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Die Dojokun
des Budo Studien Kreises
Seit altersher ist es in den Kampfkünsten üblich, die körperliche Übung durch
ein adequates Paket an philosophischen Verhaltensregeln begleiten zu
lassen, die dem Übenden Sinn und Maß in seiner Lebensbewältigung geben.
Die erste Dojokun entstand bereits im Shaolin-Kloster und pflanzte sich
über die Jahrhunderte in allen weiteren asiatischen Kampfkünsten fort.
Auf Okinawa wurde sie zum ersten Mal von Meister Sakugawa
formuliert, erhielt jedoch in den folgenden Generationen verschiedene
Anschauungsaspekte, wurde immer wieder erneut verändert und den
jeweiligen Zeitepochen angepaßt. In Japan erfuhr die Karate-Dojokun
durch Meister Funakoshi eine
erneute Anpassung, u.a., an die philosophischen Weisheiten des
Schwertkampfes und formulierte sich neu in den 20 Regeln für
Shotokan-Karate (Shoto nijukun). Im
Anschluß wird die Dojokun des Budo Studien Kreises dargestellt - von Werner Lind aus
den alten Systemen recherchiert und nur im Budo Studien Kreis gültig.
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| 1. Suche nach der Vervollkommnung deines Charakters |
Bemühe
dich darum, nicht nur deinen Körper zu üben, sondern begegne deinen inneren Unebenheiten
mit derselben Kraft, wie du im Training lernst, äußere Schwierigkeiten zu überwinden
Diese Regel bezieht sich auf das ausgewogene innere Verhältnis des Menschen zu
sich selbst. Sie macht deutlich, daß die Übung des Budo nicht nur das Körperliche
meint, sondern daß der Übende sich in allen alltäglichen Situationen selbstkritisch
betrachten soll, um festzustellen, welches die inneren Probleme sind, die der Perfektion
seines Selbst im Wege stehen. Durch diese Regel wird der Übende aufgerufen, seinen
inneren Unebenheiten mit derselben Kraft zu begegnen, wie er es im körperlichen Training
lernt, äußere Schwierigkeiten zu überwinden. Mit einem wachen und selbstbetrachtenden
Geist kann der Übende den Sinn dieser Regel in unzähligen Situationen an sich selbst
feststellen. So kann er z.B. erkennen, ob er sich im inneren Gleichgewicht befindet oder
ob er im Vorurteil denkt und handelt. Auch Tendenzen zur Überheblichkeit, zum Egoismus,
zur Selbstüberschätzung, zur Ungerechtigkeit, zum Selbstmitleid, zu unkontrollierten
Gefühlen u.a. fallen unter diese Regel. Wenn sie nicht behoben werden, verhindern sie den
Fortschritt auf dem Weg. Lernt er jedoch, sein Inneres zu meistern, wird ihm diese
Erfahrung im Leben sehr von Nutzen sein. Die Übung des Körpers wird mit dem Älterwerden
ihre Grenze erreichen, der Geist jedoch läßt sich bis zum Tod immer weiter
vervollkommnen.
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| 2. Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig |
Achte
das Leben, deine Kunst und den anderen Menschen. Pflege gegenseitige Beziehungen mit
ehrlicher Gesinnung und vermeide Haltungen, durch die du in Frage gestellt werden kannst.
Stehe zu deinen Verantwortungen und pflege den Geist der Freundschaft
Diese Regel bezieht sich auf die Haltung des Menschen gegenüber dem Leben und auf
die die Bereitschaft zum richtigen Verhältnis zwischen Selbst und Gegenüber. Sie macht
darauf aufmerksam, daß auf dem Weg zu einem Ziel eine harmonischen Beziehung zwischen dem
Selbst und den existierenden Umständen nötig ist, da kein Ziel im selbstsüchtigen
Wollen, sondern nur im rechten Verhältnis zu den Gegebenheiten erreicht werden kann.
So z.B. erläutert sie die Grundvoraussetzungen, durch die rechte und gerechte Beziehungen
zu anderen Menschen möglich werden. Fruchtbare Beziehungen entstehen erst dann, wenn ein
Mensch fähig ist, persönliche Ansprüche durch die Bereitschaft zur Hingabe
auszugleichen. Gerät das Gleichgewicht zwischen Bereitschaft und Anspruch durch
egoistische oder oberflächliche Fehlhaltungen in Gefahr, wird jede Kommunikation
unterbrochen.
