begriff, der erst 1905 von Hanashiro Chōmo verwendet und später von Funakoshi Gichin in Japan verbreitet wurde.

Nachdem die okinawanischen Systeme 1921 nach Japan gelangten, entstanden unter der Aufsicht des butokukai vollkommen veränderte Auffassungen, die später unter der Bezeichnung karatedō als Sport und Wettkampf weltweit verbreitet wurden. Der Name ist richtig, die Inhalte sind falsch. Weder im Sport noch im Wettkampf findet man die komplexen Inhalte der alten okinawanischen Kampfkünste und schon gar kein (Weg) wieder.
Im Budo Studien Kreis findet diese moderne Spielweise für die Massen keinen Inhalt. Wir betrachten karate als eine Methode der Selbstperfektion, sowohl im körperlichen, wie auch psychischen Bereich (Lehrkonzepte des BSK). Karate ist für uns ein Begleiter durchs Leben, ein Objekt des Selbststudiums, ein nie endender Prozess des Werdens. In diesem Sinn entstand das shōtōkan kenpō karate (SKK).


Shōtōkan Kenpō Karate (SKK)

Definition und Inhalt

Mit shōtōkan kenpō karate (SKK) bezeichnet man das Basiskonzept des karate im Budo Studien Kreis. Die Ausbildung darin ist nicht dringend an einen einzelnen Stil gebunden, sondern ermöglicht dem Übenden den Zugang zu den klassischen Karate-Systemen, deren Komponente in den modernen Richtungen des karatedō nicht mehr enthalten sind. Shōtōkan kenpō karate ist eine modernes System der Selbstverteidigung mit klassischen Inhalten.
Auf der Grundlage des japanischen shōtōkan ryū wurden moderne Karate-Inhalte durch alte Verfahren der Okinawanischen Kampfsysteme und des chinesischen quánfǎ vervollständigt, um sowohl die ursprüngliche Sinngebung, wie auch die abhandengekommene Effizienz des karate wieder herzustellen. In der Bezeichnung bedeutet shōtōkan, dass die technischen Grundlagen auf dem gleichnamigen System beruhen, kenpō  (quánfǎ), dass ihre Inhalte in die chinesischen Systeme erweitert wurden und karate, dass sie Teil der okinawanischen Kampfkunst sind.

Shōtōkan kenpō karate (SKK) folgt Funakoshis Prinzip: „Es gibt nur ein Karate“. Durch die Breite dieses Konzepts ermöglicht das SKK die Integration vieler Karate-Stile durch die Erforschung ihrer gemeinsamen Wurzeln.
Seit 1980 erforschen, verbinden und integrieren professionelle BSK-Lehrer okinawanische, japanische, chinesische und koreanische Stile, wie auch weitere ostasiatische Systeme der Südsee zum großen Komplex des shōtōkan kenpō karate (SKK). Ohne die Identität der einzelnen Stile zu verletzen können alle karateähnlichen Systeme in der Gemeinschaft des BSK eine Heimat finden:

•    Lehrer und Meister verschiedener Stile haben im BSK die Möglichkeit, ihren eigenen Stil einzubringen und durch die BSK-Studien in der Übung zu vertiefen.
•    Anfänger und Seiteneinsteiger erhalten eine fundierte Ausbildung. Gleich welchen Stil sie üben, können sie auch als Quereinsteiger, unabhängig von ihren bisherigen Kenntnissen und Fähigkeiten ihre Übungsqualität erweitern.


Shōtōkan Kenpō Karate (SKK)

Zusammensetzung des Stilkonzepts

Das shōtōkan kenpō karate (SKK) lehrt alle notwendigen Verfahren zu einer effektiven Verteidigung. SKK ist eine effektive Methode der Selbstverteidigung und darüber hinaus eine Kunst zur Vervollkommnung des Menschen durch ein Studium mit Sinn und Inhalt.
In Folge betrachten wir die Komponente des BSK-Systems. Darin erklären sich die Teile als eine Kette von ineinander greifenden Gliedern, die erst in der richtigen Zusammensetzung zu einem Ganzheitskonzept des budō führen. Planloses Üben von Techniken führt zu keinem Resultat. Technik– (waza), Taktik– (senjutsu) und Ziel-Lehre (hyōteki) sind untrennbar miteinander verbunden und offenbaren erst unter einem erfahrenen Lehrer ihren Sinn.

