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Goshin Kumite I – V

10.02.2017 – 12.02.2017

Die asiatischen Kampfkünste nutzen auf vielfältigste Weise Symbole. Vielleicht hat es mit den Schriftzeichen zu tun, die nie nur mit einem Wort übersetzt werden können. Meistens ist eine ganze Geschichte nötig, um das Konzept hinter dem Wort zu erklären. Meine Kampfkunstübung hat ein ganz eigenes, sonst wohl kaum beachtetes Symbol. Es ist blau, steht an der A5 kurz nach der Auffahrt Bensheim in Richtung Süden und trägt die Aufschrift: Basel 269 km.
Immer wenn ich es sehe, setzt ein Prozess ein, den ich vielleicht mit dem Wort „Veränderung“ beschreiben kann. Auch wenn sich nicht eine konkrete Veränderung unmittelbar einstellt, so ist doch etwas geschehen. Ich war gerade zwei Tage im Budokan. Ich habe unter der Anleitung von unglaublich erfahrenen und fähigen Lehrern üben dürfen, sowohl im Trainingsraum, wie auch außerhalb. Ich habe mit vielen anderen Budoka gemeinsam geübt, gesprochen, gelacht. Und dies hat etwas verändert. Ich habe jetzt 269 km Zeit mir Gedanken zu machen: Was muss ich ändern an meiner Übung, oder worin wurde ich bestärkt. Was möchte ich mit unserer Budogemeinschaft erreichen. Und wenn Budo ein Lebensweg ist, wo stehe ich in meiner Familie, meinem Beruf oder in anderen Lebensbereichen.

Als ich vergangenen Sonntag die 269 km in Richtung Süden fuhr, konnte ich mich mit meinen Begleitern vor allem über das Vergangene „Goshin Seminar“ austauschen. Die Tatsache, dass unser Sensei Christian Lind unter Mithilfe von Henrique Sempao fast die kompletten Goshin Formen 1 bis 5 in den zwei Tagen durchgenommen hat, steckt uns mächtig in den Knochen. Und die Schädel rauchen noch immer. Aber es herrscht eine zufriedene und motivierte Stimmung.
Goshin wird gemeinhin mit Selbstverteidigung übersetzt. Sensei Lind betont zu Beginn des Seminars, dass im Shotokan kenpo karate hiermit das erweiterte Handwerkszeug für realistische Situationen zusammengefasst wird. Dazu zählt das Verhalten, wenn der eigene Körper manipuliert wird (gestoßen, gezogen, gefasst) oder mögliche Gegenreaktionen neben den gängigen Schlägen und Tritten (also Hebel, Würfe, Immobilisationen). Die Goshin Formen dienen nicht als Plattform, den Stress einer Selbstverteidigungssituation nachzubilden. Sie sollen es uns ermöglichen, die Mechanik des menschlichen Körpers zu erfahren, verknüpft mit taktischen Anweisungen, die uns Sicherheit bringen sollen (wie positioniere ich mich zum Angreifer, wohin bewege ich mich bei einem Hebel).

Zum Wesen dieser Übung mahnt Sensei Lind: es gibt immer einen da draußen, der stärker ist als wir! Wir sollen also nicht zufrieden sein mit dem Ergebnis (Hurra, ich hab mich befreit) sondern eine höhere Qualität in den Bewegungen anstreben. Der vermeintlich Schwächere bekommt dann seine Chance, wenn er sich im Richtigen Moment mit höchster Effizienz bewegen kann. OK, dass ist jetzt sehr abstrakt. Aber was solls, die Bedeutung ist klar: Wir werden üben, aufmerksam, konzentriert, ausdauernd.
So jedenfalls der Plan in unserem Auto. Ein jeder sinniert darüber, wie er ihn umsetzen will. Was er an seinem Training ändern will, wie Fortschritt erreicht werden kann, wie er mit dem absolvieren einer Prüfung bestätigt werden kann. Ich habe meinen Mitfahrern nichts von dem Schild, dem Symbol auf meinem Weg gesagt, aber wer weiß, vielleicht wird es ja auch auf ihrem Weg eine Bedeutung bekommen.

Erik Warken
(Kampfkunstzentrum Weil am Rhein e.V.)