Das Gleichgewicht zwischen innen und außen ist wichtig, will der Mensch sich auf die
rechte Weise in der Welt bekunden. Stillschweigend setzt jeder Mensch bei einem anderen,
mit dem er in gemeinsame und gegenseitige Abhängigkeiten tritt, diese gleichgewichtige
Haltung voraus. Doch dort, wo Menschen mehr wollen, als sie geben, höhere Ansprüche
stellen, als sie bereit sind zu verantworten, viel versprechen und wenig halten, Großes
beabsichtigen und Kleines tun, ziehen sie sich das Mißfallen all jener zu, die das
entstehende Ungleichgewicht durch erhöhte Opfer ausgleichen müssen. Da keine
realistische Selbsteinschätzung vorhanden ist, erlaubt eine solche Haltung auch keinen
wahren Wertaustausch mit anderen und deshalb auch keine ehrliche, sondern nur eine
oberflächliche Beziehung.
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| 3. Sei achtsam in deinem Streben |
Vermeide
jede Form des egoistischen Strebens. Überwinde den Egoismus, die Selbstsucht und die
Habgier, sei maßvoll im Nehmen und großzügig im Geben. Dränge dich nicht in den
Vordergrund, halte deine Ansprüche gering und bekenne dich zur Verantwortung, zur Hilfe
und zur Toleranz
Diese Regel bezieht sich auf die Verwirklichung des Menschen in seinen
persönlichen Lebenszielen. Sie hängt eng mit dem ersten und zweiten Leitsatz zusammen,
da jedes angestrebte Ziel einer reifen Grundhaltung bedarf, wenn es abwegige und
uneinschätzbare Wirkungen vermeiden will. Wie Menschen im persönlichen Umfeld ihre Ziele
setzen, bestimmt in einer übergeordneten Dimension den Frieden in der Welt. Deshalb ist
Strebsamkeit allein nicht die vermeintlich positive Kraft, sondern wird es erst durch die
Verbindung mit einer reifen inneren Haltung. Streben ist gebunden an Sinn, an Maß und an
Erkenntnis. Die Philosophie des Budo lehrt, daß Streben ohne Verantwortung auf die eine
oder andere Weise immer dem Leben entgegensteht.
Diese Betrachtung ist nicht nur dem Budo eigen, sondern allen Philosophien, die einen
Ausweg aus dem durch falsches Streben hervorgerufenen Dilemma suchen, in der sich
gegenwärtiges Leben befindet. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier in einer zweipoligen
Bestimmung gefangen: Zum einen ist er wie alles Leben das Resultat eines natürlichen
Zufalls, darin gefangen und ihm bedingungslos unterworfen. Da er sich nicht herauslösen
kann, ist er den natürlichen Gesetzen ohnmächtig preisgegeben, abhängig und
unselbständig. Zum anderen entwickelt er aber durch sein Bewußtsein eine zweite, der
ersten entgegengesetzte Kraft, dank der er persönliche Ziele anstreben und erreichen
kann. So verändert er nach eigenen Vorstellungen die Welt und verwirklicht darin das
Abbild dessen, was er in seinem Sinne für richtig und dienlich hält. Darin besteht sein
Unterschied zum Tier, das, des Denkens nicht mächtig, den natürlichen Gesetzen
widerstandslos preisgegeben ist.
Jeder bewußte Eingriff in das von der Natur geforderte Erdulden ist jedoch immer
Selbstverwirklichung und Auflehnung zugleich. Alles, was der Mensch für den Umfang seiner
persönlichen Wünsche beansprucht, nimmt er sich zum Nachteil jener Kraft, die ihm auf
der Vorstufe seiner Bewußtwerdung Leben ermöglicht. Überschreitet er das Maß und
verletzt das Gleichgewicht zu seinem tragenden Ursprung, entfernt er sich gleichzeitig von
der Quelle seiner natürlichen Lebenskraft, durch die er entsteht, wächst und gedeiht.
Das Vertrauen in das Selbst erlaubt dem Menschen einen gewissen Abstand zu den
unkontrollierbaren Mächten der Natur, doch die vollkommene Befreiung ist nicht möglich.