1.    Waza – Techniksystem des SKK

Das System des shōtōkan kenpō karate umfasst alle technischen Möglichkeiten, die ein Mensch benötigt, um in einer Situation der Selbstverteidigung zu bestehen. Allein die atemi der japanischen Sportsysteme ermöglichen keinen ausreichenden Schutz gegen einen Angreifer. Im SKK lernt der Übende zunächst seine Arme und Beine zu gebrauchen (karahō) und zusätzlich die Verwendung alltäglicher Gebrauchsgegenstände als Waffen (bukihō) .
Um sie einsetzen zu können bedarf es im SKK genau definierter Techniken. Die Techniken (waza) sind das Handwerk und müssen im Training perfektioniert werden, um höchstmögliche Effizienz zu erreichen:

Atemi-waza•    Atemi waza – Der Begriff steht für das Treffen (ate) des gegnerischen Körpers (mi). Mit atemi waza bezeichnet man ein psycho-physisches Konzept des Schlagens (uchi), Stoßens (tsuki), Tretens (keri) und Abwehrens (uke). Die Techniken stammen aus dem lúohànquán und bildeten dort das Kerngerüst des quánfǎ.
Die Atemi-Techniken sind das Zentrum jedes Karate-Trainings. Ihre Ausführung unterliegt genauen Vorgaben (undō / hara) und erstreckt sich über lebenslange Übungen in kihon, kumite und kata. Die innere und äußere Perfektion und die höchste Wirkung ist ihr Ziel.

Nage-waza•    Nage waza – Im okinawanischen karate gibt es seit jeher Wurftechniken, die aus den chinesischen Quánfǎ-Komplexen (shuāi) und dem japanischen bujutsu (sumō) stammen. In Japan werden sie im jūdō in einem eigenen Kampfsport klassifiziert.
In den Kampfkünsten des BSK sind sie eine notwendige Komponente der Selbstverteidigung und bilden eine eigene Gruppe. Sie sind den kämpferischen Konzepten des SKK angepasst und werden in Kombination mit allen andere Techniksystemen verwendet.

Kansetzu-waza•    Kansetsu waza – Die „Techniken der Gelenkmanipulation“ bezeichnen Hebel (hishigi – strecken, drehen, zerschlagen oder garami – verwickeln, umschlingen, immobilisieren). Die beanspruchten Bänder, Sehnen, Muskeln und Knochen werden bis zur Schmerzgrenze gedehnt, ab einem bestimmten Punkt verrenkt, gerissen oder gebrochen.
Die Wissenschaft des Hebelns stammt aus dem chinesischen qínná und wird dort als cùogǔ bezeichnet. In Japan beeinflusste sie später die Systeme des jūjutsu.

Hodoki-waza•    Hodoki waza – Der Begriff hodoki bezeichnet Befreiungen aus allen möglichen Festhaltegriffen, wie aus tori (Ergreifen), katame (Festhalten) oder shime (Würgen). Ohne sie funktioniert keine Selbstverteidigung. In den Kampfkünsten des BSK sind diese Verfahren feste Bestandteile der Ausbildung und werden aus den ōyō der karate kata abgeleitet.
Sie werden zusammen mit Vitalpunktstimulationen (kyūshojutsu) in den kumi kata gelehrt. Die Befreiungen können im Stand (tachi) und in der Bodenlage (ne) ausgeführt werden.

Katame-waza•    Katame waza – Mit katame (-gatame) bezeichnet man das Kontrollieren und Festlegen eines Angreifers durch Immobilisationen. Diese bestehen entweder aus Gelenkhebel (kansetsu gatame), aus Würgen (shime gatame) oder aus bloßem Festhalten (osae komi gatame). Sie können im Stand (tachi) oder am Boden (ne) ausgeführt werden.
Die meisten stammen aus dem waffenlosen bujutsu und wurden in der Selbstverteidigung der heutigen Zeit weiter entwickelt. Man findet sie in allen Stilen des jūjutsu, aber auch in den ōyō (Anwendungen) der klassischen kata.