 

Der Hebel sitzt nicht richtig. Beim Wurf falle ich mit um. Die Handbefreiung funktioniert nur, weil der Partner mitmacht. Beim Üben der Goshins kommen immer wieder Probleme auf, für deren Lösung es bei diesem Seminar die Hilfestellung gab.Die Goshins aus dem Prüfungsprogramm sind, wie Sensei Christian Lind erklärte, wenn man sie genau betrachtet nicht unbedingt alltagstaugliche Selbstverteidigungsmethoden. Sie sind vielmehr als Zwischenschritt zu sehen zwischen dem Lernen des Ablaufs der Heian Katas und dem Anwenden der Techniken aus der Kata im freien Kampf. Auf Dauer sollen die Goshins jeden Karateka befähigen, erste eigene Anwendungen der Kata herauszuarbeiten und vor allem die Techniken an beliebige Situationen anzupassen.

An den beiden Seminartagen wurden fast alle Formen der Goshins angeschaut, erklärt, geübt und eingeschliffen. Jeder Körper ist anders und jeder Kopf hat ein anderes Verständnis von den Ausführungen. So wurde mir beispielsweise klar, dass es nicht nur der Ablauf der Technik ist, den es zu verstehen gilt, sondern dass die Wirkung der Technik durchschaut werden muss. Wenn zum Beispiel mein Ellenbogen als Drehpunkt für eine Technik wirken soll so muss ich in bestimmten Situationen meinen Körper leicht absenken, um die Beugung des Ellenbogens zu ermöglichen. Würde ich nur Hand oder Arm bewegen käme Kraft gegen Kraft ins Spiel und genau das gilt es zu vermeiden. Das Wissen, was hinter der Technik steckt erleichtert auf einmal den Ablauf!Weitere wichtige Punkte sind beispielsweise die eigene Position zum Gegenüber und der Abstand, den man wählt. Dementsprechend kann man die Streckung oder Beugung des Armes beeinflussen oder auch das Gleichgewicht des Partners brechen. Wenn man sich den gosha dori anschaut ist eine Position direkt neben dem Partner wichtig, genauso wie der gebeugte Arm. Im Gegensatz dazu positioniert man sich beim kata gatame frontal und der Arm muss gestreckt sein. 

Die Antwort zur Frage, warum das so sein muss, ergibt sich wieder aus der Wirkung, die man erzielen will.Den Fluss in der Technik zu finden war eine weitere Herausforderung. Aus mehreren Gründen ist eine fließende Bewegung von Vorteil. Zum einen für das Überraschungsmoment: wenn der Körper des Gegners kaum manipuliert wird, weil nicht versucht wird, abrupt oder mit Kraft den Arm aus einer Umklammerung zu reißen, so wird es dem Gegenüber oft erst zu spät klar, dass überhaupt etwas geschehen ist. Man verhindert so, dass sich der andere sperrt, die Gelenke dicht macht und die Technik blockiert. Zum anderen ist eine „schleichende“ Technik gut weil oft tatsächlich gar keine Kraft von Nöten ist. Die Anatomie macht es möglich, viele Gelenke als Hebel und Drehpunkte zu verwenden, so dass eine korrekt ausgeführte, fließende Bewegung ohne großen Kraftaufwand trotzdem eine enorme Wirkung erzielt.Besonders achten sollte man auch auf überflüssige Ausholbewegungen. Ein Ausholen nach oben bevor man sich absenkt (wie beispielsweise beim gedan barai) ist mehr als unnötig, da man sogar an Kraft verliert, sobald sich der Arm hebt und vom Körper entfernt. Ein weiterer Nachteil solcher Bewegungen ist, dass man dadurch eine Absicht signalisiert und das unter Umständen dazu führt, dass härter gegriffen oder sogar blockiert wird.Dies sind nur ein paar der Dinge, die ich für mich aus dem Seminar mitnehme und die mich noch tagelang begleiten werden. Es war ein schönes erstes Seminar dieses Jahr und ich freue mich auf die, die noch folgen!

Mein Dank geht an Sensei Christian Lind und an Henrique Sempao für all die schlüssigen Erläuterungen und vielen Demonstrationen. Steter Tropfen höhlt den Stein!

Sabine Albert-Brady
SKKS Bonn

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