Nur durch einen Geist, der das Maß erkennt und das Gleichgewicht wahrt, kann sein Leben
gedeihen. Um ihn zu verwirklichen, ist Streben notwendig, doch es darf nicht vom Ich
bestimmt sein, das Wachstum und Gewinn ohne Grenzen fordert. Es bedarf der Kontrolle und
der Lenkung aus der von innen heraus gereiften Haltung zum Leben, die Streben in beide
Richtungen der menschlichen Bestimmung ermöglicht. Im Ungleichgewicht der Extreme
verfehlt es den Sinn und stellt das Überleben in Frage.
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| 4. Ehre die Prinzipien der Etikette |
Respektiere
die Budo-Etikette und bemühe dich darum, sie in deinem Verhalten sichtbar zu machen. Gehe
nicht gedankenlos über sie hinweg und suche nicht nach Entschuldigungen, wenn du sie
verletzt. Gleiche Fehler durch erhöhte Hingabe aus und lasse sie nicht auf sich beruhen
Diese Regel bezieht sich auf die richtigen Formen der Verhaltensetikette, die ein
Mensch beachten muß, wenn er von anderen verstanden und angenommen werden will. Menschen
mit einer schlechten Verhaltensetikette werden selbst im Wohlgemeinten mißverstanden,
denn sie widerlegen ihre Absichten und Aussagen durch unentsprechendes Verhalten. Die
rechte Etikette macht einen Menschen glaubwürdig, offen und unkompliziert. Sie bewirkt
eine verständliche Kommunikation mit anderen und hilft die Harmonie in den
zwischenmenschlichen Beziehungen zu erhalten.
Die Etikette besteht aus der objektiv wahrnehmbaren Verhaltensform eines Menschen, durch
das er einem anderen mitteilt, daß er in der rechten Weise zur gegenseitigen
Verständigung bereit ist. Dort, wo die Form von inneren Unebenheiten überschattet oder
durch eine unbewußte Gestik widerrufen wird, verliert der Mensch an Glaubwürdigkeit und
Vertrauen. Menschen ohne Etikette sind beständig dabei, das, was sie sagen, durch ihren
Ausdruck zu widerlegen. Darauf beruhen viele Mißverständnisse. Häufig zerbricht eine
Beziehung an der Unfähigkeit, sich angemessen mitzuteilen. Durch die in der Übung
gereifte Etikette ist ein Mensch in der Lage, sich von jenen inneren Zwängen zu befreien,
die ihm Wohlgemeintes nach außen ins Gegenteil verdrehen. Ohne Etikette wird
Aufrichtigkeit zu Grobheit, Mut zu Auflehnung, Demut zu Unterwürfigkeit, Respekt zu
Kriecherei und Vorsicht zu Furchtsamkeit. Die rechte Etikette sorgt für Frieden und
Harmonie zwischen den Menschen. Sie findet in den Kampfkünsten in den Leitsätzen
"Ohne Höflichkeit geht der Wert des Karate verloren" und "Karate beginnt
mit Respekt und endet mit Respekt" ihren Ausdruck.
Meister Funakoshi bezeichnete die Höflichkeit als die Grundlage jeder Etikette und den
Gruß als ihr wichtigstes Symbol. Das jede Übung beständig begleitende Rei führt den
Übenden zur Überwindung der inneren Ichbezogenheit und erlaubt ihm letztendlich, anderen
Menschen ohne Maske gegenüberzutreten. Alle Fortgeschrittenen wissen um die Bedeutung des
Rei. Übende, die das Grüßen durch Nachlässigkeit verletzen, gelten als unbescheiden,
selbstbezogen und unanpassungsfähig. Die Art und Weise, wie ein Übender grüßt, ist ein
Spiegel seiner selbst.
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| 5. Verzichte auf Gewalt |
Mißbrauche
weder das Wissen noch das Können, das du dir in der Übung der Kampfkünste aneignest,
für eigennützige Zwecke. Bekenne dich zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit
und bemühe dich in allen Problemsituationen um friedliche Alternativen
Diese Regel bezieht sich sowohl auf die notwendige innere Haltung, die menschliches
Zusammenleben ermöglicht, als auch auf die Formung eines menschenwürdigen Charakters.