Tuite-waza•    Tuite waza – Der Begriff tuite (jap.: torite) bezeichnet die „ergreifende Hand“, mit der man Körperteile des Angreifers greift, auf sensible Punkte (kyūsho) seines Muskel- und Nervensystems drückt oder durch verschiedene Hebelverfahren die gegnerischen Gelenke manipuliert. Diese Verfahren stammen aus dem  chinesischen qínná und werden im shōtōkan kenpō karate unter drei Aspekten gelehrt:

1. Greifen und Trennen von Muskelgruppen (kinnuki tuite)
2. Greifen und Abschnüren der Luft (kokyūbu tuite)
3. Greifen und Drücken auf Vitalpunkte (kyūsho tuite)

Weiterführende Informationen in „Karate Kumite
Copyright by Werner Lind

2.    Senjutsu – Taktiksystem des SKK

Ohne Taktiksystem (senjutsu) sind die Techniken (waza) der vorher beschriebenen Gruppen nicht anwendbar. Die Technik ist das Werkzeug, die Taktik ist der Umgang damit und lehrt das Verhalten in der Situation. Zusammen mit der Lehre des Treffens (hyōteki) bilden die Systeme waza und senjutsu die drei wichtigsten Grundlagen eines gut definierten Stilkonzepts.
In den Sportsystemen wird diese Betrachtung nicht gebraucht. In den Systemen der Selbstverteidigung jedoch besteht das größte Problem in der Beherrschung der drei grundlegenden Distanzen (tōma – lange Distanz; chūkanma – mittlere Distanz und chikama – nahe Distanz). Wohlwissend, das die meisten Kämpfe in der Nahdistanz entschieden werden, wurde diesem Aspekt bereits im shǎolínquán höchste Aufmerksamkeit gewidmet.
Im shōtōkan kenpō karate werden dafür die Prinzipien sagurite, yomi und kakie verwendet. Als Vorbedingung dafür beschreiben wir unten zuerst drei wichtige Aspekte. Ausführliche Erläuterungen darüber finden sich im Buch Karate Kumite von Werner Lind.

Kamae•    Kamae (Deckungshaltungen) – Die Deckungen bilden die Grundlagen, auf denen das gesamte Taktiksystem der Kampfkünste entwickelt wird. Ihre Standards bezeichnen statische Momente von Anfangs- oder Endformen (Deckungshaltungen) eines eigentlich ewig bewegten Deckungsverhaltens. Sie werden zum Verständnis des Intellekts als feststehende Formen klassifiziert und benennen ihre Formen mit Namen und Zweck. Es gibt Deckungen der langen Distanz (tōma gamae), der mittleren Distanz (chūkanma gamae) und der nahen Distanz (chikama gamae). Doch sie alle sind lediglich Teil einer ewig kontinuierlichen Bewegung (sabaki), ohne die keine Selbstverteidigung möglich ist.

Sabaki•    Sabaki (Bewegung) – Mit sabaki (etwa „Bewegung in Zeit und Raum“) bezeichnet man die Bewegungslehre im Budō. Darin enthalten ist sowohl die schwerkraftüberwindende Bewegung des Rumpfes (tai sabaki), wie auch die arbeitsverrichtende Bewegung der Extremitäten (shishi undō). Führt man beide unter den Gesetzmäßigkeiten von hara zusammen, entsteht die Ganzkörperbewegung (shitai undō). Das Konzept gehört zu einer Meisterlehre (oshi) und kann nur in einer Lehrer-Schüler Beziehung (shitei) zu einem sensei verstanden werden.

•    Maai (Distanz) – Der Begriff maai, bezeichnet den harmonischen Zeit- und Raumabstand: ma Maai(Pause, Distanz) und ai (Liebe, Harmonie), den Zeitraum zwischen zwei Dingen, zwei Bewegungen, zwei Räumen oder zwei Situationen und gleichzeitig das Prinzip der Anpassung an die Situation. Übertragen auf die Übung des budō bezeichnet maai das Verhalten zweier Gegner, in dem die Gesamtheit ihrer Absichten und Bewegungen mit Rücksichtnahme auf alle zeitlichen und räumlichen Situationen berücksichtigt werden. Maai ist die perfekte Beherrschung der räumlichen und zeitlichen Situation durch Anpassung.

Weiterführende Informationen in „Karate Kumite
Copyright by Werner Lind

 3.    Hyōteki – Ziel- und Vitalpunktlehre im SKK

Nachdem ein Übender des Techniksystem und das Taktiksystem beherrscht, muss er lernen, den Körper des Gegners zu treffen. Im shōtōkan kenpō karate sind diese drei Systeme untrennbar miteinander verbunden, denn erst durch ihr Zusammenwirken entsteht ein effizientes System der Selbstverteidigung.Hyoteki

•    Hyōteki – Der Begriff bezeichnet ein „Ziel“ am gegnerischen Körper. Man lernt, die Techniken auf anvisierte Ziele zu richten und diese mit maximaler Schlagkraft zu treffen. Im SKK bezeichnet man diese Methode als mechanische Schockwirkung, da ihre Kraftübertragung (kime) von der Ausbildung der Schlagkraft an einem makiwara (Schlagpfosten), abhängt.
Die Übung dieser komplexen Methode wurde aus dem tōde überliefert, sollte aber heute von einem sensei gelehrt und begleitet werden.

Kyusho•    Kyūsho – Die kyūsho sind sogenannte „schnelle Stellen“ und bezeichnen verwundbare Angriffsziele des gegnerischen Körpers. Sie unterscheiden sich in den klassischen den (Weitergabe der Stile) und hängen weitgehend von individuellen Technik- und Taktikanwendungen ab. Sie richten sich sowohl auf verletzliche Nervenpunkte als auch auf Vitalpunkte (tsubo).
Im shōtōkan kenpō karate wird ein zusammenhängendes Kyūsho-System gelehrt, dass allerdings an Kenntnisse der japanischen und chinesischen Medizin gebunden ist und nur an fortgeschrittene Mitglieder vermittelt wird.

 

Weiterführende Informationen in „Karate Kumite
Copyright by Werner Lind


Shōtōkan Kenpō Karate (SKK)

Übungssäulen des Karate

Die oft zitierten drei Säulen des karate (kihon, kumite und kata) stehen im Konzept des shōtōkan kenpō karate nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern sind eine Folge des japanischen Prinzips bunkai. Das Zentrum des SKK ist das Studium der Karate-Kata, deren spezielle Entschlüsselung (kata bunkai) zur Entstehung des kihon und kumite führt.

1.    Kata 型 und Katachi 形 – Am Anfang und am Ende steht die Form. Die anfängliche Form (kata) ist ein Abdruck, eine leere Hülle. Durch langjährige Studien des kata bunkai füllt sie sich mit Wissen und Erfahrung und wird für den Übenden zur komplexen Form (katachi). Für die nächste Generation ist sie erneut nur eine Spur (kata), deren Entwicklungsprozesse sich in der Übung wiederholen.
2.    Kihon 基本 – Zum besseren Verständnis können die Techniken der kata isoliert geübt werden, wodurch kihon (Grundschule) entsteht.
3.    Kumite 組手 und Ōyō 応用 – Kumite ist ein moderner Begriff für die sportlichen Partnerübungen im karate, der erst in Japan entstand und hauptsächlich die Methoden der atemi bezeichnet. Inzwischen ist er allgemein als „Partnerübung“ akzeptiert. Die kämpferischen Anwendungen aus den kata bezeichnet man als ōyō (Anwendung der Kata-Verfahren).