Bei den Tieren sind die Verhaltensmuster zur Erhaltung ihrer Art in ihren natürlichen
Anlagen vorhanden und werden von der Natur gelenkt. Der Mensch kann sie durch seine
Verselbständigung mit egoistischen Interessen ersetzen und braucht daher eine durch
Erkenntnis verinnerlichte Instanz, die auf das Maß seiner Handlungen achtet. Diese
Instanz ist dem Menschen nicht mitgegeben, er muß sie sich erarbeiten. Deshalb mahnt
diese Regel zum Verzicht auf körperliche Gewalt und bezeichnet gleichzeitig alle Formen
der Gewaltanwendung als menschenunwürdig.
Ein Fortgeschrittener in den Kampfkünsten kann anderen Menschen ernsthafte Verletzungen
zufügen und ist dann, wenn er seine Fähigkeiten als Machtmittel gegenüber seinen
Mitmenschen verwendet, eine Gefahr für die Gesellschaft und ein menschenunwürdiges
Individuum. Auf dieser Grundlage wurde ursprünglich das Budo vom Bujutsu getrennt. Das
Ziel des Bujutsu war es, vollendete Formen des Tötens zu lehren, während das Budo die
Selbstmeisterschaft, also die Meisterschaft des Verhaltens lehrt. Meister Funakoshis
Karate ni sente nashi (Im Karate gibt es keinen Angriff) erläutert, daß der Mensch als
geistiges Wesen die Fähigkeit besitzt, Wege der Gewaltlosigkeit zu finden, wenn er den
Situationen mit überwundenem Ich begegnet. Die Lösung der zwischenmenschlichen Probleme
auf der Basis der Gewalt sind primitive Gepflogenheiten und ermöglichen kein menschliches
Zusammenleben unter dem Zeichen des Geistes. Der gebildete Mensch ist in der Lage,
Situationen zu beurteilen und Lösungen zu suchen. Ist sein Resultat dennoch die Gewalt,
hat er sich vom Tier nicht weit entfernt.
In der Geschichte der Kampfkünste wie auch in der Menschengeschichte gibt es viele
Zeugnisse von großem Leid, das durch Gewaltanwendung über die Menschen kam. Dennoch
gehen viele Kampfkunstanhänger mit diesem Leitsatz sehr leichtfertig um. Manche Menschen
üben die Kampfkünste nur mit dem Zweck, ihre Gegner besiegen zu lernen. Budo ist jedoch
vor allem eine Kunst der Selbstperfektion, und dazu gehört das richtige Verständnis
dieser Regel.
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Oben genannte Dojokun ist in vollem Umfang durch das
Copyright des BSK geschützt.
Sie ist eine Kurzfassung aus Budo - der geistige Weg der Kampfkünste von Werner Lind
Weitere Studien der Dojokun:
Klassisches Karate-do von Werner Lind
Budo - der geistige Weg der Kampfkünste von Werner Lind
Lexikon der Kampfkünste von Werner Lind |
Die Dojokun
als praktische Übung
Die Erfahrung in der Praxis zeigt, daß zur Meisterschaft
der Kampfkünste die Dojokun nicht fehlen darf. Für alle Übenden, gleich ihrem Rang, ist
es von essentieller Bedeutung, daß sie ihre eigene Haltung (Shisei) in regelmäßigen
Kontrollen der Dojokun gegenüberstellen. In Übungsgruppen mit einem gesunden Budo Geist
ist sie nicht nur ein Maßstab des Lernens, sondern auch ein Spiegel des Verhaltens, durch
das der einzelne mit der Gemeinschaft im Austausch steht. Sie reflektiert das Maß des
Rechten und des Falschen im Verhalten, sie stellt das Gleichgewicht im Geben und Nehmen
her und besteht auf dem gerechten Ausgleich zwischen Ansprüchen und Bereitschaften.
Die wohlverstandene Dojokun bewirkt durch den von ihr erzeugten Budo Geist die gesunde
Integrität der Gemeinschaft. Als unbeeinflußbare Instanz läßt sie jedem Übenden das
zukommen, was er sich durch seine Haltung verdient. Nicht im egoistischen Kampf um
persönliche Größe, sondern erst durch die Dojokun gibt es in der Gemeinschaft eine
gerechte und neutrale Verteilung der Anerkennungen, denn jede Selbsteinbildung, jede
Überheblichkeit und jeder unlegitime Wert zerbricht im direkten Vergleich mit ihr. Allein
durch diesen Maßstab sind Übende gezwungen, sich selbst so zu begegnen, wie sie wirklich
sind. Nie wird ein Übender in einer gesunden Budo Gemeinschaft Harmonie erfahren, wenn er
unreife Vorstellungen statt tatsächlicher Werte bezeugt. Die Dojokun erlaubt keine
Täuschungen und wird auf diese Weise zum Mittelpunkt jeder Budo Lehre.