Das Grundprinzip des SKK

Daher sind kihon und kumite keine eigenständigen Systeme, sondern Ableitungen aus dem Konzept der kata. Sie sind Ausdruck und Resultat des kata bunkai, in dem anfänglich eine Kata-Grundform verwendet wird, die der Übende genau ausführen und immer wieder wiederholen muss.
Diese Form (kata 型) ist am Anfang leer. Im Bemühen, ihre Inhalte zu verstehen, isoliert der Übende einzelne Techniken aus dem Ganzen und übt sie als Grundschule (kihon) und als Partnerübung (kumite). Nachdem er dadurch den Zugang zur komplexen Form (kata 形) erhält, gewinnt er Einblicke in die vielfältigen Inhalte der Kampfkunst.
Solange aber kein übergeordnetes Verständnis erreicht wird, muss er die Grundform korrekt üben (kata wa tadashiku). Gewöhnlich ist dafür eine Zeit von drei Jahren angesetzt (hito kata san nen).

KataBunkai: Der Kreislauf zwischen Kata, Kihon und Kumite: 1. Bun – Zerlegung der Grundform (genkyo) in ihre Einzelteile; 2. Kai – Zurückführung in das komplexe System durch das Verständnis des kihon; 3. Kai – Zurückführung in das komplexe System durch das Verständnis des kumite.

Kata-BilderTechniken aus den Kata: Heian shodan, Tekki sandan; Tekki shodan, Hangetsu (Zeichnungen Harald Böhm, BSK)

1.    Kata – Die Lehre der Formen im SKK (Kata (Form)

Das Prinzip der kata wurde um die Zeitenwende in China als psycho-physische Bewegungsübung zur Ausbildung der inneren Energie () gegründet. Damals ahmte man Tierbewegungen (wǔqínxì) nach, um Gesundheit und Vitalität zu entwickeln. Nachdem sich im Shǎolín-Kloster die Notwendigkeit der Selbstverteidigung ergab, veränderten sich diese Bewegungen in Kampftechniken und begründeten die „Faust der fünf Tiere“ (wǔqínquán). Es entstanden Bewegungskomplexe, in deren Formabläufen sowohl Energiestudien als auch Kampfverfahren verschlüsselt wurden.
Diese Formabläufe bezeichnet man heute als kata und interpretiert sie mit zwei unterschiedlichen Schriftzeichen, die jeweils unterschiedliche Inhalte haben:

 

Katachi-kanji•    Kata – Das Schriftzeichen für kata (型) bezeichnet eine „äußere Hülle“, die standardisierte Techniken in einem Formablauf (genkyo) enthält. Doch zunächst ist diese Form nichts weiter als der „Abdruck“ einer ursprünglichen Idee, deren Sinn nicht offensichtlich ist (omote). Der Uneingeweihte kann die Form üben, der geheime Inhalt und Sinn (hiden) aber bleibt ihm verborgen.
In der rechten Bemühung kann der Übende die Form entschlüsseln (bunkai) und mit der Hilfe eines sensei ihre hintergründige Lehre (okuden) und somit ihre „Geheimnisse“ (gokuhi) verstehen. Wählt er dazu den richtigen Weg, kann er vielleicht die Stufe katachi erreichen.

Kata-kanji•    Katachi – Das Schriftzeichen (形) kann als kata oder als katachi gelesen werden und bezeichnet die „vollendete Kata“. Ihr Erscheinungsbild ist immer noch eine Form. Doch zwischen kata (型) und kata (形) liegen umfangreiche und langjährige Studien (bunkai), wodurch die Prinzipien des kihon und die Verfahren des ōyō entschlüsselt werden können. Bringt der Übende die daraus gewonnenen Erfahrungen in die Form ein, reift seine kata und seine Persönlichkeit. Beide verbinden sich miteinander und dienen dem Menschen als Ausdruck seiner inneren Kreativität und Kunstfähigkeit. Der Mensch selbst wird zur kata, ihre Perfektion und Schönheit (bi) wird in seinem Persönlichkeitsbild sichtbar.

Die beiden Systeme sind vergleichbar mit einem Bildhauer, der seinen Felsblock studiert, um daraus ein Kunstwerk zu schaffen. Das ungeformte Gestein ist die kata (型). Was er daraus macht ist katachi (形).
Es gibt weltweit kein vergleichbares Bewegungssystem. Für den Anfänger bezeichnet die kata zunächst eine festgelegte Reihe von Techniken und setzt sich aus Bewegungen zusammen, die zur Abwehr gegnerischer Angriffe und zum Kontern verwendet werden. Doch sie enthält in vielfältiger Hinsicht ein verschlüsseltes Geheimnis (gokuhi), das sie als überlieferte Botschaft (hiden) jenem preisgibt, der sich ernsthaft um ihre Entschlüsselung bemüht. Ihre offensichtliche Seite (omote) steht jedem Übenden als Formablauf zur Verfügung. Die hintergründige Seite (okuden) muss er durch vertiefte Studien unter einem sensei erfahren.Um ein solches Kata-Studium zu ermöglichen, werden im SKK nach Möglichkeit zusammenhängende Kata-Gruppen studiert, durch deren unterschiedlich überlieferte Formabläufe (genkyo) ein Zeitfenster in ihrer Geschichte entsteht.
Am Anfang jeder kata stand ein kämpferisches Konzept, mit dem der Gründer seine Feinde besiegen konnte. Die darin enthaltenen Verfahren verschlüsselte er aber zunächst in einem technischen Ablauf (genkyo), den seine Schüler als Form üben mussten, bis sie die körperlichen und geistigen Voraussetzungen zur Kampfkunst erfüllten. Die kämpferische Auflösung der Form kannte nur der Meister und zeigte sie lediglich seinen besten Schülern. Doch der Meister konnte sich auch irren, die kata aber nicht. War seine Methode nicht kampftauglich, überlebte der Gründer sie nicht. Die Zeit wirkte wie ein Sieb und überlieferte nur erfolgreiche Verfahren.
Heute steht uns der Abdruck jener Verfahren als Form zur Verfügung, die viele Jahrhunderte überlebt haben. In einem umgekehrten Prozess können wir mit kata bunkai ihre verborgenen Inhalte studieren, sie als Spur wahrnehmen und zu ihrem kämpferischen Ursprung zurückkehren.

Kata-Kihon_kumite_Diagramm

BSK-System – Entstehung des Kihon und Kumite aus der Kata

2.    Kihon – Die Grundschule im SKK

Betrachtet man die Geschichte der kata, stellt man fest, dass sie seit jeher mit zwei wichtigen Prinzipien verbunden ist. Sie entstand in der Frühzeit als energetische Übung (kihon waza), veränderte sich jedoch später in kämpferischen Verfahren (jiyū waza). Auch heute kann man beide Verfahren in ihrer Grundschule (kihon) wiederfinden.

•    Kihon waza 基本技 – Der Begriff kihon waza zerlegt den Ablauf einer kata in einzelne Techniken und ermöglicht das Einzelstudium derselben unter dem Gesichtspunkt des qìgōng (Selbsterkenntnis, Persönlichkeitsbildung, Gesundheitstraining, Energielenkung, u. a.). Die Ausführung dieser Technik erfolgt wie in der kata und beabsichtigt das Verständnis der Form als „innere Methode“, um sie auf einem Weg ()  zu studieren. Die Übung ist „Mittel zum Zweck“, sie hat keine direkt kämpferische Absicht und dient der Herausforderung an eigene innere Unebenheiten, dem Studium zur Selbstwerdung, der Reife und Entwicklung zur der eigenen Persönlichkeit. Hier übt man die Techniken mit einem Blick nach innen, ergründet sich dabei selbst und schafft optimale körperliche und geistige Voraussetzungen für die spätere Fähigkeit zum Kämpfen. Die Grundlage dafür ist im SKK die taikyoku nidan, auf deren Basis das kihon ippon kumite  geübt wird.