Die Dojokun ist für den Übenden eine Herausforderung und für den Lehrer ein Maßstab,
anhand dessen er die Wegentwicklung in jedem Einzelnen mißt. Manchmal will ein Übender
das nicht erkennen und verhält sich unangepaßt und egoistisch. Solche Haltungen kehren
sich jedoch um, da eine gesunde Gemeinschaft sie reflektiert. Es gehört zur Aufgabe eines
Übenden, beständig seine Haltung zu überprüfen und die hervorgerufenen Resonanzen zu
überdenken. Widerspricht sich seine Selbstmeinung mit dem Echo aus der Budo Gemeinschaft,
sind neue Überlegungen sicherlich nötig. Die Übung der Dojokun ist das wirkungsvollste
Mittel, innere Grenzen in sich selbst herauszufordern und in Frage zu stellen. In einer
solchen Übung gibt es keinen Raum für falsche Werte, denn wahre Werte bestätigen sich
von selbst durch die entgegenkommende Resonanz aus Anerkennung und Achtung.
Die in der Dojokun angesprochenen Bereiche werden in der Kampfkunstliteratur in vielen
Leitsätzen (Kaisetsu) im Einzelnen erläutert, die den Übenden helfen sollen, den Weg
des Budo zu gehen. Es gibt sehr viele dieser Leitsätze, die aus der gesamten Breite der
Budo Philosophie kommen. Die Meister der einzelnen Schulen wählen aus ihrer großen
Vielfalt die ihnen wichtig erscheinenden aus und begründen darauf die philosophische
Grundlage ihrer Schule. Im traditionellen Shotokan-ryû gibt es zwanzig Leitsätze, die
von Meister Funakoshi zusammengefaßt wurden und als Shoto nijukun bekannt sind. Die
meisten anderen Leitsätze stammen aus dem japanischen Bushido oder aus dem Zen.
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Copyright Werner Lind
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Traingsregeln für Mitglieder und Gäste
des Budokan
im Budo Studien Kreis und Budokan
(von
Werner Lind)
- Halte deine Trainingspläne ein und sorge
dafür, daß du pünktlich und verläßlich bist. Bringe einen regelmäßigen Rhythmus in
deine Trainingsbesuche und teile deinen Lehrern mit, wenn du nicht kommen kannst. Übe
regelmäßig, jedoch ohne Übertreibung. Vermeide es grundsätzlich, gegenüber anderen
ein ungewisser Faktor zu sein.
- Bringe Ordnung und Selbstdisziplin in dein
Leben. Kontrolliere beständig deine Beziehung zu deinem Lehrer und zu deinem Dojo.
Bewahre die rechten Umgangsformen und vergiß nie zu zeigen, daß du zur Zusammenarbeit
bereit bist.
- Sei nicht überheblich, besserwisserisch
oder arrogant, sondern bekenne dich zur Lernbereitschaft. Erziehe dich auch im
alltäglichen Leben zur Bescheidenheit und Kontrolle. Wenn du den Weg der Kampfkünste
gehen willst, dann bemühe dich darum, daß andere Menschen vor deinen Fähigkeiten deinen
Charakter schätzen.
- Vermeide es, für andere Recht oder
Unrecht zu sprechen. Sehe dich selbst an und löse zunächst deine eigenen Probleme.
Fordere niemals mehr als du verdienst, und kritisiere nie, wenn du nicht verstehst.
- Wenn du das Dojo betrittst, verbeuge dich
zum Zeichen deines Respektes. Betrete es nur mit sauberen Füßen und sauberer
Trainingskleidung. Halte deine Trainingskleidung immer in Ordnung und lasse sie und auch
deine anderen persönlichen Sachen niemals achtungslos herumliegen.
- Wenn du Übungsgeräte oder andere Dinge
benutzt, bringe sie anschließend an ihren Platz zurück. Wird ein Gerät beschädigt,
muß es sofort instandgesetzt werden. Übe nie mit der Waffe eines anderen ohne dessen
Genehmigung. Helfe immer beim Saubermachen des Dojo.