•    Jiyū waza 自由技 – Der Begriff jiyū waza bezeichnet die Veränderung (henka) der Grundschultechniken (kihon waza) in Kampftechniken, in ein von Grundschulstandards befreites Verhalten in Zeit und Raum. Im Gegensatz zu kihon waza wird jiyū waza aus freier Deckung (kamae), freier Distanz (maai) und freier Bewegung (sabaki) ausgeführt. Nach der Ausführung der Technik zieht sich der Übende mit einer frei gewählten Bewegung in einen Sicherheitsabstand zurück. Im BSK ist die taikyoku sandan die Grundlagenübung zur Entwicklung von kämpferischen Techniken, die zuerst als jiyū ippon kumite mit einem Partner geübt werden.

Weiterführende Informationen in „Karate Kihon
Copyright by Werner Lind

3.    Kumite – Die Kampfübungen im SKK

Der Begriff kumite bezeichnet in der modernen Auffassung die kämpferischen Partnerübungen im karate. Zu beachten ist jedoch, dass sich karate im letzten Jahrhundert zu einem Wettkampfsport entwickelt hat, der sich von der grundlegenden Idee der Kampfkunst weitgehend entfernt. Das sportliche System verwendet lediglich Techniken der atemi, um ein funktionsfähiges Wettkampfkonzept zu ermöglichen.
Hauptsächlich versteht man diese Techniken heute unter dem Begriff kumite. Die Verfahren der alten kata sind für den Sportbereich nicht relevant und den modernen Karate-Trainern auch völlig unbekannt. Dadurch geriet das eigentliche Kampfprinzip der kata (ōyō) zunehmend mehr in Vergessenheit und etablierte von der kata losgelöste Partnerübungen, durch die das Wettkampfsystem entwickelt werden konnte.

Kumite-Kanji•    Kumite – Heute versteht man unter kumite die Partnerübungen der Wettkampfstile. Sie beinhalten die dafür notwendigen Techniken der atemi (Treffen des Körpers) und einige wenige Wurftechniken (nage).
Die atemi waren bereits in den alten Konzepten (lúohànquán) die wichtigste Grundlage jeder shǎolínischen Kampfkunstauffassung und sind es auch noch heute. Doch zur Kampfkunst werden sie nur, wenn sie konform zu den ōyō der kata entwickelt werden. Das ausschließliche Training der atemi nach den Prinzipien des Wettkampfes führt den Übenden unweigerlich zum Kampfsport. Die darin praktizierten Methoden des kumite trennen die kata vom Sinn ihres Studiums und bewirken das Nichtverständnis ihrer Zusammenhänge.
Diese Unterscheidung trennt budō vom Sport. Im SKK werden die Systeme des kumite aus den ōyō abgeleitet.

Oyo-Kanji•    Ōyō – Zwischen dem 6. und 16. Jahrhundert veränderten sich die shǎolínischen Formen, indem sie zu dem alt bestehenden Qìgōng-Prinzip zunehmend mehr kämpferische Verfahren entwickelte. Im Shǎolín-Kloster dominierten in dieser Zeit die fünf kämpferischen Tierkonzepte (wǔqínquán). Später jedoch entwickelten sich auf dieser Basis unzählige Methoden.
In zunehmend unruhigen Zeiten begannen die Meister militärische Kampfverfahren in den Bewegungsabläufen der kata zu verstecken. Zusätzlich zum qìgōng der alten shǎolínischen Formen entstand das verschlüsselte Rebus der kämpferischen kata, deren Auflösung nur der Meister kannte.
Im Zentrum dieser Überlegung standen Techniken und Taktiken, die sich im realistischen Kampf bewähren mussten. Glaubte ein Kampfkunstmeister eine Methode gefunden zu haben, durch die er seine Feinde besiegen konnte, hielt er sie zunächst geheim. Um seine Idee festzuhalten und an seine Schüler weiterzugeben, verschlüsselte er sie in einem Bewegungsmuster, das den unbedarften Betrachter auch heute noch vor ein Rätsel stellt. Was wir heute herkömmlich als kata bezeichnen, ist nichts weiter als eine Spur, die uns nach langjährigen Studien und Bemühungen zu ihrer wahren Bedeutung zurückführen kann.

Oyo-diagramm

Ippon kumite und Hōmen kumite im Ōyō-System des Karate

Weiterführende Informationen in „Karate Kumite
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