- Konzentriere dich im Dojo auf deine Übung
und achte beständig auf deine innere Haltung. Stelle keine unnötigen Fragen, sondern
versuche zu lernen. Wenn ein Fortgeschrittener dir hilft, bedanke dich bei ihm, indem du
Rei ausführst.
- Verlasse das Dojo nicht während des
Trainings. Überwinde dich zum Durchhalten und erziehe dich mit Stärke. Mußt du deine
Übung dennoch unterbrechen, vergiß nicht, dich ordnungsgemäß abzumelden.
- Übe immer in deinem weißen Karategi mit
dem rangentsprechenden Gürtel. Vermeide farbige Gis mit auffälligen Stoffabzeichen. In
Ausnahmefällen kann in normeler Sportkleidung geübt werden.
- Achte die Fortgeschrittenen innerhalb und
außerhalb des Dojo. Nur in der rechten Haltung ihnen gegenüber kannst du von ihnen
lernen. Nehme die Herausforderung an der rechten Stelle an und versuche selbst ein
Fortgeschrittener zu werden.
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Copyright Werner Lind |
Regeln für Übungsleiter
im Budo Studien Kreis und Budokan
(von
Werner Lind)
- Sei dir immer deines Standes bewußt und
benehme dich mit Verantwortung und Würde. Habe Geduld mit deinen Schülern, nötige sie
zu nichts, sondern lehre sie durch dein Beispiel. Denke immer daran, daß du der Maßstab
bist, an dem sie sich orientieren.
- Achte auf eine Atmosphäre von Disziplin,
Respekt und Vertrauen, doch erzwinge sie nicht mit autoritären Regeln. Vergiß nie, daß
du das Vertrauen deiner Schüler verlierst, wenn du Regeln ohne menschliche Zuwendung und
ehrliches Wohlwollen anwendest. Ohne persönliche Bindungen kannst du nicht unterrichten
und Karate wird zu einem autoritären Regelsystem mit falschen Inhalten.
- Beurteile deine Schüler nicht nach ihrem
körperlichen Talent, sondern nach ihrem Charakter, ihrer Selbstdisziplin und ihrer
Hilfsbereitschaft.
- Versuche jeden Schüler individuell zu
unterrichten und setze ihm seine Ziele entsprechend seinen persönlichen Fähigkeiten und
Anlagen. Vermeide es grundsätzlich, kollektive Ziele anzusteuern, und ermögliche dem
Einzelnen eine Entwicklung innerhalb seiner Möglichkeiten.
- Lehre nichts, was du nicht verstanden
hast, sprich nicht über Dinge, die du noch nicht erfahren hast, und vermittle nicht den
Eindruck, daß du endgültig bist. Verberge deine Fehler nicht und sei deinen Schülern
vor allem ein ehrlicher Freund. Denke nicht, daß deine Autorität ihnen gegenüber auf
deiner Position oder Graduierung beruht, sondern lehre mit deiner wahren Persönlichkeit.
Es ist nicht nötig, daß du das optimal Beste bietest, sondern biete das dir Mögliche,
doch biete es ganz.
- Erwarte von deinen Schülern nicht, daß
sie mehr geben, als ihrem Fortschritt entspricht. Gebe ihnen die Zeit, die auch du
brauchtest, um zu wachsen. Erinnere dich daran, daß auch dein Fortschritt der jahrelangen
Pflege deiner Lehrer bedurfte und ebensoviel Geduld erforderte, wie du nun aufbringen
mußt, um sie zu lehren.
- Konzentriere deine persönlichen
Anstrengungen nicht nur auf die körperliche Übung, sondern auch auf die Disziplin und
das Studium des Karate als Kunst. Entwickle beständig deine Fähigkeit zum Ideal und
suche deine Herausforderungen in erster Linie in der Perfektion deines Selbst.
- Vergiß nie, daß du selbst noch Schüler
bist. Versäume es nicht, dich beständig weiterzuentwickeln und Karate mit konstruktivem
Geist zu erforschen. Achte dabei vor allem auf deine beispielgebende Haltung gegenüber
deinen Schülern und gleichzeitig auf das rechte Verhältnis zu deinen Lehrern. Nur auf
diese Weise kannst du wachsen.
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